Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 23. November 2018

Drinnen bis zum Tod

Die Kuppel eines Gefängnisses von innen mit Stacheldraht

Kein Entkommen. San Quentin im Dezember 2015.

Seit 22 Jahren besucht unser Autor den 73-jährigen Reno im Todesstrakt von San Quentin. Ein Plädoyer gegen die Todesstrafe von Arndt Peltner

Überpünktlich reihe ich mich in die Schlange ein. Vor mir mehrere Frauen, die "loved ones" im Staatsgefängnis von San Quentin besuchen wollen. Darunter auch eine Engländerin, die viermal im Jahr nach Kalifornien reist, um ihren Mann zu sehen, der im East-Block, dem Todestrakt, auf seine Hinrichtung wartet. Sie ist nicht die einzige Europäerin, die eine Fernbeziehung mit einem Todeskandidaten hat. Auch eine Frau aus Nürnberg reist alle paar Monate aus Franken nach Kalifornien, um ihren 35 ­Jahre älteren Ehemann zu besuchen. Sie hatten sich per Brieffreundschaft kennengelernt. Bei jedem Besuch ein kurzer Kuss, eine Umarmung, mehr ist nicht erlaubt

Als ich endlich zur Kontrolle dran bin, sagt der Wärter, meine Hose sei grün, das sei nicht erlaubt. Ich versuche, ihm klarzumachen, dass meine Hose grau ist und ich sie schon mehrmals in San Quentin trug. Hier herrscht eine strenge Kleiderordnung. Keine blauen Jeans, kein Orange, kein Grün. Alles Farben, die von Häftlingen oder Wärtern getragen werden. Im Falle eines Falles will man mit einem Blick Besucher von Häftlingen unterscheiden können.

Schließlich lässt man mich mit meiner grauen Hose durch, nachdem ich versprechen musste, diese beim nächsten Besuch nicht mehr zu tragen. Langsam habe ich ein Problem in meinem Schrank, es sieht so aus, als ob ich mir eine offizielle San Quentin-Anstaltshose besorgen muss.

Der Weg vom Eingang zum East-Block ist immer wieder beeindruckend: Man hat einen Blick auf die wunderschöne Bucht, auf Tiburon und Angel Island, dahinter erhebt sich die Skyline von San Francisco und Oakland. San Quentin hat den größten Todestrakt der USA. Im ältesten Staatsgefängnis Kaliforniens warten 708 Menschen auf ihre Hinrichtung, 23 weitere sind aus Altersgründen in Krankenhäusern und Pflegeheimen untergebracht.

Und der Todestrakt füllt sich weiter, denn seit 2006 hat der Bundesstaat keine Hinrichtung mehr vollstreckt. Inzwischen sterben hier mehr Häftlinge eines natürlichen Todes als in der Gaskammer oder durch eine tödliche Injektion. Seit mehr als zwölf Jahren wird deshalb darüber diskutiert, wie man einen Menschen "human" exekutieren kann.

Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder Klagen von Befürwortern und Gegnern der Todesstrafe. 2014 entschied ein Bundesrichter, die Todesstrafe in Kalifornien sei verfassungswidrig. Ein Jahr später wurde er von einem Richtergremium des 9. Distrikts überstimmt. 2016 stimmten die Bürger des Bundesstaats parallel zur US-Präsidentschaftswahl über zwei Gesetzesvorschläge ab. Der eine Entwurf sah vor, die Todesstrafe in Kalifornien abzuschaffen und Todesurteile in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung umzuwandeln. Dagegen stimmten 53 Prozent der Wähler. Den zweiten Entwurf, der eine Beschleunigung der Hinrichtungen forderte, befürworteten 51 Prozent.

Beide Ergebnisse drücken die Stimmung in Kalifornien und den USA aus. Beim Thema Todesstrafe stehen sich zwei annähernd gleich starke Lager gegenüber. Die Gegner werden zwar mehr, aber sie bilden noch keine Mehrheit.

Anfang Oktober urteilte das Verfassungsgericht des Bundesstaates Washington, die Todesstrafe sei "rassistisch" und damit verfassungswidrig. Auch in diesem Bundesstaat gab es seit mehreren Jahren keine Hinrichtung mehr. Washington ist damit der 20. US-Bundesstaat, der die Höchststrafe nicht mehr verhängt.

In San Quentin besuche ich seit 22 Jahren Reno. Als wir uns in dem kleinen Käfig gegenübersitzen, in den man mit dem Gefangenen eingesperrt wird, erzählt er, dass wenige Tage zuvor im Außenbereich des Todestraktes ein Häftling nach einem Streit erstochen worden sei. Wie die Stichwaffe auf den Hof kam, sei noch unklar. Alltag in San Quentin.

Im April 2018 warteten in den USA 2.743 Gefangene auf ihre Hinrichtung. 42 Prozent der Todeskandidaten waren Weiße, 41 Prozent Schwarze, 13 Prozent Latinos. Diese Zahlen werden immer wieder als Argument dafür angeführt, dass die Todesstrafe rassistisch ist, denn Afro-Amerikaner machen nur noch rund zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Armut, sozialer Status, Zugang zu Bildung und eben die Hautfarbe waren und sind in vielen Fällen nach wie vor ausschlaggebend dafür, ob jemand nach einem Mord zum Tode ­verurteilt wird. Es gibt keine Gleichbehandlung vor Gericht und viel zu viele Fehlurteile. Eine Studie, die 2014 im Magazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht wurde, stellte fest, dass seit 1973 insgesamt 144 zum Tode Verurteilte später für unschuldig erklärt wurden und freigelassen werden mussten. Das ist eine Rate von 1,6 Prozent. Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass sogar mehr als 4 Prozent der Todeskandidaten die Straftat, für die sie verurteilt wurden, nicht begangen haben.

30 Bundesstaaten haben die Höchststrafe noch in ihren Gesetzbüchern, viele von ihnen haben jedoch seit langem keine Exekution mehr vollzogen. Wurden 1999 noch 98 Häftlinge in 20 Bundesstaaten hingerichtet, waren es 2017 "nur noch" 23 in sieben Bundesstaaten. Die Stimmung kippt, die Zahl der Todesstrafengegner steigt Jahr für Jahr. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die Mehrheit bilden und die Todesstrafe endgültig abgeschafft wird.

Nach zwei Stunden ist mein Besuch zu Ende. Der 73-Jährige, der sich auf einen Stock stützen muss, wird mit Handschellen abgeführt, erst dann wird die Käftigtür auf meiner Seite geöffnet. Bevor er geht, sagt Reno noch, dass er Ende Oktober ein Jubiläum habe. Dann sei er seit 40 Jahren im Gefängnis. Das sei ja wohl kein Grund zum Feiern, sage ich. Doch, trink einen auf mich, meint er und lacht. Bis zum nächsten Mal.

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