Amnesty Journal Vietnam 10. Juli 2024

Schwofende Kaktusblumen

Vier Männer und eine Frau stehen draußen vor einer Steintreppe und posieren für ein Foto.

Saigon Soul Revival: Nguyén Anh Minh (Mitte) singt zu fernöstlich angehauchten Beats von Liebe, Wehmut – und Zwangsheirat.

Saigon Soul Revival knüpfen an das Musikgenre Nhac Vàng an, das in den 1960er Jahren 
Soul und Rock’n’Roll mit vietnamesischen Texten verband.

Von Thomas Winkler

Die popkulturelle Globalisierung kennt keine Grenzen, weder geografische noch ideologische. Das kleine Vietnam war dabei eines der ersten Länder, in denen die Popmusik aus Großbritannien und den USA ihr weltweites Potenzial bewies.

Saigon Soul Revival tragen den Verweis auf dieses verschüttete Kapitel der Popgeschichte schon im Namen. Als die Heimatstadt der Band Ho-Chi-Minh-Stadt noch Saigon hieß, gab es dort eine lebendige Szene, die Soul und Rock’n’Roll adaptierte und auf südvietnamesische Verhältnisse ummünzte. Plattenlabels veröffentlichten im Wochentakt neue Singles, in denen die Mühen des Alltags und die Liebe in schweren Zeiten über groovenden Basslinien besungen wurden. Hunderte Alben erschienen, und die bekanntesten Sänger*innen des Nhac Vàng genannten Genres reüssierten auch als Filmstars – wie Elvis oder die Beatles im Westen.

Verschüttetes Erbe entdeckt

Nach dem Sieg des sozialistischen Nordens im Bürgerkrieg 1975 wurde Nhac Vàng wie die gesamte westliche Kultur verboten, viele der Protagonist*innen flohen in den Westen. Die neuen Machthaber wollten positive, fröhliche Volksmusik anstatt der oft melancholischen Nhac-Vàng-Songs, in denen Frauen beklagten, dass ihr Geliebter sie verlassen musste, um in den Krieg zu ziehen – was im Text nicht ausdrücklich ausgesprochen wurde, aber für die Hörerschaft eindeutig war.

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Die Musik geriet in Vergessenheit, bis der Frankfurter DJ, Produzent und Labelmacher Jan Hagenkötter während eines Vietnamaufenthaltes das reiche, aber verschüttete Erbe entdeckte und begann, es aufzuarbeiten. Seit 2017 hat er drei Ausgaben seiner "Saigon Supersound"-Sammlungen herausgegeben, die parallel entstandene Formation Saigon Soul Revival erweckte die alten Stücke zu neuem Leben und tourte damit 2023 auch außerhalb von Vietnam.

Forsche Bläser und vage Melancholie

Auf ihrem neuen Album "Moi Luong Duyên" spielt die fünfköpfige Band um die Sängerin Nguyén Anh Minh erstmals nicht nur Stücke, die vor 1975 entstanden, sondern auch eigene Kompositionen. Die sind allerdings kaum von den Originalen zu unterscheiden: Während die Band liebevoll den Moment rekonstruiert, in dem sich der frühe Rock’n’Roll mithilfe einer Überdosis Soul in Beatmusik verwandelte, bezieht sich Minh in ihren Melodie­bögen auf fernöstliche Musiktraditionen. Auch die Texte handeln wie einst vor allem von der Liebe. Nur selten werden die Songs so konkret wie in "Đám Cuoi Nhà Em" ("Die Hochzeit deiner Familie"). Das Stück thematisiert die arrangierte Ehe einer Minderjährigen mit einem reichen Ausländer.

Typischer ist, dass die Texte die vage Melancholie der Musik aufnehmen und mit ihrer Poesie noch verstärken. Selbst das schwofende "Sác Hoa Cuoc Song" mit seinen forschen Bläsersätzen strahlt Schwermut aus. Der Song erzählt von der Kaktusblume, die in der Wüste blüht, und dem Löwenzahn, der vom Wind verweht wird – und meint wohl, dass auch der Mensch sich seinem Schicksal fügen muss.

Saigon Soul Revival:  "Moi Luong Duyên" (Saigon Supersound)

WEITERE TIPPS MUSIK & FILM

Auf die Barrikaden

von Thomas Winkler

So hat man sich ein Handbuch zur Re­volution sicher nicht vorgestellt. "Your Guide To Revolution" hat Mary Ocher ihr neues Album genannt, aber ihr Soundtrack zum Barrikadenbau klingt gänzlich anders als das Klischee: kein Punk-Geknüppel, sondern experimentelles Geklingel; keine schmissigen Parolen im Refrain, sondern esoterische Gesänge; keine harten Klänge für harsche Realität, sondern märchenhafte Melodien. 

Andererseits: Wer Mary Ocher kennt, für den ist dieses seltsame Album mit dem konzeptionellen Anspruch auch keine Überraschung. Geboren als Mariya Ocheretianskaya 1986 in Moskau, aufgewachsen in einem israelischen Kibbuz, tauchte sie 2007 in Berlin auf – und fiel mit großer Hornbrille, platinblonden Haaren und roten Lippen im weiß geschminkten Gesicht auf.

Schnell machte sie sich einen Namen als wandelndes Gesamtkunstwerk zwischen Pop und Literatur, Performance und Experiment. Eine Sängerin war Ocher nie, eher eine Ausdruckskünstlerin: Mal eifert sie in ihrer Revoluzzer-Anleitung ihrer Heldin Nina Hagen nach, dann verfremdet sie ihre Stimme bis zur Unkenntlichkeit oder singt wie eine russische Gouvernante. Mal groovt die Musik, als könne man tanzend Regierungen stürzen, mal scheint man auf dem Hexenbesen unterwegs zum Blocksberg – oder mit einem Raumschiff durch fremde Galaxien. 

Eingängige Momente gibt es, aber sie währen bloß so lange, bis der nächste musikalische Testballon abhebt, und man begreift: Diese Revolution stürzt keine Regierungen, sondern bringt vor allem Hörgewohnheiten ins Wanken. Ocher weiß, dass sich nicht so sehr die Umstände ändern müssen, sondern der Mensch selbst. Das zeigt das begleitende Handbuch: Im "Guide to Radical Living" propagiert sie die Idee, dass man mit möglichst wenig maximal glücklich leben könnte. Ein simpler Gedanke, der im Turbokapitalismus aber revolutionäres Potenzial hat.

Mary Ocher: "Your Guide To Revolution" (Underground Institute)

Politische Romanze

von Jürgen Kiontke

Da ist die Nachbarin, die Frauen denunziert, und die Religionspolizei, die sie festnimmt: Denn oft genug sitzt auch bei der 70-jährigen Mahin der Schleier nicht ordnungsgemäß. Dass Frauen im Iran absurd unter Druck gesetzt, ihre Menschenrechte missachtet werden, fließt im Film "My Favourite Cake" immer wieder wie beiläufig in die Handlung ein.

Mahin führt durchaus ein selbstbestimmtes Leben. Aber seit dem Tod ihres Mannes und der Ausreise ihrer Tochter nach Europa sind ihr nur der Nachmittagstee mit den Freundinnen, der Garten und ansonsten viel Einsamkeit geblieben. Eines Tages wird ihr klar: Sie ist auf dem Weg in die Eigenbrötelei. Um ihrem Leben wieder mehr Schwung zu geben, beschließt Mahin, sich zu verlieben. Aus der zufälligen Begegnung mit Esmail, einem Taxifahrer und Veteranen des iranisch-irakischen Krieges, wird eine rührende Romanze. Und auch das ist ein Tabubruch: Als ältere Frau im Iran eine neue Beziehung zu beginnen, gilt als unschicklich.

Eine Frau ohne Hijab auf der Kinoleinwand – und sei die Geschichte auch im Privaten angesiedelt – war Irans Behörden denn auch zu viel: Sie verfügten ein Ausreiseverbot gegen das Regieduo Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha, das seinen Film deshalb nicht selbst bei der Berlinale 2024 präsentieren konnte.

Die Dreharbeiten hatten bereits begonnen, als die Sittenpolizei im September 2022 die junge Kurdin Jina Mahsa Amini wegen Verstoßes gegen die Sittengesetze verhaftete und so schwer verletzte, dass sie starb. "My Favourite Cake" wirkt dennoch wie ein Kommentar zu diesem Verbrechen, das die größten Proteste seit Jahren gegen die theokratische Regierung des Irans auslöste. Auch die Schauspielerin und Aktivistin Lily Farhadpour, die in der Rolle der Mahin glänzt, lernte iranische Gefängnisse schon von innen kennen.

"My Favourite Cake". IRN/F u. a. 2024. Regie: Maryam Moghaddam, Behtash Sanaeeha; Darsteller: Lily Farhadpour, Esmail Mehrabi. Kinostart: 11. Juli 2024

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