Amnesty Journal Syrien 25. Juli 2017

Ohne meine Eltern

Porträt-Zeichnung einer Frau mit Kopfbedeckung

Mehr als 60.000 unbegleitete Minderjährige sind nach Europa geflohen – so wie
die 17-jährige Fatma Abo Alkher. Heute lebt die Syrerin mit drei anderen Jugendlichen in einer Wohngemeinschaft in Berlin. Hier erzählt sie die Geschichte ihrer Flucht.

Von Fatma Abo Alkher 

Der Tag, an dem ich meine Heimatstadt Homs verließ, war der 20. September 2015. Morgens um 9.30 Uhr ­erklärte mein Vater meiner Schwester und mir, wir müssten uns noch heute auf den Weg nach Deutschland machen. Meine Tante würde uns begleiten. Ich habe ihn umarmt. Danach liefen wir zur Bushaltestelle und fuhren nach Aleppo. Dort blieben wir eine Woche, bis meine Tante einen Schlepper gefunden hatte, dem sie vertraute.

Er nannte eine Summe, für die er uns bis Afrin an der türkischen Grenze bringen würde. Doch das stimmte nicht: Mitten während der Fahrt hielt er an, stieg aus und verlangte weitere 25.000 Lira, das sind etwa 50 Euro. Weil niemand das zahlen konnte, gab ihm jeder nur 5.000. 

Danach ging es weiter in die Wüste, wo viele Busse warteten. Doch der, in dem wir landeten, fuhr nicht nach Afrin, sondern Richtung Raqqa, die syrische Hauptstadt des Islamischen Staats. Der Fahrer warnte uns vor den vielen Checkpoints auf dem Weg. Schon an der ersten Straßensperre stiegen vier bewaffnete Männer ein. Wir mussten unsere Namen nennen, ohne den Gesichtsschleier hochzuziehen. Am Schluss sagte einer: "Verzeiht mir, meine Schwestern, ich musste das machen, weil viele Männer sich als Frauen verkleiden, um zu flüchten. Ich hoffe, dass wir euch keine Sorgen bereitet haben." Dann stiegen sie wieder aus.

Wir fuhren weiter durch die Nacht. Der Schlepper hatte gesagt, die Fahrt bis Afrin würde sechs Stunden dauern. Aber das war eine Lüge.

Als wir nachts aus dem Bus stiegen, hatten alle Angst, weil wir uns weiter auf IS-Gebiet befanden. Auf einmal kam ein Kleinbus auf uns zu. Der Fahrer fragte, wo wir hinwollten und sagte dann: »Steigt ein!« Bei ihm zu Hause gab er uns etwas zu essen und Schlafplätze. Am nächsten Morgen weckte er uns schon um fünf Uhr früh und bat einen Freund, uns an einen Ort zu bringen, von dem Afrin leicht zu erreichen sei. Diesmal klappte es. 

In den Bergen am Rande Afrins wartete wieder ein Schlepper auf uns. Nach zwei Stunden war die Luft rein, und wir liefen los. Am Wegrand saßen viele Familien mit ihren Kindern. Eine Schwangere hielt sich den Bauch. Ich hatte Angst, dass sie ihr Kind hier zur Welt bringen würde. 

Aber der Schlepper sagte nur, dass uns das nichts anginge, wir müssten weiter, immer weiter. Es war unglaublich. Ich sah, wie die Kinder froren und konnte nichts machen außer weiterzulaufen. Bergauf und bergab, über Stunden. Halt machten wir nur einmal, als die Polizei mit Radar nach uns suchte. Da hatten wir alle Angst, festgenommen zu werden.

Stunden später erreichen wir den Zaun an der türkischen Grenze. Die syrischen Schlepper schnitten den Stacheldraht durch, und dann mussten wir ganz schnell rennen. Nun folgten wir einem türkischen Schlepper. Und wieder ging es über viele Berge, bis wir ein kleines Dorf erreichten, wo uns ein Bauer auf seinem Traktor bis zum Busbahnhof mitnahm. Von dort fuhren wir nach Izmir. Hier suchte meine Tante wieder einen Schlepper, dem sie vertrauen konnte. Meine Schwester entschied, in der Türkei zu bleiben.

Als wir nach einer Woche endlich einen vertrauenswürdigen Mann gefunden hatten, ging es noch am selben Abend los. Wir waren 55 Personen, die er in eine Wohnung in der Nähe der Mittelmeerküste brachte. Dort sollten wir bis zum Einbruch der Dunkelheit warten. Wir durften nicht laut sprechen, weil die Nachbarn uns hören und die Polizei rufen könnten. Alle hatten Angst davor, mit dem Boot zu fahren. Aber es gab keinen anderen Weg.

In zwei Fahrzeugen wurden wir an den Strand gebracht, zogen uns Schwimmwesten an und warteten, bis das Schlauchboot aufgeblasen und der Motor angebracht war. Ich war die erste, die das Boot besteigen sollte. Aber ich wollte in diesem Moment nicht einsteigen. Ich wollte nur zurück zu meiner Mutter und sie in den Arm nehmen. 

Mein Herz klopfte schnell, als ich rückwärts auf das Boot zuging. Zwei Männer ergriffen mich unter den Armen und hoben mich über das Wasser. Eine Stunde dauerte es, bis alle untergebracht waren. Ein paar Jungs sagten dem Fahrer, er solle nur geradeaus fahren, so werde er die griechischen Inseln schon finden. Die Fahrt würde weniger als eine Stunde dauern.

Und dann waren wir auch schon unterwegs über das Meer. Viele weinten und beteten, weil die Wellen ins Boot schwappten. Auch der Bootsführer hatte Angst. Er war selbst auf der Flucht und keine zwanzig Jahre alt. Und er wusste nicht, wo man das Benzin einfüllen musste, weil er noch nie zuvor ein Boot gesteuert hatte, glaube ich. Auf dem Boden vermischte sich das Benzin mit dem Wasser. Und alle schrien: "Ich will zurück, ich will zurück!"

Eine Situation vergesse ich nie. Ein Mädchen sagte zu seiner Mutter: "Meine Schwester ist geflogen!« Ihre Mutter sah sie angstverzerrt an, weil sie fürchtete, dass ihre kleine Tochter über Bord gegangen war. »Was meinst Du?" rief sie wütend zurück. Sie schrie und schrie und schrie. Dabei lag das Mädchen sicher zwischen den Füßen des Fahrers, was die Mutter aber nicht sehen konnte in der Dunkelheit. Vor lauter Aufregung hatte ihre ältere Tochter ihr nicht sagen können, dass es die Mütze ihrer Schwester war, die ins Wasser geflogen war, nicht das Mädchen.

Als die Mutter das verstand hatte, rastete sie aus: "Halt die Fresse, du sagst kein Wort mehr, bis wir am Strand sind!", fauchte sie sie an. Dann sackte sie in sich zusammen, verbarg den Kopf zwischen den Armen und fing an zu weinen. Und alle anderen auch, das war so krass. 55 Personen, die weinen und beten. Und alle kotzten sich die Seele aus dem Leib. 

Als in der Dämmerung endlich der Strand in Sicht war, sprangen viele ins Wasser und schwammen direkt an Land. Manche weinten jetzt noch mehr. Doch diesmal vor Glück. Ich hingegen fühlte mich wie tot. Was ich in diesen fünf Stunden während der Fahrt über das Mittelmeer erlebt habe, lag wie ein großer Stein auf meinem Herzen. 

Irgendjemand half mir an Land. Auf einer Bank am Strand wartete ich, bis die Helfer kamen. Dabei schaute ich den Jungs zu, die das Boot zerstörten, damit die griechische Polizei uns nicht gleich wieder zurückschicken konnte. Das war cool und ­gefährlich zugleich. Wie die Insel heißt, weiß ich nicht mehr. 

Es war eine dieser Inseln, auf denen die Leute gerne Ferien machen, schön wie im Reiseprospekt. Die Helfer brachten uns in ein Krankenhaus, weil das Benzin uns die Haut verätzt hatte. Von dort fuhren wir mit einem Taxi zur Fähre, die uns nach ­Mazedonien bringen sollte. 

Mit dem Schiff und zu Fuß, mit dem Bus und mit dem Zug sind wir dann weitergereist – quer über den Balkan und Ungarn bis nach Österreich, und von dort weiter nach München. Am 10. Oktober 2015 schließlich kam ich mit dem Bus in Berlin an, genau zwanzig Tage nach meinem Abschied aus Homs. 

Heute lebe ich in Berlin-Neukölln in einer Wohngemeinschaft des Jugendamts. Wir machen viele Aktivitäten mit den Betreuern. Tagsüber besuche ich die Willkommens­klasse am Diesterweg-Gymnasium. Im Sommer will ich wechseln und auf das Oberstufenzentrum mit Schwerpunkt Sozialwesen gehen. 

Eigentlich sollten meine Eltern nachkommen. Das hat aber nicht geklappt, immer fehlte irgendein Papier. Aber wir sind in engem Kontakt. Wir schreiben uns jeden Tag über WhatsApp, schicken Nachrichten oder Bilder.

Am Anfang war es ganz schön schwer in Deutschland. In Syrien bin ich nicht mal alleine spazieren gegangen. Hier musste ich alleine leben. Aber wenn ich es schaffen will, dann schaffe ich es auch. Zu schaffen macht mir, dass ich jetzt – also bald zwei Jahre nach der Flucht – noch immer nachts selten mehr als drei Stunden schlafen kann. Der Arzt hat mir Schlaftabletten verschrieben, ich mache Psychotherapie und Physiotherapie. Nicht nur wegen der Dinge, die ich auf der Flucht erlebt habe, sondern vor allem wegen der Bilder, die ich aus Homs mitgebracht habe.

Über Talal Nayer 

Talal Nayer ist Zeichner und Autor. Er wurde 1983 in Umm Ruwaba, Sudan, ­geboren und wuchs im Jemen und in Ägypten auf. Seit seiner Flucht aus dem Sudan 2014 lebt er in ­Osnabrück und arbeitet für ver­schiedene internationale Medien.

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