Khaled Quzmar: Anwalt der verlorenen Kindheit
Der palästinensische Anwalt und Kinderrechtler Khaled Quzmar im Gespräch mit einer Mutter und ihrem Sohn in Ramallah im Westjordanland (25. Juli 2026)
© Amnesty International, Foto: Sergey Ponomarev
Khaled Quzmar kämpft seit fast vier Jahrzehnten für die Rechte von palästinensischen Kindern und Jugendlichen. Inmitten eines brutalen Konflikts versucht er, ihre Stimmen hörbar zu machen. Dafür erhält der Jurist den Menschenrechtspreis von Amnesty International in Deutschland.
Aus Ramallah von Andrzej Rybak
Im Haus der Familie Suleiman* herrscht Feierstimmung. Seit zehn Tagen reißt der Besucherstrom nicht ab. Es gibt Kaffee und Süßigkeiten, Kinder spähen neugierig durch die Tür. Alle wollen Ammar* sehen, der gerade aus israelischer Haft entlassen wurde. Und so sitzen ein Dutzend Verwandte im Raum, als Khaled Quzmar durch die Tür tritt. Der großgewachsene Mann, Jahrgang 1964, dessen verbliebenes Haar längst weiß ist, strahlt, als er den 18-Jährigen begrüßt.
Quzmar ist an diesem Tag aus Ramallah gekommen, dem politischen Zentrum des von Israel besetzten Westjordanlands. Dort arbeitet er seit fast 40 Jahren als Menschenrechtsverteidiger und leitet das Palästinensische Zentrum für Kinderrechte (PCCR). Seine Mitarbeiter*innen haben Ammar Suleiman vor einem israelischen Militärgericht verteidigt. Die Anschuldigungen waren schwer, Ammar wurde beschuldigt, Bomben zu bauen. Obwohl es keine Beweise gab, drohten ihm zehn Jahre Haft. "Uns ist es gelungen, das Gericht milde zu stimmen", sagt Quzmar. "Er musste nur 13 Monate absitzen."
Die Zeit der Haft war dennoch sehr hart. "Im Gefängnis gab es jeden Tag Schläge", erzählt Ammar, der damals noch minderjährig war. "Die Wärter kamen in unsere Zelle, ordneten an, uns bis auf die Unterhose zu entkleiden und auf den Fußboden zu legen. Dann schlugen sie uns mit einem Stromkabel." Solche Berichte hat Quzmar schon tausendfach gehört, gewöhnt hat er sich daran bis heute nicht. Seine Lippen werden schmal, er senkt den Blick, presst kurz die Hände zusammen.
"Das sind Kinder, sie haben diese Brutalität nicht verdient", klagt der Menschenrechtler. Er schwankt zwischen Wut und Mitgefühl. Militärgefängnis bedeutet in vielen Fällen sogar Lebensgefahr, denn Folter ist dort an der Tagesordnung. Viele Gefangene bekommen nur ein Minimum an Nahrung, es gab bereits Hungertote. "Den Militärgerichten ist es egal, ob ein Anwalt bei der Verhandlung anwesend ist. Auch das humanitäre Völkerrecht spielt keine Rolle", stellt Quzmar fest. "Zurzeit befinden sich mindestens 350 Kinder in israelischer Militärhaft, ich mache mir große Sorgen um sie."
Der palästinensische Rechtsanwalt und Kinderrechtsexperte Khaled Quzmar (Aufnahme vom Juli 2026)
© Amnesty International, Foto: Sergey Ponomarev
"Ich tue alles, was in meinen Kräften steht"
Khaled Quzmar ist ein Mann der Prinzipien, er glaubt an die Kraft des Rechts, obwohl er täglich dessen Verletzung erlebt. "Ich glaube nicht, dass Steine oder Gewehre eine Lösung bringen können", sagt er. "Die Gewalt gegenüber unserem Volk wird trotzdem irgendwann enden, das habe ich aus der Geschichte gelernt." Mit seiner Arbeit versuche er einen Beitrag zum Ende der Besatzung zu leisten. "Meine Rolle ist es, die Opfer zu unterstützen. Vielleicht ist das nicht viel, aber ich tue alles, was in meinen Kräften steht."
Für seinen Einsatz als Verteidiger palästinensischer Kinder erhält Khaled Quzmar in diesem Jahr den Menschenrechtspreis von Amnesty International Deutschland. "Seit fast 40 Jahren gibt er unermüdlich und allen Widerständen zum Trotz der vulnerabelsten Bevölkerungsgruppe Palästinas eine Stimme: den Kindern. Er kämpft unerschütterlich für ihre grundlegenden Rechte, die im Kontext von Besatzung, Apartheid und Genozid systematisch verletzt werden. Er kämpft für ihr Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, auf Freiheit und Sicherheit, auf Bildung, auf Gesundheit und auf Wohnen – und er kämpft dafür, dass diese Menschenrechte für palästinensische Kinder auch tatsächlich gelten. Khaled Quzmar hat dafür einen hohen persönlichen Preis gezahlt, er wurde von den israelischen Behörden diffamiert, vorgeladen und bedroht – und hat nie aufgegeben. Für diesen Mut und seinen Einsatz ehrt die deutsche Sektion von Amnesty International Khaled Quzmar mit dem diesjährigen Menschenrechtspreis", sagte Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty Deutschland.
Khaled Quzmar besucht eine Familie in ihrem neuem Zuhause, nachdem sie von israelischen Siedler*innen vertrieben worden war (24. Juli 2026).
© Amnesty International, Foto: Sergey Ponomarev
Ein Zaun teilt das Land der Familie
Quzmar erinnert sich noch genau an den Moment, in dem er beschloss, Anwalt zu werden. Er war 13 Jahre alt, als israelische Soldat*innen seinen Bruder Mohammad festnahmen und ins Gefängnis steckten, nachdem dieser sein Studium in Jordanien abgeschlossen hatte. "Mein Bruder hatte nichts getan, er hatte nur die Wehrausbildung absolviert, die damals an der Universität in Amman in jedem Fachbereich verpflichtend war", sagt Quzmar. Sein Vater ließ sich das von der Universität bestätigen, trotzdem wurde der Bruder zu acht Monaten Haft verurteilt.
Als Khaled den großen Bruder im Gefängnis besuchte, durfte er ihn nicht umarmen. "Wir saßen uns gegenüber, zwischen uns ein Drahtgitter", erzählt Quzmar. "Ich konnte zwei Finger durchstecken, um seine Hand zu berühren." Er sah aber, dass ein Anwalt zu seinem Bruder durchgelassen wurde – damit stand die künftige Berufswahl fest. Er ging zum Studium der Rechtswissenschaften nach Algerien, denn im Westjordanland gab es damals keine juristische Fakultät. 1987 kehrte er zurück und begann als Rechtsanwalt zu arbeiten. Mohammad saß wieder einmal im israelischen Gefängnis. "Als Anwalt konnte ich ihn diesmal besuchen und umarmen", erzählt Quzmar und lächelt.
2009 starb Mohammad im Alter von 60 Jahren nach einer Erkrankung. Jedes Mal, wenn Quzmar in Izbet Salman im Westen des Westjordanlands weilt, besucht er auch das Grab seines Bruders. Er ist neben der Mutter und dem Vater begraben, auf einem Hügel, wo einst das Haus der Familie stand. Von hier kann man den schwergesicherten Zaun gut sehen, den Israel 2003 baute und dessen Bau auf besetztem Gebiet der Internationale Gerichtshof ein Jahr später als völkerrechtswidrig bezeichnete. Der Zaun teilt das Land der Familie in der Mitte. Die Hälfte ihrer Felder liegt seitdem unerreichbar in einem abgesperrten Bereich.
Wären da nicht die martialischen Grenzbefestigungen, könnte man auf den ersten Blick den Eindruck einer friedlichen Gegend bekommen. Olivenhaine und Obstgärten prägen die Landschaft, der Boden gibt gute Erträge. Aber die Stimmung ist aufgeheizt. Israelische Behörden wollen mehrere palästinensische Häuser in der Gegend abreißen, da sie in einem Gebiet liegen, in dem Israel keine Baugenehmigungen für Palästinenser*innen erteilt. Darunter auch zwei Häuser, die Quzmars Brüdern gehören.
Einer von ihnen, Abdel Nasser, saß elf Jahre im Gefängnis. Israelische Soldat*innen zerstörten seine Gewächshäuser, weil sie zu nah am neuen Grenzzaun standen. Abdel Nasser wollte Vergeltung, plante einen Anschlag auf den Zaun, wurde aber zuvor verhaftet. Die "kurze" Strafe von elf Jahren Haft – üblich wären 25 Jahre – verdankt er dem Einsatz seines Bruders als Anwalt.
"Meine vier Brüder saßen alle in israelischen Gefängnissen, ich bin eine Ausnahme", sagt Khaled Quzmar. "Aber ich verbrachte trotzdem Jahre meines Lebens in israelischen Gefängnissen und vor Militärgerichten, während ich meine Klienten verteidigte." Als er seine Tätigkeit als Anwalt aufnahm, begann im Westjordanland die erste Intifada. Während des Aufstands stapelten sich die Fälle, 30 bis 40 am Tag waren keine Seltenheit, darunter viele Kinder und Jugendliche, die Steine auf Panzer warfen.
Khaled Quzmar (rechts) geht mit Ammar Suleiman* an der israelischen Sperranlage im Westjordanland entlang. Suleiman war 13 Monate in einem israelischen Gefängnis inhaftiert.
© Amnesty International, Foto: Sergey Ponomarev
Hebräisch gelernt
Heute sind fast alle seine Mandanten minderjährig. Deren Behandlung durch die israelische Militärgerichtsbarkeit findet Quzmar besonders empörend. "Sie wurden meist bei nächtlichen Razzien festgenommen, geschlagen und eingeschüchtert", sagt er. "Ihre Geständnisse kamen oft unter Folter zustande." Quzmar ist fest davon überzeugt, dass Kinder und Jugendliche nicht zum Objekt der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzung gemacht werden dürfen.
"Sie haben am wenigsten Einfluss auf den Konflikt und müssen oft den höchsten Preis zahlen", beklagt er. Er spezialisierte sich deshalb auf die juristische Verteidigung von Kindern und begann 1995 für die Kinderrechtsorganisation Defense for Children International-Palestine (DCI-P) zu arbeiten.
"Du kämpfst gegen ein System, das errichtet wurde, um zu bestrafen, nicht um Gerechtigkeit zu bringen", sagt der Menschenrechtler. "Du hast kaum eine Möglichkeit, vor Gericht zu gewinnen, egal welche Beweise du für die Unschuld vorlegen oder welche Zeugen du aufrufen kannst."
Manche Verfahren ziehen sich über zwei Jahre – und es gibt keine Möglichkeit, jemand gegen Kaution freizubekommen. Quzmar kritisiert, dass palästinensische Jugendliche im Westjordanland vor israelischen Militärgerichten angeklagt werden, während israelische Siedler*innen im selben Gebiet dem Zivilrecht unterliegen. "Das ist Apartheid", sagt er knapp. "Nach dem Zivilgesetzbuch muss der Staatsanwalt deine Schuld beweisen. Vor einem Militärgericht aber bist du so lange Terrorist, bis du deine Unschuld bewiesen hast."
Vor dem Militärgericht steht der Verteidiger vor einem Dilemma. Wenn er auf die Einhaltung internationaler Rechtsstandards besteht, schadet er womöglich seinen Klienten. "Der Richter sagt dir: Wach auf, du bist nicht in Den Haag", berichtet Quzmar. "Dann verhängt er eine noch höhere Strafe." Er änderte deshalb seine Strategie und lernte Hebräisch, um mit Richter*innen und Staatsanwält*innen besser sprechen zu können.
Um seinen Klienten lange Gefängnisstrafen zu ersparen, schlägt er der Staatsanwaltschaft Deals vor – schnelle Geständnisse gegen niedrige Strafen. "Wegen der vielen Fälle sind die Militärgerichte überlastet", sagt der Anwalt. "Ich einige mich mit dem Staatsanwalt auf die Höhe der Strafe, sodass der Richter drei Fälle in fünf Minuten abschließen kann." Sein Vorgehen stimmt Quzmar vorher mit den betroffenen Familien ab. Die Strafen waren meist halb so hoch wie üblich.
Frust über das Justizsystem
Manche der israelischen Staatsanwält*innen und Richter*innen haben ebenfalls Zweifel an der Militärgerichtsbarkeit. Aber als Militärangehörige müssen sie ihre Befehle befolgen. "Ich kenne Staatsanwälte, die nach dem Ausscheiden aus dem Militärdienst als Menschenrechtsverteidiger arbeiten", sagt Quzmar. "Es scheint, als würden sie so ihre Schuld aufarbeiten wollen."
Der Frust über das juristische System und die eigene Machtlosigkeit staute sich nach Jahren unermüdlicher Arbeit an und machte Quzmar mit der Zeit zu schaffen. Irgendwann konnte er nicht mehr. "Ich war ein psychisches Wrack", sagt er. "Ich wollte anderen Leuten beibringen, wie sie mit Kindern umgehen sollen, und schrie meine Kinder zu Hause wegen Kleinigkeiten an."
Er suchte nach einem anderen Job. Dazu kam es aber nicht. Stattdessen ging er nach Irland, um nochmal zu studieren: Internationales Recht, ein Master-Studiengang. Am Anfang verstand er in den Vorlesungen gerade einmal zehn Prozent. Weil sein Englisch nicht gut genug war, verbrachte er Nächte über dem Wörterbuch. "Ich lud meine Kommilitonen zum Essen ein und bat sie, meine Arbeiten zu korrigieren", sagt er. Sein Abschluss war hervorragend.
Der palästinensische Rechtsanwalt und Kinderrechtsexperte Khaled Quzmar (Aufnahme vom Juli 2026)
© Amnesty International, Foto: Sergey Ponomarev
Die Gewalt im Westjordanland nimmt zu
Quzmar hat vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne, ein Sohn ist auch Rechtsanwalt geworden. Die Familie lebt am Rand von Ramallah in einem Haus, das nur wenige Kilometer von einer israelischen Siedlung entfernt liegt. "Früher hatten wir persönlich keine Probleme mit den Siedlern", sagt der Menschenrechtler. "Aber seit dem 7. Oktober 2023 leben wir in Angst." Er ließ die Mauer, die um sein Grundstück verläuft, auf 3 Meter 50 erhöhen und Überwachungskameras installieren. Immer wieder schaut er sich im Büro die Kamerabilder auf seinem Mobiltelefon an und prüft, ob zu Hause alles in Ordnung ist.
Seine Vorsicht ist nicht übertrieben. Seit dem Angriff der Hamas und anderer bewaffneter palästinensischer Gruppen auf Israel im Oktober 2023 überfallen israelischen Siedler palästinensische Dörfer im Westjordanland noch häufiger als zuvor. Oft werden sie dabei von der Armee begleitet und geschützt.
"Es kann keine Zweifel geben: Die ethnischen Säuberungen im Westjordanland sind in vollem Gange", sagt Yair Dvir, Sprecher von B’Tselem, dem Israelischen Informationszentrum für Menschenrechte im besetzten Gebiet. Bezalel Smotrich, israelischer Finanzminister und Propagandist des religiösen Zionismus, sagt mittlerweile offen, dass Israel mindestens 82 Prozent des besetzten Westjordanlands annektieren wolle.
Militär und Siedler*innen töteten seit Oktober 2023 im Westjordanland nach Angaben der palästinensischen Autonomiebehörde 1.182 Palästinenser*innen, verletzten rund 13.000 und vertrieben 35.000. "Im ersten Halbjahr 2026 gab es im Westjordanland 11.000 dokumentierte Angriffe, das sind etwa 60 pro Tag", sagt Salah Khawaja, Direktor des Büros der Anti-Siedlungskommission der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah.
Diese Palästinenserin kam noch vor Kriegsausbruch mit ihrem Sohn aus dem Gazastreifen nach Ramallah im Westjordanland, um ihn medizinisch behandeln zu lassen. Aufgrund des Krieges können sie nicht mehr zurückreisen (Aufnahme vom Juli 2026).
© Amnesty International, Foto: Sergey Ponomarev
Beim Spielen von israelischen Soldat*innen beschossen
Die Zunahme der israelischen Gewalt erschwert auch die Arbeit von Khaled Quzmar. Diesmal blockiert ein Militärfahrzeug die Hauptstraße Nr. 60. Das Militär führt in der Gegend von Nablus Razzien durch, nachdem im Sommer 2026 bei Angriffen von Siedlern vier Palästinenser und zwei Israelis getötet wurden. Der Anwalt, der in Jenin erwartet wird, ruft seine Mitarbeiter*innen an, um zu erfahren, welche Straßen noch passierbar sind. Auf Umwegen gelangt er ans Ziel. Im Dorf Anza trifft er Haneen* und ihre Mutter Layla*. Das elfjährige Mädchen wurde vor knapp zwei Jahren beim Spielen im Hof von israelischen Soldat*innen beschossen und erlitt schwere Kopfverletzungen.
Eine Kugel und drei Splitter drangen tief ins Haneens Gehirn ein. Die Ärzt*innen öffneten die Schädeldecke, glaubten aber nicht an eine Überlebenschance. Doch nach einigen Tagen im Koma wachte Haneen auf. "Kein Krankenhaus im Westjordanland kann die Kugel rausholen", sagt Layla.
"Nur spezialisierte Kliniken im Westen können so einen Eingriff durchführen." Doch dafür hat die Mutter kein Geld. Sie verkaufte bereits ihr Auto, um Behandlungskosten zu decken. "Herr Quzmar ist für uns zu einem Familienmitglied geworden", sagt Layla. "Er stand uns von Anfang bei, nahm Kontakt zu den palästinensischen Behörden auf und half, die Finanzierung der meisten der neun Operationen zu sichern."
Khaled Quzmar hört schweigend zu, wenn Layla über Haneen erzählt. Ihre Tochter hat Angstzustände, versteckt sich sofort, wenn sie israelische Militärjeeps hört. Sie will nicht nach draußen, weigert sich, die Mutter in die Stadt zu begleiten. "Sie war früher eine brillante Schülerin, jetzt vergisst sie den Stoff schnell, ist immer matt und müde", sagt Layla. Bald muss Haneen abermals operiert werden, denn die Ärzte haben ihren Schädel mit einem künstlichen Knochen verschlossen, der nicht wachsen kann und nun zunehmend auf das Gehirn drückt. Quzmar macht sich Gedanken, welche Organisation er noch ansprechen kann, um die Finanzierung eines Eingriffs im Ausland zu sichern.
Die Palästinenserin Layla* hält in ihrer Wohnung außerhalb von Dschenin im Westjordanland ihre Tochter Haneen* im Arm (Aufnahme vom Juli 2026). Haneen* wäre fast gestorben, nachdem ihr Israelische Soldat*innen in den Kopf geschossen hatten.
© Amnesty International, Foto: Sergey Ponomarev
Vier Monate Haft wegen eines Facebook-Posts
An eine Rückkehr ins Büro in Ramallah ist an diesem Tag nicht zu denken. Das israelische Militär hat fast alle Straßen gesperrt, niemand weiß, wann sie wieder geöffnet werden. Quzmar gelangt von Haneen und ihrer Mutter in Anza soeben noch zum Haus eines Verwandten in Qalqilya. Dort wartet er drei Stunden, dann bittet er einen Nachbarn, dessen Auto in Israel zugelassen ist, ihn ins Büro zu fahren. Denn solche Fahrzeuge werden an den Checkpoints durchgewunken. "Das ist doch reine Schikane, Autos mit palästinensischen Kennzeichen können warten, die mit israelischen kommen durch", sagt er. "Dabei sitzen in den meisten Fällen auch Palästinenser drin."
Seine Arbeit hat ihn international bekannt gemacht, von israelischen Behörden wird er kritisiert. Unterstützer*innen der Besatzung behaupten, er sei Teil einer antiisraelischen politischen Kampagne. Die Regierung stufte DCI-P im Jahr 2021 zusammen mit mehreren anderen palästinensischen Nichtregierungsorganisationen als Terrororganisation ein und verwies auf mutmaßliche Verbindungen einiger Vorstandsmitglieder zur Volksfront zur Befreiung Palästinas, PFLP.
Quzmar weist diese Vorwürfe zurück. Internationale humanitäre Organisationen und UN-Vertreter*innen kritisierten die Einstufung ebenfalls und forderten Belege für die Anschuldigungen. Diese haben die israelischen Behörden bis heute nicht vorgelegt. Auch die deutsche Regierung lehnte im Juli 2022 gemeinsam mit acht weiteren europäischen Staaten die Terroreinstufung ab.
Der Krieg in Gaza hat die politischen Fronten weiter verhärtet. "Seit Oktober 2023 sind meine Möglichkeiten sehr limitiert", sagt der Anwalt. "Um Informationen über inhaftierte Kinder zu bekommen, muss ich Briefe an die Gefängnisse in Israel schreiben, und monatelang auf eine Antwort warten. Manchmal spiele ich den Familien etwas vor, damit sie nicht die Hoffnung verlieren."
Früher waren Steinwürfe das häufigste "Verbrechen" palästinensischer Kinder. Heute werden Jugendliche häufig wegen ihrer Aktivitäten in Online-Netzwerken festgenommen. Ein Facebook-Post, der auf einen von der israelischen Armee getöteten Verwandten hinweist, kann als Anstiftung zur Gewalt eingestuft und mit mindestens vier Monaten Gefängnis bestraft werden.
"Es gibt einfach zu viele Opfer"
Wenn er über Gaza spricht, verändert sich sein Gesichtsausdruck. "Was in Gaza passiert, ist ein Desaster. Tausende Kinder sind tot, Zigtausende leben unter inhumanen Bedingungen", sagt er. Quzmars Organisation PCCR hat eine Mitarbeiterin vor Ort, die täglich Vorfälle dokumentiert. "Wir könnten mindestens zehn weitere brauchen, es gibt einfach zu viele Opfer." Aber Israel versperrt der Zugang nach Gaza noch immer.
Für PCCR arbeiten derzeit sieben Rechtsanwält*innen, vier "Feldmitarbeiter*innen", drei Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen sowie mehrere Ehrenamtliche, die in den Gemeinden über Kinderrechte aufklären. "Wir dokumentieren akribisch Rechtsverletzungen, sammeln Zeugenaussagen und veröffentlichen Berichte, die wir an internationale Organisationen verteilen", sagt Quzmar.
"Wir sagen nicht einfach, dass Israel ein krimineller Staat ist, sondern wir liefern Beweise für die israelischen Verbrechen an Kindern. Ohne Druck der internationalen Gemeinschaft haben wir keine Chance, das Verhalten der Besatzer zu verändern." Quzmar ist kein typischer Aktivist. Er spricht bedacht, vermeidet große Worte und politische Gesten. Und er weiß, dass er jederzeit inhaftiert werden kann.
Kinder einer palästinensischen Familie, die von israelischen Siedler*innen vertrieben wurde, spielen in ihrer neuen Wohnung (25. Juli 2026)
© Amnesty International, Foto: Sergey Ponomarev
Arbeit in Familien und Gemeinden
In seinem Büro in Ramallah empfängt Quzmar Besucher, die um Hilfe bitten. Heute ist Bilal Haddad da, dessen Sohn im Januar 2024 von israelischen Soldat*innen angeschossen wurde und danach verschwand. Augenzeugen berichteten, dass Armeeangehörige Arif Haddad in die Beine schossen, ihn in einen Militärjeep packten und abtransportierten. "Er war damals 16 Jahre alt, ein guter Schüler, wollte Medizin studieren", sagt der Vater.
"Er war mit einem Freund unterwegs, der auch angeschossen wurde und in einem palästinensischen Krankenhaus starb." Quzmar hat in diesem Fall mehrmals bei verschiedenen israelischen Behörden nachgefragt. Das Militär antwortete, der Angeschossene sei seinen Verletzungen erlegen. Aber der Leichnam wurde weder registriert noch auf dem Friedhof für tote palästinensische Häftlinge bestattet.
Quzmar prangert aber nicht nur die Menschenrechtsverletzungen der Besatzungsmacht an. Seit Jahren setzt er sich auch für Kinderrechte innerhalb des Westjordanlands ein. Er arbeitete juristisch mit an von der Autonomiebehörde erlassenen Gesetzen in den Bereichen Schutz von Kindern und Jugendstrafrecht. "Zusammen mit dem Bildungsministerium haben wir Kurse für 3.000 Schulleiter durchgeführt und sie über die Rechte ihrer Schüler aufgeklärt", sagt er. Seitdem gebe es deutlich weniger Beschwerden von Eltern über Stockschläge in Schulen.
"Wir arbeiten viel in den Familien und Gemeinden, denn auf dem Land müssen Kinder manchmal noch jeden Tag auf dem Feld schuften", sagt Quzmar. Manche Väter glaubten, dass ihre Söhne nur stark und unabhängig würden, wenn sie gelegentlich Gewalt erfahren. "Gute Gesetze reichen nicht, wir müssen die Denkweise der Leute ändern", sagt er. "Unsere Botschaft lautet: Du musst in die Kinder investieren, damit sie in Zukunft führen können."
"Der Amnesty-Preis ist ein Zeichen der Anerkennung", sagt Quzmar. "Ein Gütesiegel für meine Arbeit als Kinderrechtsverteidiger."
*Namen von der Redaktion geändert