Amnesty Journal Nepal 22. September 2017

Kämpfer gegen Kasten

Dalit-Aktivist Yam Bahadur Kisan

Der Dalit-Aktivist Yam Bahadur Kisan

Yam Bahadur Kisan setzt sich für die Rechte der Dalits in Nepal ein.

Von Karl Tachser

Für Yam Bahadur Kisan ist die Entscheidung ein Weckruf: Dass im Nachbarland Indien im Juli Ram Nath Kovind zum Staatspräsidenten gewählt wurde, lasse hoffen, dass sich auch in Nepal etwas an dem rigiden Kastensystem ändern könnte, das die Gesellschaft des südasiatischen Landes seit mehr als anderthalbtausend Jahren prägt, sagt der Politikwissenschaftler und Rechtsanwalt. Denn das neue Staatsoberhaupt in Delhi gehört zur Kaste der sogenannten Unberührbaren, der untersten Gruppe in der traditionellen Hierarchie der Hindus. So wie der nepalesische Menschenrechtler Kisan, der seit Jahren für eine Verbesserung der Lage der rund drei Millionen Dalits in seinem Land kämpft.

Die täglichen Schikanen, die deren Leben prägen, hat der 1972 im Distrikt Myagdi im Himalaja Geborene am eigenen Leib erfahren. Nicht zuletzt im Bildungsbereich: Waren es in der Grundschule noch neun andere Dalit-Schüler, die mit ihm den Unterricht besuchten, war er ab der sechsten Klasse allein mit Kindern höherer Kasten. Zwei Stunden Fußmarsch entfernt von seinem Zuhause lag die Mittelschule in Magaragadi. Doch er biss sich durch und schaffte mit 17 Jahren den Abschluss an der Oberschule, was ihm den Weg an die Universität freimachte.

Auch wenn die sozialen Schlupflöcher für Dalits und andere Minderheiten in Nepal in den vergangenen Jahren größer geworden sind, ist Aufstieg durch Bildung noch immer nicht die Regel. Im Gegenteil: Jeder zweite nepalesische Dalit ist Analphabet – in der Gesamtbevölkerung hingegen beträgt der Anteil derer, die nicht schreiben und lesen können, nur ein Drittel. Und das, obwohl die vor zwei Jahren verabschiedete neue Verfassung die Diskriminierung der sogenannten Unberührbaren verbietet, deren Vorfahren vor rund 1.700 Jahren von Indien nach Nepal kamen. Doch Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit klaffen in Nepal weit auseinander.

Um das zu ändern, engagiert sich Kisan als Forscher, Autor und Bürgerrechtsanwalt. Denn auch das Justizsystem ist von Diskriminierung und Ausgrenzung gezeichnet, viele Landstreitigkeiten etwa werden zuungunsten von Dalits entschieden. Und Ehen mit Unberührbaren sind Angehörigen der vier höheren Hauptkasten – den sogenannten Varna – verboten.

Der 45-Jährige ist auch Vorsitzender der Menschenrechtsorganisationen Jana Utthan Pratisthan sowie der Samabeshi-Stiftung, die sich für soziale Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit und nachhaltige Entwicklung einsetzt. Das sei auch deshalb nötig, weil der Einfluss der mächtigen Religionsgelehrten auf die Politik weiterhin sehr groß sei, so Kisan: "Die Hindu-Priester sind unmittelbar mit der Macht verbunden."

Nicht nur der Besuch im Tempel ist Dalits laut der brutalen Hindu-Hierarchie verwehrt, oft dürfen sie nicht einmal aus dem gleichen Brunnen trinken wie andere. Zwar wurde das Kastensystem 1963 offiziell abgeschafft, die wirtschaftliche und soziale Ausgrenzung aber hält bis heute an. Eine komplizierte religiöse Hierarchie verschärft die Lage noch zusätzlich: Die nepalesischen Dalits gliedern sich noch einmal in 26 sogenannte Jatis – darunter sieben aus dem Hochland, aus dem die Herrscher des Landes stammen, und 19, die als Tarai bezeichnet werden. Sie gelten als Unberührbare der Unberührbaren, Zugang zu Bildung und Arbeit haben sie kaum.

Kisan hat sich damit auch wissenschaftlich auseinandergesetzt. "Die Einbeziehung der Dalits im nepalesischen Staat: Aussichten und Herausforderungen", lautet der Titel seiner Doktorarbeit, mit der er 2013 das Politikwissenschaftsstudium an der Tribhuvan-Universität in Kathmandu abschloss. Zuvor hatte er bereits Rechtswissenschaften studiert. Für herausragende akademische Leistungen verlieh ihm Präsident Ram Baran Yadav 2015 die Bidhya-Busan-Medaille. Die Anerkennung von höchster Stelle hält ihn freilich nicht davon ab, weiter für radikale Änderungen einzutreten. "Das Kastensystem muss ausgemerzt werden", sagt er nüchtern.

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