Amnesty Journal 11. Februar 2021

Die Geschichte hinter dem Foto

Eine Frau mit kinnlangem Haar blickt seitlich ins Leere, während sie vor einer Wand steht.

Tragödie einer Familie: Tima Kurdis Schwägerin und ihre beiden Neffen ertranken, als sie versuchten, von Syrien nach Europa zu fliehen.

Das Bild des kleinen Jungen, der tot am Strand lag, ging 2015 um die Welt. In einem bewegenden Buch erzählt seine Tante, Tima Kurdi, die Geschichte ihrer Familie auf der Flucht.

Von Wera Reusch

"Alan Kurdi" heißt ein Schiff der Organisation Sea-Eye, das seit 2019 auf dem Mittelmeer Hunderten von Menschen das Leben gerettet hat. Der Name erinnert an den zweijährigen Jungen, der ertrank, als seine Familie am 2. September 2015 versuchte, mit einem Boot von der türkischen Küste zur griechischen Insel Kos zu gelangen. Auch Alans Mutter und sein vierjähriger Bruder kamen dabei ums Leben. Einzig sein Vater Abdullah Kurdi überlebte. Eine türkische Reporterin fand den toten Jungen, der an die Küste gespült worden war und mit dem Gesicht im Sand lag. Ihr Foto ging um die Welt und wurde zum Symbol für das Leid der Flüchtlinge und für die unmenschliche Politik der internationalen Staatengemeinschaft, die den Hilfesuchenden aus Syrien sichere Wege aus dem Elend verweigerte.

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Tima Kurdi erlebte die Tragödie aus der Ferne. Aufgewachsen in Damaskus war sie bereits als junge Frau nach Kanada ausgewandert und betrieb in Vancouver einen Frisörsalon. Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien hatte sie ihren jüngeren Bruder Abdullah und ihre anderen Geschwister, so gut es ging, finanziell unterstützt und sich um Asyl für sie in ­Kanada bemüht. Doch die bürokratischen Hindernisse erwiesen sich als unüberwindlich. Immer mehr Familienmitglieder gerieten in Syrien zwischen die Fronten. Immer mehr flohen in die Türkei, wo sie unter miserablen Bedingungen lebten. Immer mehr sahen keine andere Möglichkeit, als die gefährliche Flucht über das Mittelmeer nach Europa anzutreten. Das Foto des Jungen rückte das Unglück der Familie Kurdi ins interna­tionale Rampenlicht, doch dann verselbstständigte sich das Bild und entriss der Familie ihre Geschichte. Kurz vor dem ersten Jahrestag der Tragödie beschloss Tima Kurdi daher, ein Buch zu schreiben, um Dinge richtigzustellen, vor allem aber, um klarzumachen, dass das Schicksal ihrer Familie stellvertretend stehen kann für das von Millionen Flüchtlingen überall in der Welt.

Mittelschichtsfamilie gerät in Alptraum

"Der Junge am Strand" ist ein überaus bewegendes Buch, weil die Autorin sehr genau schildert, wie sich die politischen Ereignisse im Nahen Osten, aber auch die Asylpolitik der westlichen Staaten auf der privaten Ebene auswirken. Weil sie anschaulich macht, wie eine normale Mittelschichtsfamilie aus Damaskus unversehens in einen Alptraum gerät, der damit endet, dass einige Familienmitglieder ertrunken und die übrigen verstört und auf der ganzen Welt verstreut sind.

Die persönliche Perspektive der Autorin, die selbst in Sicherheit ist, sich verantwortlich fühlt, helfen will, deren Möglichkeiten jedoch begrenzt sind und die sich mit Vorwürfen quält, erleichtert es europäischen Lesern, sich in die verzweifelte Lage aller Beteiligten hineinzuversetzen.

"Es war nicht einfach für mich, mein Privatleben und das meiner Familie mit der ganzen Welt zu teilen. Aber ich musste es tun", sagte Tima Kurdi in einem Rundfunkinterview. "Es ging mir darum, der Welt zu erzählen, dass wir Menschen sind – wie alle anderen auch."

Tima Kurdi: Der Junge am Strand. Die Geschichte einer Familie auf der Flucht. Aus dem Englischen von Lilian-Astrid Geese. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2020, 248 Seiten, 19,80 Euro.

Wera Reusch ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

WEITERE BUCHTIPPS

Mahnender Roman aus Indien

von Wera Reusch

"Dreihundert Jahre voller Geschichten, die die Arterien unserer Männer verstopfen. Die sich ganz eng um ihre Herzen ranken, schleimig und dickflüssig vor lauter Halbwahrheiten", stellt Devaki fest. Sie stammt aus einer hinduistischen Familie, hat einen Mann aus einer niedrigeren Kaste geheiratet und ist mit einer muslimischen Familie befreundet. Doch das Miteinander in der kleinen südindischen Stadt ist zunehmend vergiftet. Vorurteile untergraben Freundschaften, Nachbarschaften, Familien. Und eines Tages liegt ein junger Arbeitsmigrant tot in einem Graben. "Anstiftung zum Mord" heißt der schmale Roman von Annie Zaidi. Anders als der deutsche Titel vermuten lässt, ist dies kein Krimi, sondern die eindrucksvolle Schilderung, wie Hassrede den Boden bereitet für Gewalt. Die junge indische Autorin hat dafür eine so anspruchsvolle wie überzeugende Form gefunden: Sie lässt ihre Protagonisten in Selbstgesprächen zu Wort kommen und macht dadurch die Konfliktlinien deutlich – zwischen den Geschlechtern, Kasten, Religionen und sozialen Klassen. Die vernünftigen Stimmen geraten dabei immer stärker in die Defensive, die Devakis etwa oder die des Geschichtslehrers, der nach seiner Entlassung aus dem Schuldienst feststellt: "Vielleicht gewöhnt man sich langsam daran. An dieses Hassen. Es kommt ja doch ganz harmlos daher." Ein kleiner Roman mit einer großen Mahnung.

Annie Zaidi: Anstiftung zum Mord. Aus dem Englischen von Gerhard Bierwirth. Draupadi Verlag, Heidelberg 2020, 180 Seiten, 18 Euro.

Autobiografie eines Ex-Muslims

von Wera Reusch

Amed ist 15, als er seinem Vater mitteilt: "Ich kann mit dem Islam nichts anfangen. Ich bin Atheist." Die Folgen des Geständnisses könnten drastischer kaum sein: Der Vater zeigt ihn wegen Gotteslästerung an, Amed wird auf der Polizeiwache und im Gefängnis in Erbil mit Elektroschocks und Schlägen gefoltert und steht schließlich wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt vor Gericht. Erst als der Fall 2014 Schlagzeilen macht, wird das Verfahren mit einer Geldstrafe abgeschlossen. Doch ist das Drama damit nicht vorbei: Ameds Familie drängt ihn zur Flucht, weil sie um ihre "Ehre" fürchtet. Mithilfe von Schleusern gelangt der unbegleitete Minderjährige schließlich nach Deutschland. Jetzt hat Amed Sherwan seine unglaubliche Lebensgeschichte veröffentlicht. "Kafir", Ungläubiger, heißt das Buch des 22-Jährigen, der heute als Blogger und Aktivist in Flensburg lebt. Er schildert seine Kindheit und Jugend in Irakisch-Kurdistan, aber auch seine Erfahrungen als Flüchtling in Deutschland. Hier gerät der ­eigensinnige Junge zunächst in Konflikt mit der Fürsorge­bürokratie und dann zwischen die politischen Fronten: Sein Atheismus macht ihn zur Zielscheibe von Islamisten. Linke halten seine Kritik am Islam für übertrieben. Die AfD versucht, ihn zu vereinnahmen. Rassisten verfolgen ihn aufgrund seiner Herkunft. Umso bemerkenswerter ist Sherwans humorvoller Ton.

Amed Sherwan/Katrine Hoop: Kafir. Allah sei Dank bin ich Atheist. Edition Nautilus, Hamburg 2020, 240 Seiten, 18 Euro.

Krimi über Gewalt gegen Indigene

von Wera Reusch

Éric Plamondons Roman "Taqawan" basiert auf realen Ereignissen: Im Juni 1981 stürmte die Polizei von Québec das Reservat der Mi’kmaq, konfiszierte deren Fischernetze und nahm zahlreiche Menschen fest – ein weiterer repressiver Akt der Weißen in der langen Geschichte der indigenen Bevölkerungsgruppe. Der franko-kanadische Autor hat aus diesem "Lachskrieg" einen Krimi entwickelt, in dessen Mittelpunkt die 15-jährige Océane steht, die auf der Flucht vor der Razzia von mehreren Polizisten vergewaltigt wird. Ein weißer Ranger findet das Mädchen und macht sich gemeinsam mit dem Mi’kmaq William auf die Suche nach den Tätern. Der finale Showdown kann als Drehbuch für einen Actionfilm herhalten und hätte auch eine Nummer kleiner ausfallen können. Doch dient der Krimiplot dem franko-kanadischen Autor als Rahmen für sein Anliegen: In knappen Exkursen erzählt er die Geschichte der Mi’kmaq, zitiert ihre Legenden und erklärt ihre Lebensweise – insbesondere, welche Rolle der Lachs dabei spielt. Auf nur 200 Seiten bändigt Éric Plamondon eine Fülle an Material und präsentiert viele interessante Details. Er übt deutliche Kritik an der Polizeigewalt, schildert die jahrhundertelange Unterdrückung der Indigenen und stellt die übliche kanadische Geschichtsschreibung infrage. "In Québec haben wir alle Indianerblut", heißt es an einer Stelle des Romans. "Entweder in den Adern oder an den Händen."

Éric Plamondon: Taqawan. Aus dem Französischen von Anne Thomas. Lenos Verlag, Basel 2020, 208 Seiten, 22 Euro.

Kindheitserinnerungen an den Gulag

von Marlene Zöhrer

"Unser Vater ist im Lager umgekommen. Der Ganter Martin wird für mich immer lebendig sein. Wisst ihr, dass in Sibirien keine Äpfel wachsen? Ich wusste es nicht …" Algis ist dreizehn Jahre alt, als er und seine Familie 1941 von den sowjetischen Besatzern von Litauen nach Sibirien deportiert und dort interniert werden. Es sind Versatzstücke kindlicher Erinnerungen, die den Abtransport, den Tod des geliebten Gänserichs, die Faszination der Tante für Japan und die Gedichtform Haiku, die Arbeit und das Leben im Lager, den Geschmack von getrockneten Äpfeln, das Singen im Chor und die Rückkehr mit dem "Zug der Waisen" schlaglichtartig einfangen. Die Erlebnisse werden mit porträthaften Darstellungen von Personen verknüpft und zu literarischen Miniaturen verdichtet, die Gräuel und Unmenschlichkeit aufzeigen, aber auch Hoffnung und Solidarität. Die Autorin Jurga Vilė hält in "Sibiro Haiku" die Erinnerungen ihres Vaters fest. Gemeinsam mit der Comic-Künstlerin Lina Itagaki widmet sie sich einem leidvollen Kapitel der litauischen Geschichte: Mehr als 130.000 Menschen wurden zwischen 1941 und 1952 nach Sibirien verschleppt, ihr Schicksal wurde lange Zeit verschwiegen. Die Graphic Novel ist ein künstlerisch herausragendes Zeitzeugnis, inhaltlich und gestalterisch.

Jurga Vilė, Lina Itagaki: Sibiro Haiku. Eine Graphic Novel aus Litauen. Aus dem Litauischen von Saskia Drude. ­Baobab Books, Basel 2020, 240 Seiten, 25 Euro. Ab 14 Jahren.

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