Amnesty Journal Türkei 16. Oktober 2026

Umweltaktivismus in der Türkei: Wächter*innen der Olivenhaine

Zwei Frauen, sitzen draußen in einem Wald und lächeln, eine von ihnen singt oder ruft, hinter ihnen sind andere Frauen.

Friedlicher Protest: Esra und Nejla Işık (Waldgebiet Akbelen, Juli 2026)

Im November richtet die Türkei die Weltklimakonferenz COP31 in Antalya aus. Umweltaktivist*innen in dem Land geraten immer mehr unter Druck. 

Von Sabine Küper-Büsch

Landwirt*innen und Umwelt­aktivist*innen breiten am Rand eines Olivenhains Decken auf dem Boden aus. Darauf stehen Thermoskannen mit Tee, Schüsseln mit eingelegten Oliven, Eier, Gemüsekuchen und Honig aus der Imkerei. Während Transparente gemalt werden, hallt ein Ruf über die Felder: "Hände weg von unseren Olivenbäumen!" Mitten unter den Protestierenden sitzt Nejla Işık. Die 46-Jährige wurde auf dem Höhepunkt des Widerstands gegen einen Braunkohletagebau zur Dorfvorsteherin von İkizköy gewählt. Man kennt sie über die Region hinaus, seit 2023 große Teile des Waldgebietes Akbelen für die Erweiterung des Tagebaus gerodet wurden. Der Wald liegt zwischen zwei Kohlekraftwerken im Landkreis Milas und gilt als Symbol des Widerstands gegen die Kohleindustrie auf Kosten der lokalen Bevölkerung. Seit Jahren kämpfen die Dorfbewohner*innen gegen Rodungen und Enteignungen. "Neben Eichen und Rotbuchen wachsen hier jahrhundertealte Olivenbäume", sagt Nejla Işık. "Diese Bäume sind unsere ­Lebensgrundlage."

Mehr als ein Streit um den Wald

An diesem Protesttag geht es um den Prozess gegen ihre Tochter Esra. Die 26-Jährige war Ende März in einem Olivenhain festgenommen worden und saß anschließend 42 Tage lang wegen angeblichen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte in Untersuchungshaft. Rund 300 Umweltaktivist*innen aus der gesamten Türkei reisten an, um sie zu unterstützen. Doch es half nichts: Esra Işık wurde am 8. Juli zu zwei Jahren und einem Monat Haft verurteilt. Nach der Urteilsverkündung sagte sie: "Wir kämpfen hier für die Zukunft unseres Landes und für die Versorgung mit Lebensmitteln. Das ist kein Verbrechen. Wir lassen uns nicht unterkriegen." Ihre Anwält*innen haben Berufung eingelegt.

Wir kämpfen für die Zukunft unseres Landes und für die Versorgung mit Lebensmitteln. Das ist kein Verbrechen.

Esra
Işık

Der Konflikt um Akbelen ist längst mehr als ein Streit um einen Wald. Er steht exemplarisch dafür, wie sich in der Türkei lokale Umweltproteste gegen immer mehr Bergbau-, Energie- und Infrastrukturprojekte zu Auseinandersetzungen über grundlegende Rechte ausweiten. Von Akbelen über die Kupfermine von ­Cerattepe bis zur Goldmine von İliç vernetzen sich Dorfgemeinschaften, Wissenschaftler*Innen und Umweltorganisationen. "Die Frauen aus İkizköy und den Nachbardörfern waren früher vor allem mit Landwirtschaft und Hausarbeit ­beschäftigt. Heute sind sie die Gesichter ­einer Protestbewegung, die der Regierung Angst macht", sagt die Klima- und Umweltwissenschaftlerin Deniz Gümüşel.

Als Mitglied des İkizköy-Umweltkomitees und der Plattform "Recht auf saubere Luft" beobachtet sie seit Jahren, wie die Behörden friedlichen Protest immer wieder kriminalisieren. Die Repression beginne häufig lange vor Polizeieinsätzen: mit Enteignungen, beschleunigten Genehmigungsverfahren, eingeschränkten Umweltverträglichkeitsprüfungen und Versammlungsverboten. Wer dennoch protestiere, müsse mit Inhaftierung, ­Anklagen und langwierigen Gerichts­verfahren rechnen. Amnesty International kritisiert, dass friedliche Umwelt­ver­teidi­ger*in­nen wie Esra Işık strafrechtlich verfolgt werden, obwohl sie lediglich von ­ihrem Recht auf friedlichen Protest Gebrauch machen. Menschenrechtsorganisationen weisen seit Jahren darauf hin, dass friedlicher Protest in der Türkei ­immer häufiger kriminalisiert und zivilgesellschaftliches Engagement erheblich erschwert wird.

Der Fall Hakan Tosun

Eine derartige Eskalation erlebte auch ­Deniz Gümüşel. Während der Akbelen-Rodungen lebte sie mehr als ein Jahr im Protestcamp. Als im Juli 2023 Bagger und Holzfäller anrückten, blockierten Demonstrierende die Zufahrten. 53 Menschen wurden festgenommen, darunter auch die Klima- und Umweltforscherin. "Sie zogen mich an den Haaren, verdrehten mir den Arm und schlugen mich so stark, dass mein ganzer Körper voller ­Hämatome war", erinnert sie sich. Ärzte dokumentierten die Verletzungen. Eine Demonstrantin brach nach dem Einsatz von Tränengas bewusstlos zusammen. ­Ermittlungen gegen die Sicherheitskräfte wurden später eingestellt, mehrere Aktivist*innen erhielten Bewährungsstrafen.

Auch Deniz Gümüşel wurde angeklagt. Nach ihrer Freilassung untersagte ihr das Gericht, jene Orte zu betreten, an denen sie die Proteste wissenschaftlich begleitete. Anfang 2026 wurde sie wegen angeblichen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu fünf Monaten Haft verurteilt; die Strafe wurde auf Bewährung ausgesetzt. Für Gümüşel steht fest: "Im Wald von Akbelen kamen Menschen aus der gesamten Türkei zusammen, weil sie begriffen haben, welches Ausmaß die Landnahme der Industrie inzwischen ­erreicht hat. Die Regierung hatte Angst, dass daraus ein zweites Gezi wird." Sie spielt damit auf die wochenlangen, ­landesweiten Proteste im Jahr 2013 an. Damals hatten Demonstrierende den ­Taksim-Platz in Istanbul besetzt, weil die Regierung ein Einkaufszentrum in den angrenzenden Gezi-Park bauen wollte. Bis heute werden Akteur*innen von damals kriminalisiert, manche verbüßen ­lebenslange Haftstrafen.

Umweltjournalist stirbt nach Angriff

In der Türkei führten Bau-, Energie- und Industrieprojekte dazu, dass zwischen 2018 und 2024 rund 1.860 Quadratkilometer Natur- und Agrarflächen dauerhaft verloren gingen – eine Fläche, die mehr als doppelt so groß ist wie das Stadtgebiet Berlins. Unter Druck geraten nicht nur Umwelt- und Klimaaktivist*innen, sondern auch Journalist*innen, die über die Konflikte berichten. Der Dokumentarfilmer und Umweltjournalist Hakan Tosun recherchierte jahrelang zum Bergbau türkischer und internationaler Unternehmen. Nachdem er im Oktober 2025 in Istanbul von zwei Männern angegriffen und schwer verletzt worden war, starb er im Krankenhaus. Der Anwalt der Familie, Hakan Bozyurt, kritisiert die Ermittlungen. Obwohl die mutmaßlichen Täter bekannt gewesen seien, habe es zunächst keine Festnahmen gegeben. Erst nach juristischem Druck sei weiter ermittelt worden. Vor ­Gericht erklärten die Angeklagten, das Opfer sei alkoholisiert gewesen und habe sie beleidigt. "Es besteht ein erhebliches Missverhältnis zwischen der Härte der Strafverfolgung gegen oppositionelle Aktivisten*innen und dem Vorgehen gegen Verdächtige schwerer Straftaten", sagt Anwalt Hakan Bozyurt. Tosuns Familie wirft den Ermittlungs­behörden Versäumnisse vor. 

Wenn sich im November die internationale Staatengemeinschaft zur Weltklimakonferenz COP31 in Antalya trifft, wird sie über Emissionsziele, die Energiewende und Klimagerechtigkeit verhandeln. Für die Menschen in Akbelen steht jedoch eine andere Frage im Mittelpunkt: Wer schützt diejenigen, die Wälder, Wasser und Böden verteidigen? Die aktuellen Konflikte zeigen, dass Klima- und Umweltschutz und Menschenrechte nicht voneinander getrennt gedacht werden können. Klima- und Umweltschutz beginnt mit dem Schutz der Menschen, die ihn vor Ort einfordern.

Sabine Küper-Büsch ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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