Amnesty Journal 28. September 2026

Kritik der Waffen, Waffen der Kritik

Menschen demonstrieren auf einer Straße für den Frieden, eine große Fahne mit Friedenstaube wird geschwenkt.

Die militärische Logik bezweifeln: Teilnehmer*innen einer Friedensdemonstration in Bonn im April 2026

Auf den ersten Blick wirken zwei neue Bücher über Krieg und Frieden völlig gegensätzlich. Und doch haben beide mehr zu bieten als schlichte politische Polarisierung.

Von Maik Söhler

Zwei Autoren sehen sich dieselbe ­politische Weltlage an – Kriege, ­militärische Attacken, Aufrüstung um jeden Preis und vermehrte autoritäre Angriffe – und kommen im Hinblick auf Krieg und Frieden zu völlig unterschied­lichen Ergebnissen. 

Stephan Anpalagan, Theologe, Stern-Kolumnist und Amnesty-Unterstützer, schreibt in seinem neuen Buch "Für den Frieden": "Deutschland, das ist meine ­tiefe Überzeugung, ist ein wunderbares Land mit wunderbaren Menschen, die es verdient haben, gegen alle inneren und äußeren Gefahren verteidigt zu werden. Es bleibt uns in unserer neuen Welt keine andere Wahl, als den Kampf gegen unsere Feinde aufzunehmen und uns zu verteidigen."

Kriegstüchtigkeit und Gegenposition

Hartmut Rosa, Soziologe und Politikwissenschaftler, vertritt im Geleitwort des Sammelbands "Kriegsuntüchtigkeit als Chance" die exakte Gegenposition: "Nun will ich keineswegs unterstellen, wer heute kriegstüchtig werden wolle, plane in Wirklichkeit bereits einen Angriffskrieg. (…) Aber er übersieht, dass Kriegstüchtigkeit den Keim der Aggression immer schon in sich trägt. Dass die immer wieder und wieder zitierte Idee, man müsse kriegstüchtig sein, um den Frieden zu ­erhalten, genau jene Illusion ist, die seit ca. 6.000 Jahren Kriege hervorbringt." 

Der Untertitel von Anpalagans Buch, "Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung", gibt dem knapp 200 Seiten umfassenden Werk einen starken Drall ins Plakative, der so gar nicht zum Rest passen will. Denn der Autor hat mehr Fragen als Antworten und stellt überzeugend dar, wie sehr ihn gerade der Zweifel im politischen Denken und Handeln immer wieder antreibt. Er hat einst den Wehrdienst in Deutschland aus Gewissensgründen verweigert und leitet seine damalige ­Begründung noch einmal ausführlich her. Dies sind die stärksten Passagen des Buchs, weil Anpalagan seine Leser*innen einlädt, an Stationen seines Lebens teil­zuhaben, weil er undogmatisch und ­menschenrechtsorientiert über Kriege und Konflikte spricht und darüber, wie Schwarze Geflüchtete aus Sri Lanka zu "richtig guten Deutschen" wurden. Oder, anders gesagt: wie viel Rassismus der deutschen Integrationsdebatte seit Jahrzehnten innewohnt. 

Der Zweifel spielt auch in dem Sammelband "Kriegsuntüchtigkeit als Chance" eine zentrale Rolle: Er bezweifelt militärische Logiken im Detail und im großen Ganzen und bündelt nicht immer leicht zu lesende Beiträge aus der wissenschaftlichen Friedens- und Konfliktforschung, aus dem politischen Friedensaktivismus sowie aus der christlichen Theologie, dem Feminismus und vielen anderen Fachdisziplinen und Milieus. Die Autor*innen sind sich darin einig, dass Krieg und Aufrüstung abzulehnen sind und dass es zahlreiche gesellschaftliche Alternativen zur Waffenbeschaffung gibt. Die Stärke dieses Buchs liegt in seiner Vielfalt und den bedingungslos-pazifistischen Perspektiven auf eine Welt, in der endlich Frieden sein soll.

Maik Söhler ist Chefredakteur des Amnesty Journals.

Stephan Anpalagan: Für den ­Frieden. Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung. S. Fischer, Frankfurt/M. 2026, 190 S., 18 Euro.

Hermann Theisen (Hg.): Kriegs­untüchtigkeit als Chance. Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung. Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2026, 272 S., 28 Euro.

WEITERE BUCHTIPPS

Die im Schatten leben

von Nina Apin

Eingesperrt in einer Wohnung ohne Pass, bis zu 21 Kunden am Tag: Nach Monaten der Ausbeutung entscheidet sich die Sexarbeiterin Brienne, ihre Zuhälterin an­zuzeigen. Papiere bekommt sie aber nur für die Dauer des Prozesses, danach muss sie nach Thailand ausreisen – das sie, falschen Versprechen folgend, verlassen hatte. Auch Charlotte aus Kamerun hat keine gültigen Papiere. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, sie lebt zeitweise auf der Straße,  traut sich selbst als Schwangere nicht zum Arzt. Dâu aus Vietnam arbeitet in Blumenläden und Imbissen – angewiesen auf ein Netzwerk von Landsleuten, die sie mit Schlafplätzen, Jobs und Essen unterstützen.

In ihrer Graphic Novel "Schatten­leben" machen die Zeichnerin Lisa Frühbeis und der Reporter Jonas Seufert deutlich, was es bedeutet, in der Illegalität zu leben. "Sie sollen hier sein und gleich­zeitig nicht hier sein", schreiben sie im Vorwort über das Dilemma von geschätzt Hunderttausenden, die im deutschsprachigen Raum ohne gültige Papiere leben und arbeiten. Systematisch fächern sie das Panorama der Illegalität auf. Die mit harten Linien gezeichneten, filigran ausgearbeiteten Schwarz-Weiß-Panels sind sparsam koloriert. Jeder Geschichte ist eine Farbe zugeordnet und ein Thema, das mit Fakten ergänzt wird: Arbeit, Gesundheit, Abschiebungen, Regularisierung.

Die Autor*innen lassen ihre vier Protagonist*innen anonymisiert ihre Geschichten erzählen, ohne zu werten. Was die politische Behandlung von Menschen ohne Papiere betrifft, beziehen sie jedoch unmissverständlich Stellung: gegen inhumane, absurd teure Abschiebungen, für eine Legalisierung im Land lebender und arbeitender Menschen nach dem Vorbild Spaniens, für eine Legalisierung derer, die Arbeitsausbeutung aufdecken. Dieses schön gestaltete, gut recherchierte Buch sollte in keiner Bibliothek fehlen.

Jonas Seufert, Lisa Frühbeis: Schattenleben. Menschen ohne Papiere erzählen. Reprodukt Berlin 2026, 160 Seiten, 24 Euro.

Die neue Verwundbarkeit

von Till Schmidt

"Du Opfer!" Wer so abgewertet wird, gilt den anderen als verweichlichter Schwächling. Oft geht die Phrase mit Homophobie, Sexismus, Behindertenfeindlichkeit und Mobbing einher. Wir sprechen aber auch von Opfer, wenn jemand umkommt oder Schaden erleidet, wenn wir einer Gottheit eine Gabe darbringen oder zugunsten eines Mitmenschen auf etwas verzichten. Das Englische ist differenzierter, es unterscheidet zwischen "sacrifice", "victim" und "loser".

Die Bestsellerautorin Alice Hasters setzt sich in ihrem neuen Buch mit diesen Bedeutungsebenen des Opferbegriffs auseinander. Ob im Bundestag, in Talkshows oder unter Aktivist*innen – das Thema ist äußerst präsent. Hasters zeigt: Das ist einerseits gut, weil das Sprechen über das persönliche Geschädigt-worden-Sein dabei helfen kann, Anerkennung für das eigene Leid zu finden – und damit auch den gesellschaftlichen Blick für diskriminierende Strukturen zu schärfen. 

Gleichzeitig stellen Menschen ihre ­eigene Verwundbarkeit oft stark demonstrativ zu Schau: Als mitunter sinnvolle ­politische Strategie, aber auch im Zuge eines alles und jede*n psychologisierenden Therapiesprechs. Oder mit dem Zweck, im narzisstischen Spiel der digitalen Plattformen Aufmerksamkeit und schnelle Empathie zu generieren. Eine Auseinandersetzung mit der gewandelten Bedeutung des Zeigens von Verwundbarkeit ist daher vielschichtig und herausfordernd. 

In Hasters’ Buch finden sich viele ­kluge Gedanken zum Umgang mit Diskriminierung, Privilegien, Verantwortung, Bevormundung und Verletzlichkeit. Ihre Beobachtungen sind lesens-, oft auch diskutierenswert. Ihrem Buch fehlt es allerdings an inhaltlichem Fokus und theoretischer Tiefe. Besonders spannend ist es daher, "Anti-Opfer" zusammen mit an­deren aktuellen Büchern zum Thema zu lesen, etwa mit "Opfer. Über Verwund­barkeit als Selbstbild" der Philosophin Maria-Sibylle Lotter.

Alice Hasters: Anti-Opfer. Warum wir Verletzlichkeit verachten. ­Ullstein Verlag, Berlin 2026, 
288 Seiten, 22,99 Euro.

Raum einnehmen

von Marlene Zöhrer

"Wahrer, positiver Gedanke: / Mein Wert als Mensch / wird nicht von einer Waage bestimmt." 
Ellie sammelt positive Gedanken, um die negativen loszuwerden, die sie seit ihrer frühen Kindheit begleiten. Vorurteile, Ausgrenzung und psychische sowie physische Formen von Mobbing gehören zu ihrem Alltag, selbst dort, wo sie sich eigentlich sicher und geliebt fühlen sollte: im eigenen Zuhause, bei ihrer Familie. Ihre Mutter setzt Ellie permanent wegen ihres Körpergewichts unter Druck, kontrolliert sie, zwingt sie zu Diäten und drängt sie sogar zu einer Magenverkleinerung. Die beiden älteren Geschwister Ellies stehen der Mutter zunächst in nichts nach, allein der Vater hält zu ihr. Unterstützung bekommt sie auch von ihrer besten Freundin, dem neuen Nachbarsmädchen und dessen Familie sowie der Therapeutin, die Ellie Doc nennt. Mit ihrer Hilfe gelingt es Ellie schließlich, sich Stück für Stück ihren Platz in der Welt zu erobern, ihren Selbstwert zu erkennen und zum titelgebenden Starfish (Seestern) zu werden:

"Wie ich mich nicht mehr verstecke / oder versuche kleinzumachen. / Wie stolz ich bin, / ich selbst zu sein / und den Raum zu beanspruchen, / den ich brauche. / Ich bin es wert, / gesehen zu werden. / Gehört zu werden. / Wie ein Mensch behandelt zu werden. / Ich werde zum Seestern." 
Lisa Fipps erzählt Ellies Geschichte in freien Versen. Diese wirken aufgrund des reflektierten, selbstironischen Tons zuweilen sogar unbeschwert. In ihrer Offenheit im Umgang mit dem Thema Bodyshaming und auch aufgrund der Härte, mit der Ellies Umfeld ihr begegnet, geht das beim Lesen dann aber doch unter die Haut. Vieles wird nicht auserzählt, und doch werden die Gefühle der Elfjährigen deutlich und ihre Gedanken nachvollziehbar. Dieser Roman richtet sich an junge Menschen, ist aber auch Erwachsenen zu empfehlen.

Lisa Fipps: Starfish. Übersetzt von Meritxell Janina Piel. Hanser Verlag, München 2026, 272 Seiten. 17,50 Euro, ab 11 Jahren.

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