Film „Call Me Queen“: Die Hausangestellte wird zur Kollegin
Afrika "verkauft sich schlecht", doch Queen (Mitte) und Anna recherchieren trotzdem zur AIDS-Epidemie in Kenia.
© Hélène Louvart / Ringel Film
In "Call Me Queen" erzählt Regisseurin Emily Atef vom Bürgerprotest gegen schlechte medizinische Versorgung während der Aids-Epidemie in Ostafrika.
Von Jürgen Kiontke
Kenia 1999: Ganz Ostafrika wird von der Aids-Epidemie heimgesucht, kaum eine Familie, in der es keinen Krankheitsfall gibt. In der Umgebung der alleinerziehenden Mutter Queen ist das nicht anders. Viele Menschen in den Blechhütten ihres Wohnorts siechen dahin, die medizinische Versorgung ist unzureichend. Es wäre dringend notwendig, billige Generika antiviraler Medikamente zu importieren, doch das geschieht nicht. Grund ist ein Patentstreit zwischen der Welthandelsorganisation WTO und der um ihre Profite fürchtenden Pharmaindustrie auf der einen und den Regierungen afrikanischer Länder auf der anderen Seite.
Queen braucht dringend einen Job. Über einen privaten Kontakt und mit viel Nachdruck heuert sie bei der irischen Auslandskorrespondentin Anna als Hausangestellte an. "Du wirst mich brauchen", argumentiert sie gegenüber der skeptischen Journalistin, die bisher ganz gut allein zurechtkam.
Auch Anna merkt, dass Aids ein großes Thema in den Medien sein müsste. Täglich sterben Hunderte Menschen, die Unterversorgung ist eklatant – eigentlich müsste internationale Hilfe organisiert werden. Ihr Chefredakteur sieht das aber anders: Afrika verkaufe sich schlecht, im Moment sei Krieg auf dem Balkan, das sei wichtiger. Ein ums andere Mal schiebt er Annas Plänen und Berichten einen Riegel vor.
Zunächst toleriert Anna Queen in ihrem Haushalt eher widerwillig, doch muss sie anerkennen, dass die junge Frau gute Kontakte hat, die viele potenzielle journalistische Stories bieten. Über Queen gelangt sie an Interviewpartner*innen und Informationen aus erster Hand, die sie sonst nie bekommen hätte – aus der Hausangestellten wird eine Kollegin.
"Sie töten uns mit ihrer Preisgestaltung"
Zusätzliche Dynamik erhält das Verhältnis zwischen den Frauen, als Queen an Aids erkrankt. Sie will sich mit ihrem Schicksal nicht abfinden, und Anna hilft ihr, gute Ärzt*innen zu finden. Bald organisieren die beiden öffentliche Debatten und Demonstrationen vor der WTO-Niederlassung, um eine bessere Gesundheitsversorgung zu fordern. Sie klagen in TV-Interviews die Pharmaindustrie an und machen klar: Hilfe ist da, sie ist bloß zu teuer. "Sie töten uns mit ihrer Preisgestaltung", so bringt es Queen auf den Punkt. Und Annas Selbstverständnis wandelt sich: Die Berichterstatterin wird zur Aktivistin.
Emily Atef hat einen ermutigenden Film über zwei Frauen gedreht, deren kulturelle Hintergründe unterschiedlicher nicht sein können. Der Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen zur Umsetzung des Menschenrechts auf gesundheitliche Versorgung steht ebenso im Fokus wie die aktuelle Frage, ob journalistische Arbeit aktivistisch teilnehmend oder nur beobachtend sein sollte.
Jürgen Kiontke ist freier Autor, Journalist und Filmkritiker. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
"Call Me Queen". D/F/GB 2026. Regie: Emily Atef. Mit Denise Gough, Eliane Umuhire. Kinostart: 15. Oktober 2026.
Hier kannst du dich zur Menschenrechtslage in Kenia informieren.
WEITERE MUSIK- & FILMTIPPS
von Jürgen Kiontke
Ein unruhiger Episodenfilm über Rassismus und Diskriminierung in Deutschland kommt von Regisseur Ali Tamim. Der junge Noah wurde bei einer Polizeikontrolle getötet, aber über den genauen Ablauf erfährt man nicht viel. Tamim erzählt die Ereignisse allein durch das Agieren von Noahs verzweifelter Mutter Mariama, die am Telefon mit Verwandten über die Details der Beerdigung spricht. Eingespielt wird die Stimme eines Polizeisprechers, der ihr mitteilt, dass ihr der Zugang zum Leichnam verweigert wird, weil noch kriminaltechnische Untersuchungen laufen.
Der Regisseur wählt einen äußerst plastischen Einstieg: Der Tod des Sohnes stellt nicht nur die Welt, sondern auch die Kamera zeitweise auf den Kopf. Mit zwei weiteren Handlungssträngen führt dieser Film durch den Zeitraum einer Nacht. Der türkische Polizist Ibo wird spät mit seiner Einheit zum Einsatz gerufen. Ein Auto brennt, die Beamt*innen versuchen, Informationen in einem von Migrant*innen bewohnten Haus zu sammeln. Es kommt zu Auseinandersetzungen, in denen Ibo zwischen die Fronten gerät: Mögliche Zeug*innen aus dem heruntergekommenen Plattenbau greifen ihn an, weil er Polizist ist, es kommt zu Tumulten. Seine Kolleg*innen unterstellen ihm mangelnde Neutralität und reproduzieren Vorurteile.
Die Jugendlichen Melek und Musa streichen unterdessen durch die Berliner Straßen, sie sprechen über die Perspektivlosigkeit und die Wut junger Migrant*innen auf Behörden und teure Mieten in ghettoartigen Randgebieten. Er habe Stimmen einen Raum geben wollen, die in den Diskussionen über Integration und Rassismus sonst nicht gehört würden, sagt Ali Tamim, der selbst in Berlin-Neukölln aufgewachsen ist. Seine Darsteller*innen agieren mit Wucht und Präsenz in einem Film, der die Zuschauer*innen mit seiner Energie anspringt und mehr mit Gefühl als Analyse arbeitet.
"Noah". D 2026. Regie: Ali Tamim. Mit Meriam Abbas, Joyce Sanhá. Kinostart: 1. Oktober 2026.
von Thomas Winkler
Die Geschichte des Albums "Joka" beginnt in einem Keller in Israel. Im Haus seiner Eltern findet Gidon Carmel 2018 eine Schachtel mit Briefen seiner Großmutter Joka, die er nie kennengelernt hat. Gidon liest die Briefe, beginnt nachzuforschen und interviewt seinen Vater, Jokas Sohn. Er sammelt Dokumente und Fotos und findet sogar die selbstgeschriebene Lebensgeschichte von Jokas Mutter.
Langsam ersteht aus diesen Puzzleteilen eine Geschichte, und in Gidon Carmel wächst die Idee, Joka ein musikalisches Denkmal zu setzen. Die Geschichte Jokas beginnt im ungarischen Gyula. Dort wurde sie geboren, dort wuchs sie auf, bevor sie 1944 nach Auschwitz deportiert wurde. Joka überlebte das Vernichtungslager, emigrierte nach Israel, gründete eine Familie und starb 1979 an Krebs. Zehn Jahre später wurde Gidon Carmel geboren, und fast 30 Jahre später fand er im Keller Jokas Briefe. Nun erzählt der mittlerweile in Berlin lebende Musiker – in Zusammenarbeit mit dem kanadischen Sänger Kyle Morton – die Lebensgeschichte seiner Großmutter in elf berührenden Songs.
Immer wieder nimmt Carmel neue Perspektiven ein: Er lässt Joka selbst sprechen, ihre Mutter, ihren Sohn und sogar ihren Bruder, der als Kind in Auschwitz ermordet wurde. Berührend ist auch, wenn in "Bundy the Husband" Jokas Mann zu Wort kommt, der bei Kriegsende 15 Jahre alt war und als einziger seiner Familie den Holocaust überlebte.
Mit dieser Musik, die immer schwer und zähflüssig bleibt, aber auch helle Momente aufscheinen lässt, gelingt es Carmel, die irrsinnige Dimension des Holocaust zu erfassen, indem er den Blick auf ein einzelnes Leben richtet. Ein Song über sich selbst schlägt den Bogen in die Gegenwart. "Gidon the Grandson" schrieb Carmel 2022, genau 80 Jahre nach der berüchtigten Wannseekonferenz bei Spaziergängen um den Berliner See. Im selben Jahr wurde in einem Krankenhaus in der Nähe Noah geboren: Gidons Sohn und Jokas Urenkel.
Gidon Carmel & Kyle Morton: Joka (Popup Records)
von Thomas Winkler
Nach "Miss Colombia", dem Album, mit dem sie 2020 ihren Durchbruch feierte, beschwerte sich Lido Pimienta, dass sie in den Plattenläden unter Weltmusik eingeordnet wurde. Warum nicht einfach Pop? Den weltweit wichtigsten Musikpreis Grammy gewann sie in einer Nischensparte mit dem sperrigen Titel "Best Latin Rock or Alternative Album". Das klang nach Resterampe. Erzürnt nahm sie ein Album auf, das traditionelle Musikstile aus ihrer Heimat Kolumbien wie Cumbia in einen klassischen Orchesterkontext setzte, und wartete gespannt darauf, ob man ihr nun die Schublade "Klassik" gewähren würde. Das passierte zwar nicht, doch das großartige "La Belleza" wurde von der Kritik gefeiert, bekam weitere Preise, und Pimienta wurde mit Björk verglichen.
Mit ihrem neuen Werk "Caribenya" zieht die 1986 in Barranquilla geborene und mittlerweile in Toronto lebende Sängerin, Musikerin und Komponistin nun weitere Schubladen aus einem Schrank voller Genres, kippt den Inhalt auf den Boden und freut sich über die Unordnung.
"Caribenya" erscheint als Doppelalbum mit "La Belleza" – als seien sie von vornherein als Gesamtwerk gedacht gewesen. Tatsächlich denken die neuen Songs den orchestralen Anspruch weiter – und führen ihn zugleich zurück in die Welt des Pop. Das Klangbild ist raumgreifend, mitunter pompös, aber eingängige Melodien und elektronische Beats schmuggeln sich derart geschickt in die Songs, dass sie stets tanzbar sind. Während die Musik immer anschlussfähiger wird, bleibt Pimienta textlich weiter bei ihren Themen. In Songs wie "Tóxica" erörtert sie die Folgen von Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Kolonialismus. Und wenn sie in "Marea" zu einem rund rollenden Rhythmus über eine "isla bonita" singt, ist die Sommerstimmung doch von einer filigranen Melancholie durchzogen. Eine Musik, die eurozentrisches Schubladendenken ad adsurdum führt und mit feinem Humor kommentiert.
Lido Pimienta: Caribenya (Anti/Indigo)