Amnesty Journal Pakistan 25. September 2018

Mit dem Hijab aufs Motorrad

Eine Frau mit Jeans und langem schwarzem Haar steht vor einem Graffiti einer Frau auf einem Motorrad

Motorcycle Girl. "Eine Freundin hat vor einer Weile einen Fahrrad-Club für Frauen gegründet – für Lahore revolutionär. Ich hatte sie und ihre Gruppe im Kopf, als die Motorradfahrerin entstand. Wir haben das Poster während eines Fotoshootings unter einer Brücke in einem Stadtteil aufgehängt, in dem solche Bilder die Gendervorstellungen definitiv sprengen. Als ich am nächsten Tag wieder vorbeikam, war das Plakat nicht mehr da. Vielleicht hat es jemand abgerissen, der sich dadurch belästigt fühlte. Vielleicht hat es aber auch jemandem gefallen, der es bei sich zu Hause aufgehängt hat. Für mich wäre beides in Ordnung, so funktioniert Guerilla-Kunst. Ich wünsche mir nur, dass solche Bilder für unsere Töchter irgendwann selbstverständlich sind."

Die pakistanische Illustratorin und Designerin Shehzil Malik fordert die patriarchalische Gesellschaft ihres Landes mit feministischen Grafiken heraus.

Von Elisabeth Wellershaus

Als sie vor vier Jahren aus den USA nach Pakistan zurückkehrte, fühlte Shehzil Malik (30) sich wie eine Außenseiterin. Zwei Jahre lang hatte sie Grafikdesign am renommierten RIT in Rochester studiert und hatte Freiheiten, die für viele junge Frauen in westlichen Ländern selbstverständlich sind. Zurück in Lahore wurde bereits der Gang durch den Park zum Problem für Malik.

In der patriarchalischen Gesellschaft ihrer Heimat gehören sexuelle Belästigungen ebenso zum Alltag wie repressive Verhaltensregeln und Dresscodes für Frauen. Unter den wachsamen Augen von Familie und Gesellschaft bewegt die junge Künstlerin sich nur noch äußerst eingeschränkt durchs Leben. Mit feministischen Comics wollte sie die Unterdrückung zunächst ganz persönlich verarbeiten. Doch Maliks Bilder von Motorradfahrerinnen im Hijab oder Punjabi-Frauen im All treffen weltweit einen Nerv. Ihr Hashtag #womeninpublicspaces wurde ein virtueller Hit, ihre Modelinie mit feministischen Grafiken Verkaufsschlager. Denn bereits lange vor der #MeToo-Bewegung suggerieren sie eines: dass Gewalt gegenüber Frauen sich nur im öffentlichen Austausch überwinden lässt. Für das Amnesty Journal kommentiert sie einige ihrer Werke.

Bunte Collage von Worten und Symbolen auf schwarzem Hintergrund

Step Out – Be You. "Dieses Bild gehört zu meinen Lieblingsmotiven aus der Zusammenarbeit mit dem pakistanischen Modelabel 'Generation'. Unsere Kollektion soll vermitteln, dass auch Frauen in Pakistan eine Stimme haben können. Dass sie sich mit feministischen Botschaften auf den Klamotten in die Öffentlichkeit trauen dürfen – auch wenn die Männer blöd gucken. Bislang ist es noch immer fast unmöglich für unverheiratete Frauen wie mich, bei den Eltern auszuziehen, allein durch die Stadt zu fahren oder sich unabhängig von einem Ehemann zu entwickeln. Ich will dazu anregen, das alles zu hinterfragen."

Weiße Schrift und bunte Symbole auf schwarzem Hintergrund

Grrrrl Power. "Wenn ich mich in Pakistan als Feministin oute, ist das Gespräch in der Regel schnell vorbei. Dabei haben die meisten hier sich nie wirklich mit dem Begriff auseinandergesetzt. Ein Buchtitel wie Chimamanda Ngozi Adichies 'We should all be feminists' wirkt auf viele wie eine Kampfansage. Mir war es trotzdem wichtig, ihn auf T-Shirts zu drucken und andere motivierende Botschaften damit zu kombinieren. Schon weil Frauen aus weniger wohlhabenden oder gebildeten Schichten kaum Zugang zu solchen Gedanken haben, ja noch nicht mal zum Internet oder zu den Galerien, in denen meine Bilder zu sehen sind. Kleidungsstücke aber lassen sich überall hintragen."

Collage aus Gesichtern und Schrift "Is my Shirt not long enough"

Is my shirt not long enough. "Das Burkini-Verbot war in Frankreich gerade in Kraft getreten, als mein erstes feministisches Bild entstand. Auch in Pakistan beschäftigen Frauen sich täglich damit, ob ihr Aussehen den gesellschaftlichen Normen entspricht – ob Oberteile richtig sitzen, Röcke lang genug sind und das Makeup nicht zu grell ist. Ständig geht es um Verbote rund um unsere Körper. 'Is my shirt not long enough' war mein Versuch, mir ein Stück Selbstbestimmung zurückzuerobern. Zwar gibt es mittlerweile auch in Pakistan Debatten um Unterdrückung und sexuelle Gewalt. Die meisten hier vertreten allerdings die Meinung, dass Frauen selbst schuld seien, wenn sie Männer 'in Versuchung führten'. Immerhin, die junge Generation sieht das kritisch und sucht nach neuen Frauenbildern."

Drei gezeichnete Portraits einer Frau nebeneinander in bunten Farben

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