Prävention von psychischer Gewalt gegen Frauen
Coverbild der Amnesty-Journal-Ausgabe "Frauenkampf und Männermacht – Wie Antifeminismus und Femizide zusammenhängen"
© Illustration: Lea Berndorfer
Amnesty International in den Niederlanden fordert ein Gesetz zur Prävention von psychischer Gewalt gegen Frauen. Anouk Donse erklärt die Hintergründe, und was das mit Deutschland zu tun hat.
Interview: Patricia Hecht
Warum hat Amnesty Niederlande psychische Gewalt untersucht?
Sie geht Femiziden oft voraus. Aber sie ist in den Niederlanden kein ausdrücklicher Straftatbestand. Auch in Deutschland nicht – obwohl beide Länder die Istanbul-Konvention des Europarats gegen Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt ratifiziert haben und verpflichtet sind, gegen psychische Gewalt vorzugehen.
Worum geht es genau?
Wir sprechen von psychischer Gewalt, weil die Istanbul-Konvention diesen Begriff verwendet. Andere sprechen von Zwangskontrolle oder Intimterror. Gemeint ist, dass eine Person durch den oder die Partner*in dominiert oder stark kontrolliert wird und es in dieser Hinsicht ein Muster gibt. Die Person darf Freunde oder Familie nicht mehr sehen, ihr Leben wird eingeschränkt, sie wird isoliert. Ihr wird etwa vorgeschrieben, was sie anziehen oder essen darf. In manchen Fällen müssen Personen ihr Einkommen an den oder die Partner*in abgeben. Oder es wird gedroht: "Wenn Du mich verlässt, bringe ich mich um." Wenn eine Person dennoch versucht, aus der Beziehung auszusteigen, kann es mit Stalking weitergehen.
Folgt dann stets körperliche Gewalt?
Nein. Wir haben mit 15 betroffenen Frauen über ihre Erfahrungen gesprochen. Eine von ihnen hat 18 Jahre lang ausschließlich psychische Gewalt erlebt. Aber oft sind die Gewaltformen nicht klar voneinander abzugrenzen, treten gemeinsam oder nacheinander auf, etwa in Verbindung mit sexueller Gewalt. Vor Femiziden gibt es ein regelrechtes Muster von Gewalt sowie verschiedene Phasen.
Welche sind das?
Die britische Kriminologin Jane Monckton-Smith hat ein festes Muster vor dem Femizid identifiziert. Oft beginnt die Beziehung mit sogenanntem Love Bombing. Eine Person will sich schnell binden, etwa zusammenziehen und heiraten. Sie überhäuft die andere Person mit Aufmerksamkeit. Nach dieser ersten Phase folgt eifersüchtiges Verhalten: Was machst Du gerade, mit wem sprichst Du? Eifersucht wird als Entschuldigung benutzt, um die andere Person zu kontrollieren. Wenn diese dann den Wunsch äußert, die Beziehung zu beenden, kann es gefährlich, gewaltvoll werden.
Was steht dahinter?
Meistens geht es um einen Besitzanspruch: Wenn ich Dich nicht haben kann, soll Dich niemand haben. Tötungen von Frauen sind die am besten vorhersehbaren Tötungen. Jedoch wird es gesellschaftlich oft als romantisch betrachtet, wenn eine Person so hingebungsvoll ist, dass sie eine andere in eine Beziehung hineinziehen will oder eifersüchtig ist. Aber wir müssen erkennen, dass dabei oft kontrollierende Elemente eine Rolle spielen. Es geht um ein Muster, das mit der Ungleichheit der Geschlechter zu tun hat.
Was erleiden die Betroffenen?
Sie werden gedemütigt, beleidigt, herabgesetzt. Sie werden dauerhaft in Angst versetzt und ihnen wird gezeigt, dass sie nichts wert sind. In vielen Fällen beginnen die Betroffenen, das zu glauben. Die 15 Frauen, mit denen wir gesprochen haben, erzählten uns alle, dass sie irgendwann das Gefühl hatten, sich selbst zu verlieren. Sie fühlten sich wertlos, als ob sie kaum noch existierten. Die Gewalt hatte schwerwiegende Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Gesundheit.
Wie groß ist das Ausmaß?
Laut einer Studie des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen von 2024 haben in den Niederlanden mehr als 30 Prozent der Frauen im Alter von 18 bis 74 seit ihrem 15. Lebensjahr psychische Gewalt erlebt. Ähnliches gilt für Deutschland. Tendenziell sind Frauen häufiger Opfer und Männer häufiger Täter. Durch psychische Gewalt werden ihre Menschenrechte aufs Schwerste verletzt. Diese Gewalt beeinträchtigt ihr Recht auf Gesundheit, ihr Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit und ihr Recht, frei von Gewalt zu leben.
Ist den Betroffenen psychischer Gewalt immer bewusst, was passiert?
Weil kaum bekannt ist, dass psychische Gewalt ein Verbrechen ist, wissen auch die Betroffenen oft nicht, was ihnen passiert. Eine Frau hat uns gesagt: "Ich habe irgendwann gegoogelt und gemerkt, dass psychische Gewalt in Großbritannien eine Straftat ist. Erst da wusste ich: Das passiert mir auch."
Wie reagieren Polizei und Justiz?
Polizei, Richter*innen, Anwält*innen oder auch Sozialarbeiter*innen erkennen diese Form der Gewalt oft nicht. Auch, weil die Gesetzeslage so lückenhaft ist. Zudem gibt es in den frühen Phasen oft weder einen blauen Fleck noch einen gebrochenen Arm. Das erschwert den Nachweis, dass hier Unrecht passiert. Und schließlich ist die Betroffene im Lauf der Zeit so geschwächt, dass sie nicht einmal mehr genug Ressourcen hat, um Hilfe zu bitten.
Was tun?
Wir halten es für sehr wichtig, psychische Gewalt ausdrücklich unter Strafe zu stellen. Erst dann kann und muss die Polizei mit dem Konzept und dem Straftatbestand arbeiten, erst dann erkennt die Öffentlichkeit, um welches Problem es hier geht. Die ausdrückliche und angemessene Kriminalisierung ist der Ausgangspunkt – aber dadurch allein kann psychische Gewalt nicht verhindert werden.
Was braucht es noch?
Es ist ein Puzzle: Es braucht Aufklärung und Prävention. Nur dann kann sensibel auf Fälle psychischer Gewalt reagiert werden, und nur dann kann sichergestellt werden, dass Überlebende Zugang zu rechtzeitiger und angemessener Unterstützung und zu Rechtsmitteln haben. Zudem müssen wir an den Ursachen arbeiten. Bestimmte Arten von Gewalt, darunter psychische Gewalt, werden viel häufiger Frauen als Männern zugefügt. Aber der Staat schützt Frauen nicht ausreichend davor. Es handelt sich also um Geschlechterdiskriminierung.
Anouk Donse ist Referentin für das Gender- und Flüchtlingsprogramm von Amnesty International in den Niederlanden.