Aquakultre: Zwischen Gospel und Galgen
Aquakultre setzt sich auf die Spuren seines 1935 hingerichteten Ururgroßvaters
© Mo Phung
Der kanadische Musiker und Künstler Aquakultre erforscht in "1783" die Geschichte des "Black Battalion" aus Nova Scotia, das im Ersten Weltkrieg in Frankreich Schützengräben aushob.
Von Thomas Winkler
Am 3. September des Jahres 1783 wurde der Frieden von Paris geschlossen. Das Königreich Großbritannien erkannte darin die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika an. Es war das offizielle Ende der Amerikanischen Revolution. 1783 begann auch die Schwarze Geschichte Nova Scotias: Ungefähr 3.000 Afrikaner*innen wurden in die kanadische Provinz evakuiert, weil sie sich auf die Seite der Briten geschlagen hatten – für die Zusage ihrer Befreiung aus der Sklaverei. Auch das ist ein Teil der Geschichte: befreite Sklav*innen, die für die Kolonialmacht kämpften und vor der jungen Demokratie flüchten mussten, um ihre Freiheit nicht wieder zu verlieren.
Musikalisches Erbe zur Black-History-Oper verarbeitet
"1783" hat Aquakultre sein neues Album genannt. Zweieinhalb Jahrhunderte nach der Ankunft der ersten Schwarzen Menschen im Nordosten des Kontinents formt der Musiker, Künstler und Filmemacher ihr musikalisches Erbe zu einem Mosaik. Die Black-History-Oper beginnt auf den Baumwollfeldern des US-amerikanischen Südens, Call-and-Response-Gesänge und erdverbundener Blues verwandeln sich auf dem Weg in den Norden in elegischen Jazz und herzerwärmenden Soul, eine Country-Geige kommt ebenso vorbei wie ein Gospelchor. "Alles, was auf dem Album zu hören ist, findet man hier in der Gegend", erzählt Lance Sampson, wie Aquakultre eigentlich heißt, per Videoschalte aus seinem Haus in Halifax. "Hier gibt es HipHop, Funk und R&B, und sobald man die Stadt verlässt, stößt man auf Country Music, findet Banjos und Fiedel. Gerade Gospel ist extrem wichtig hier, in der Saint Thomas Baptist Church in North Preston gibt es die besten Sänger und Sängerinnen, die du auf diesem Planeten finden kannst."
Aber "1783" ist nicht nur ein musikalisches Abbild der Schwarzen Community von Nova Scotia. Das Album hat auch ein historisches Anliegen: Aquakultre will damit eine Geschichte bewahren, die vergessen zu werden drohte, indem er die Geschichten einzelner Menschen erzählt. Zum Beispiel die seines Ururgroßvaters, die geprägt ist von Rassismus, der "in Kanada genauso stark ist wie in den USA", sagt Aquakultre. "Er ist nur besser versteckt. In den USA sagen sie dir das N-Wort ins Gesicht. Hier sagen sie dir: Du bist cool und verwenden das N-Wort dann zu Hause am Abendbrottisch."
Sampsons Ururgroßvater diente im Ersten Weltkrieg im No. 2 Construction Battalion. Die in Frankreich stationierte Einheit war die einzige der kanadischen Armee, die nur aus Schwarzen bestand. Das sogenannte "Black Battalion" durfte jedoch nicht an Kampfhandlungen teilnehmen, sondern wurde für niedere Arbeiten eingesetzt wie das Ausheben von Schützengräben. Nach seiner Rückkehr lebte Daniel P. Sampson wieder in Nova Scotia und machte 1935 Schlagzeilen, als er – obwohl unschuldig – wegen Mordes an zwei weißen Jungen zum Tode verurteilt wurde.
Im Gefängnis lernte er Gitarre
Aquakultre schickt nun einen "Letter To The No 2 Construction Battalion", er komponiert eine Liebeserklärung an "La Joux", den Ort im Jura, in dem die Einheit stationiert war. Im epischen "Gallows", dem zentralen Song des Albums, imaginiert er die letzten Stunden seines Ururgroßvaters, bevor er am 7. März 1935 gehängt wurde: "City don’t give a goddamn about a black boy like me", singt er – und schlägt so die Brücke in die Gegenwart. Denn in gewisser Weise erzählt der Song auch die Geschichte von Lance Sampson: Er war 15 Jahre alt, als er das erste Mal in den Jugendknast kam, mit 18 dann in ein richtiges Gefängnis. Mit 21 wurde er wegen Drogenhandels und Waffenbesitzes zu fünf Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis lernte er Gitarre spielen und beschäftigte sich ernsthaft mit Musik. Als er nach 18 Monaten wegen guter Führung entlassen wurde, begann ein neues Leben: "Seit ich das letzte Mal entlassen wurde, hab ich mir nichts mehr zuschulden kommen lassen – und darauf bin ich stolz."
Reise nach Frankreich
Sampson ist inzwischen 33 Jahre alt und arbeitet seit drei Jahren als Sozialarbeiter. Wenn seine Bewährungsfrist 2028 abgelaufen ist, will er nach Frankreich reisen auf den Spuren des Construction Battalions und seines Ururgroßvaters. "Warum sollte ich nicht in Frankreich ein paar Verwandte haben?", fragt er. "Das waren wilde Typen, die sich dort zum Teil gegenseitig umgebracht haben, und keine Kinder von Traurigkeit. In dem Track 'La Joux' nehme ich mir die Freiheit, das Was-wäre-wenn durchzuspielen: Hatten Soldaten vielleicht Kinder mit französischen Frauen? Gibt es heute vielleicht noch Nachkommen dieser Soldaten? Dann hätten eine Menge Menschen hier in Nova Scotia womöglich Verwandte in Frankreich, von denen sie noch nie gehört haben."
Eine Reise nach Frankreich wäre die Fortsetzung eines größeren Projekts, zu dem auch das Album "1783" gehört. Für einen lokalen Fernsehsender dreht Lance Sampson die Dokumentarserie "Generations: Black Memories of Nova Scotia": Er besucht andere Mitglieder der Schwarzen Community, macht Musik mit ihnen, lässt sie ihre Geschichten erzählen und dokumentiert so die Alltagskultur. Das Projekt liegt ihm am Herzen, weil er selbst abgetrennt von der eigenen Kultur und Geschichte aufgewachsen ist: "In meiner Jugend habe ich alles gehasst, mein Leben, mein Viertel, Nova Scotia, ich habe mich selbst gehasst – und jeden, der so aussah wie ich", sagt er. "Ich war auch deshalb so wütend, weil ich kein Gespür für die Community hatte und keine Ahnung von der Geschichte der Schwarzen in Nova Scotia. Heute glaube ich, dass wenn ich mehr darüber gewusst hätte, wenn ich mich mit dieser Geschichte und mit der Community hätte identifizieren können, dann wäre mein Weg anders verlaufen."
Thomas Winkler ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
Aquakultre: 1783 (Outside Music/Bertus)