Amnesty Journal Sambia 04. Juni 2018

Der Rapper und die Ratten

Ein Mann blickt in die Kamera

Stimme der Stimmlosen. Der sambische Rapper Fumba Chama alias Pilato.

Der sambische Sänger Pilato wurde wegen eines regierungskritischen Songs bedroht und floh nach Südafrika. Nach seiner Rückkehr wurde er verhaftet.

Von Daniel Bax

Autoritäre Politiker und Autokraten verstehen keinen Spaß. Das gilt nicht nur für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, für Russlands Präsident Wladimir Putin oder Donald Trump in den Vereinigten Staaten, sondern auch für afrikanische Politiker, die autoritäre Tendenzen entwickeln.

Das musste jetzt auch der Rapper Pilato aus Sambia erfahren. Im Januar floh er nach Informationen von Amnesty nach Südafrika, nachdem ihm Gewalt angedroht wurde. Der Auslöser dafür war sein satirischer Song "Koswe Mumpoto" ("Ratte im Topf"), den er im Dezember in Sambia veröffentlicht hatte. Nach vier Monaten im Exil kehrte Pilato Mitte Mai nach Sambia zurück und wurde direkt nach der Landung am internationalen Flug­hafen in Lusaka festgenommen.

Im Internet kann man sich den Song mit den fröhlichen Elektro­beats im Stil des südafrikanischen Kwaito-Genres weltweit anhören. In seinem provokanten Stück schlüpft Pilato in die Rolle ­einer Kunstfigur, um Korruption und Machmissbrauch von ­Politikern zu geißeln. Dass er sie dabei mit Ratten vergleicht, steigerte den Affront nur noch. Anhänger der Regierungspartei Patriotische Front (PF) sahen darin einen unverblümten Angriff auf Sambias Präsidenten Edgar Chagwa Lungu und dessen Kabinett. Lungu war 2016 bei der Präsidentschaftswahl mit einer knappen Mehrheit im Amt bestätigt worden. Die Wahl war von Gewalt zwischen Anhängern und Gegnern der Regierungspartei überschattet. Die Opposition hatte zudem von Wahlbetrug gesprochen, aber trotz Neuauszählungen in einigen Wahlkreisen keine Belege vorweisen können.

Sein Amt hatte Lungu erst ein Jahr zuvor vom verstorbenen Vorgänger Michael Sata übernommen. Seitdem machten er und seine Minister der Patriotischen Front durch die Einschränkung von Meinungsfreiheit und Rechten der Opposition von sich reden. Gegen Treffen der Opposition ging die Polizei mit exzessiver Gewalt vor, Oppositionspolitiker wurden angeklagt und unabhängige Medien und Journalisten schikaniert. Korruptionsvorwürfe wurden immer wieder laut.

In seinem Song "Koswe Mumpoto" führt Pilato die Zustände regelrecht vor. "Die Höhle des King Cobra wurde von Ratten übernommen, deren Job das Stehlen ist", heißt es darin. King Cobra war der Spitzname des verstorbenen Ex-Präsidenten und Gründers der Regierungspartei, Michael Sata. "Wir müssen vorsichtig sein mit diesen Ratten, denn wir würden sterben, wenn wir nicht stark sind." Außerdem spielt Pilato in seinem Song auf fragwürdige Deals mit chinesischen Investoren an, die sich in Sambia am Bau von Straßen und Krankenhäusern beteiligen.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Schon im Dezember, kurz nachdem das Stück erschienen war, stellte ein Funktionär der Regierungspartei dem Rapper ein Ultimatum, seinen Song zurückzuziehen. Auch wenn in dem Stück keine ­Namen genannt würden, sei es "beleidigend und erniedrigend" gegenüber der Führung des Landes. Radiostationen und Fernsehsender wurden unter Druck gesetzt, den Song nicht zu spielen. Für mehrere geplante Konzerte wurde dem Sänger die Auftrittserlaubnis verweigert, andere Auftritte konnten nur unter Auflagen stattfinden. Außerdem wurde von Regierungsseite ein Gegensong in Auftrag gegeben, in dem Pilato persönlich angegriffen und ihm vorgeworfen wurde, es auf Präsident Edgar ­Lungu abgesehen und dafür bezahlt worden zu sein. Pilato ­berichtete außerdem, PF-Kader hätten ihm in einer Video­botschaft gedroht, dass sie ihn sich vorknöpfen würden.

Sambia ist seit 1991 eine Demokratie. Durch die Abwahl des Regierungschefs fand damals einer der ersten friedlichen Machtwechsel des Kontinents statt. In dem südafrikanischen Binnenstaat stellt sich die Lage der Menschenrechte, verglichen mit vielen Nachbarländern in der Region, wie die Demokratische Republik Kongo, Angola, Tansania und Simbabwe, noch vergleichsweise gut dar. Gerade deswegen hat die Affäre um den Rapper Pilato solchen Symbol­charakter.

Kontroversen sind Pilato nicht fremd. Den früheren Präsidenten Michael Sata bezeichnete er einmal als "Lügenvater", un­fähige Politiker beschimpfte er als "Psychopatienten". Und als Edgar Lungu 2015 zum Staatschef ernannt wurde, verfasste er ­einen Song über einen Alkoholiker namens Lungu, der auch als Präsident ständig mit einem Koffer voller Whisky unterwegs sei. Dafür wurde er wegen "Aufwiegelung" angeklagt, doch das Verfahren wurde eingestellt. Im September des ­vergangenen Jahres hatte er gegen den Kauf der Regierung von auffallend überteuerten Feuerwehrautos protestiert. Deswegen sollte er sich während seines Auslandsaufenthaltes vor Gericht verantworten. Pilato ließ den Termin verstreichen, daher nun der Haftbefehl – den Amnesty scharf verurteilt: "Dies ist ein klassischer Fall von Missbrauch der Strafjustiz in Sambia", sagt Deprose Muchena, Regionaldirektorin für das südliche Afrika von ­Amnesty International.

Pilato steht für "People in lyrical arena taking over". Der ­Musiker mit bürgerlichem Namen Fumba Chama kam 1984 in der Industriestadt Ndola zur Welt. Seinen ersten Preis, den "Ngoma Award" als bester Lyriker, gewann er 2010. Mehrmals war er seitdem für andere Musikpreise nominiert, darunter 2014 für den besten "Conscious Song". Er hat mehrere Alben veröffentlicht und ist in diversen Nachbarländern aufgetreten. Fans hat er in Südafrika, im Kongo, in Tansania und Großbritannien. Am bekanntesten ist er aber in seinem Heimatland Sambia, dort wird er als "Stimme der Stimmlosen" gefeiert. Seine sehr direkten Texte gefallen freilich nicht jedem. Mehr als einmal ist er im Laufe seiner Karriere bedroht worden. Doch die jüngsten Angriffe haben eine andere Qualität.

Nachdem Pilato Sambia Anfang Januar heimlich verlassen hatte, meldete er sich auf Facebook zu Wort und erklärte, sich mehrere Tage lang "im Busch" versteckt zu haben und nun im Ausland zu sein. Außerdem zeigte er sich um seine Familie in Sambia besorgt. Er bete für die Würde seiner Landsleute. "Aber was ist Würde ohne eine anständige Gesundheitsversorgung? Wenn unsere Leute keine Medizin in den Krankenhäusern finden können? Was ist ihre Würde, wenn Studenten von der Polizei brutal zusammengeschlagen werden, weil sie Essenszulagen von der Regierung gefordert haben? Wenn die Mehrheit unserer jungen Leute keine Jobs findet und wenn, dann unter unmenschlichen Bedingungen, wo ist ihre Würde?", schrieb er. Es sei manchmal wichtig, für eine Sache zu sterben, aber noch wichtiger sei es, dafür zu leben. In Sambia liege die Macht in den Händen "blutrünstiger Satanisten, die Menschen straflos schlagen und töten".

Oppositionsführer Hakainde Hichilema machte die Regierungspartei verantwortlich, sollte dem Rapper etwas zustoßen. Nach Pilatos Verschwinden meldete sich der Staatspräsident zu Wort. Nach dem Besuch eines katholischen Gottesdienstes in der ostsambischen Bergstadt Chinsali beklagte er sich, die Beleidigungen "eines gewissen gedungenen Musikers" hätten seine Arbeit erschwert und es ihm unmöglich gemacht, wichtige Termine wahrzunehmen.

Im März veröffentlichte der Zambian Observer ein Interview mit dem untergetauchten Sänger. "Ich bin nicht für immer weg, ich werde zurückkehren", erklärte Pilato, kündigte Konzerte in Sambia an und deutete an, dass er sich vorstellen könnte, zu einem späteren Zeitpunkt in die Politik zu gehen. Zurückgekehrt ist der Rapper, doch sein politisches Engagement ist offensichtlich nicht erwünscht.

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