Amnesty Journal 16. Oktober 2025

Rechtspopulismus und autoritäre Praktiken: "Es gibt keine simplen Antworten"

Eine Frau mit hochgestecktem Haar steht vor einer Betonwand und hält einen Mini-Globus zwischen ihren beiden Händen.

Maja Göpel ist eine deutsche Politökonomin, Transformationsforscherin und Nachhaltigkeitsexpertin. 

Die Menschenrechte als Fixpunkt von Politik scheinen ­geschwächt. Viele Regierungen im Globalen Norden ­bedienen sich rechtspopulistischer und autoritärer Praktiken. Ein Gespräch mit der Politökonomin Maja Göpel über Krisen, Reformstau und das Missverständnis, den Bürger*innen sei nichts zuzumuten.

Interview: Tanja Dückers

Rechtspopulismus und autoritäre Entwicklungen im Globalen Norden von den USA über Italien bis nach Polen und Ungarn – offenbar sehnen sich viele Bürger*innen nach einer vermeintlich starken Führungsfigur. Lässt sich der Trend zu autoritärem Denken mit realem oder drohendem Wohlstandsverlust erklären?

Die entscheidende Frage ist, wie eine Gesellschaft auf Krisen reagiert. Natürlich überwiegt bei Verlustankündigungen Sorge oder sogar Angst, das ist psychologisch nachgewiesen. Aber entscheidender für das Verhalten ist die Einschätzung, wie andere darauf reagieren. Es gibt zwei wichtige Merkmale für ein Kippen ins Autoritäre: eine sehr starke Ungleichheit in der Gesellschaft und ein Diskurs, der nicht sachlich über Lösungen diskutiert, sondern nach Schuldigen sucht. Nicht selten spielen auch beide zusammen, und es wird eine Verstärkerspirale daraus: Über Verteilungsfragen wird nicht offen gesprochen, sie werden als "links" oder "sozialistisch" abgetan. Dabei sind sie strukturell angelegt. Zudem wird behauptet, dass durch den Ausschluss von bestimmten Gruppen wieder mehr für "das Volk" oder "die Bürgerlichen" da sei. Aus lauter Angst, selbst in eine der Gruppen zu rutschen, die offensiv attackiert werden, ­machen dann viele lieber mit oder sind zumindest leise. Das ist der Moment, wo aus demokratischen Subjekten Mitläufer*innen werden und sich die Verstärkerspirale weiterdreht.

Wie erklärt die Forschung, dass sich Menschen öffentlich oft anders verhalten als sie es privat für richtig ­halten?

Der Forschungsansatz der "pluralistischen Ignoranz" besagt im Prinzip, dass wir die Meinungen und die Veränderungsbereitschaft "der anderen" deutlich unterschätzen. Umfragen zur Klimaschutzpolitik in den USA zeigen zum Beispiel, dass eine Mehrheit der republikanischen Wäh­ler*in­nen einige Maßnahmen unterstützen würde – es aber nicht von den anderen in "ihrer Gruppe" erwartet. Und da wir Herdentiere sind, vertreten wir nicht selten im sozialen Kontext Meinungen, die wir privat nicht unterschreiben würden, oder bleiben still, wenn sich einige besonders laut die Deutungshoheit sichern. Das Ergebnis ist, das viele Menschen denken, nur 30 Prozent würden so wie sie denken oder mitmachen, nicht selten sind es aber 60 Prozent – gerade bei gemeinwohlorientierten Themen. Deshalb ist es wichtig, die Annahmen über die Meinungen "der anderen" zu thematisieren – vor allem, wenn es um die Bereitschaft geht, sich selbst zu verändern. Wir sehen in allen Studien eine große Sorge, dass nur noch der Egoismus regiert. Aber gleichzeitig sagen 70 Prozent der Menschen, dass sie sich selbst mehr verändern würden – zum Beispiel beim Klimaschutz – wenn es fair zuginge, also alle mitmachten. Für Demokratien, die Fortschritt über Mehrheiten und möglichst wenig direkte Kontrolle organisieren wollen, ist das ein wichtiger Befund.

Es gibt zwei wichtige Merkmale für ein Kippen ins Autoritäre: eine sehr starke Ungleichheit in der Gesellschaft und ein Diskurs, der nicht sachlich über Lösungen diskutiert, sondern nach Schuldigen sucht.

Wie können Bezüge auf die Menschenrechte versöhnliche und integrierende Impulse setzen, ohne als naiv empfunden zu werden?

Die wichtige Botschaft der Menschenrechte ist das Wertebild des Universalismus. Es ist auch der normative Fluchtpunkt von Demokratien, an dem sich die Suche nach guter Politik und wirksamen Lösungen orientieren sollte. Das passiert nicht automatisch, sondern hängt von den Personen ab, die diese Wert- und Wirkungsorientierung immer wieder neu betonen, herausarbeiten und hochhalten. Deshalb sind in Demokratien auch Wissenschaft, Medien und Gerichte als überparteiliche und diesem Ideal verpflichtete Instanzen geschaffen worden. Was umgekehrt erklärt, warum sie bei autoritären Machtstrategien als erstes angegriffen werden. 

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Deutschland heute deutlich stärker als in den 1990er Jahren. Werden die wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechte ausreichend geachtet? 

Deutschland steht unter den wohlhabenden Ländern ganz oben auf der Liste der Vermögensungleichheit. Das wird gerne hinter der Einkommensverteilung versteckt, die aber nur die Einkünfte aus ­Arbeit misst. Wirklich vermögende Menschen beziehen den Großteil ihrer Einkünfte aus Finanzgewinnen und können viele Tricks nutzen, um den eigenen Besitz so mit Unternehmenskonstrukten zu verweben, dass er sich als operativ gebunden deklarieren lässt. Seit der Finanzkrise hat eine Vermögensvermehrung stattgefunden, die nicht mehr produktiv wirkt, sondern sich aus Wertsteigerungen bestehender Anlageobjekte speist, vor allem aus den immer höher steigenden Mieten und Verkaufspreisen bei Immobilien und Grundstücken. Wir sehen seit fünf Jahren, wie viele Konzerne Krisengewinnstrategien verfolgen, also in Zeiten der Unsicherheit die Preise höherschrauben, sei es bei Medikamenten, Gas, Öl, Lebens­mitteln oder jetzt bei Rüstungsgütern. Natürlich kann ich mit "dem Markt" ­argumentieren, aber in den meisten Fällen handelt es sich um Güter, die für die Versorgungssicherheit notwendig sind, und da haben Menschen oder Staaten im Zweifel nicht die Möglichkeit, bei zu hohen Preisen auf einen Kauf zu verzichten. Das Argument der moderaten Einkommensverteilung ist deshalb schal, weil wir exorbitante Gewinnzuwächse bei den oberen fünf Prozent und gleichzeitig wachsende soziale Sorgen der großen Mehrheit beobachten. 

Eine Demonstration gegen Rechtsextremismus in Hamburg, viele Menschen stehen dicht an dicht mit Regenschirmen auf einer Straße, manche halten Plakate hoch, auf einem steht "No tolerance for intolerance".

"Wir sind die Brandmauer": Demonstration gegen Rechtsextremismus, auf der auch Maja Göpel sprach (Hamburg, 25. Februar 2024)

Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten wird die Meinungsmacht der Tech-Konzerne diskutiert. Ab wann wird Reichtum ein Problem für die Menschenrechte?

Auch hier gilt: Märkte sind nur dann Märkte, wenn es eine Option zum Wechseln gibt. Sonst sind es Monopole, und die sollten nicht in privaten Händen liegen. Das Argument der "TechBrothers" war immer, es sei kein Problem, dass die Daten bei privaten Unternehmen lägen, da allein der Staat sie zur Überwachung und Manipulation einsetzen würde. Eine schöne Geschichte, die sich in den USA gut in die neoliberale Ablehnung gegen den Staat einfügte. Daraus wurde nun eine ­libertäre Version: noch weniger Staat und mehr freies Unternehmertum, aber natürlich Subventionen und Regierungsaufträge für mich, zumal ich weiß, dass mein Unternehmen längst eine beherrschende Stellung einnimmt.

Was würde Abhilfe schaffen?

Die Antwort ist aus meiner Sicht im ­Prinzip denkbar einfach: Wir müssen die Marktwirtschaft reparieren. Dafür braucht es aber den Mut, marktbeherrschende Konzerne wieder in Wettbewerb zu bringen und von den transnationalen Akteuren zu verlangen, dass sie sich an die ganz normalen Regeln des Wirtschaftens halten: Steuern zahlen und Standards einhalten. Zu diesen Standards ­gehören auch die Menschenrechte. Im Fall von Infrastrukturen – hier kommunikativen – müssen Staaten transparent kontrollieren, ob die Unternehmen ihren Zweck qualitativ verlässlich erfüllen. 

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch "Werte. Ein Kompass für die Zukunft", dass die Nachrichtenverarbeitung der AfD "effektiv in Richtung schlechte Laune" wirke. Können Sie das erklären?

Ich habe eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin zitiert, wonach Menschen, die der AfD nahestehen, ein geringeres Wohlbefinden haben und weniger optimistisch auf die Welt blicken als Personen, die anderen Parteien folgen. Das kann daran liegen, dass sich hier sogenannte Protestler*innen sammeln, also Menschen, die vorher schon enttäuscht und wütend waren. Wichtig ist deshalb die Beobachtung, dass sich die Laune wieder hebt, wenn die Menschen sich von dieser Partei abwenden. Dies hat mit der Art zu tun, wie die AfD kommuniziert und handelt. Im Unterschied zu anderen Parteien führt sie keine sachliche Diskussion, sondern setzt immer negative Erzählrahmen. Häufig werden dabei einzelne Zahlen oder Vorgänge aus dem Kontext gerissen und reißerisch dramatisiert. 

Fragen, die wir stellen müssen: Was wird passieren, wenn wir nichts verändern? Wo gibt es schon Dinge, die zielführend sind und auf die wir aufbauen können? Wer kann wo und wie die nächsten Schritte gehen?

Gehört dazu auch, die Schwachen zu Schuldigen zu machen?

Ja, denn das macht wütend und sorgt dafür, immer mehr Menschen zu misstrauen. Jeder Psychologe und jede Resilienzforscherin empfiehlt hingegen, in Krisen auf positive Dinge zu achten und auf ­Lösungswege, in denen man eine Rolle spielen kann, das ist Selbstwirksamkeit. Diese wird jedoch von Populist*innen auf die Abwertung anderer Menschen reduziert, und irgendwann kommen Angriffe dazu. Deshalb ist es so wichtig, dass sich andere Parteien diesen Stil nicht aufzwingen lassen.

Wie sollte die Politik darauf reagieren?

Aus meiner Sicht ist es eine sich selbst ­erfüllende Prophezeiung, immer wieder zu behaupten, die Menschen seien bequem, sie wollten sich nichts zumuten und würden komplexere Zusammenhänge nicht verstehen. Denn zum einen gibt es nun mal keine simplen Antworten – gute Ergebnisse brauchen dauerhafte Lern- und Veränderungsbereitschaft. Und zum anderen wird damit eine seltsame Anspruchshaltung genährt, als sei es der Job von Politiker*innen, dafür zu sorgen, dass alles funktioniert, ohne dem Volk etwas abzuverlangen. Diese Geschichte haben die Volksparteien lange erfolgreich erzählt: Stabilität ohne Zumutung. Doch die Welt verändert sich, und wir sehen am Reformstau, dass dieses Versprechen zu Krisen geführt hat, die wir auch ohne ­Corona oder Angriffskriege oder einen Diktator im Weißen Haus auf dem Tisch hätten. Jetzt fühlen sich viele Menschen ohnmächtig – eben weil ihnen nicht zugemutet wurde, Veränderungen zu verstehen und selbst eine aktive Rolle dabei zu spielen. Für mich wären vier Fragen wichtig, die in jeden Artikel über politische Maßnahmen und in die Bewertung von Vorgängen einfließen sollten: Worum geht es eigentlich? Was wird passieren, wenn wir nichts verändern? Wo gibt es schon Dinge, die zielführend sind und auf die wir aufbauen können? Wer kann wo und wie die nächsten Schritte gehen? Das würde Resilienz und gesellschaftliche Gestaltungskraft stärken.

Tanja Dückers ist Autorin und Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

ZUR PERSON

Maja Göpel

Deutsche Politökonomin, Transformationsforscherin und Nachhaltigkeitsexpertin. Sie lehrt als Honorarprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg.

Von 2017 bis 2020 war sie Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen und Mitglied des Fachausschusses Wissenschaft der Deutschen UNESCO-Kommission.

Göpel ist Mitbegründerin der Initiative Scientists for Future, die zur Unterstützung der Schüler*innenproteste Fridays for Future gegründet worden war, sowie Gründerin des wissenschaftlich-gesellschaftlichen Netzwerks Mission Wertvoll, das sich mit gesellschaftlichen Gestaltungsräumen beschäftigt.

In diesem Jahr erschien von ihr: Werte. Ein Kompass für die Zukunft (mit Hannes Androsch). Brandstätter Verlag, Wien 2025.
 

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