Amnesty Journal Iran 26. März 2019

Literaturtipps aus unserem März/April Journal

Das Buchcover zeigt das Schwarz-Weiß-Bild eines Mannes

Stuart Hall: Das verhängnisvolle Dreieck. Aus dem Englischen von Frank Lachmann. Suhrkamp, Berlin 2018.

Von Zwischenräumen, religiöser Dogmatik, erstarrter Natur und dem richtigen Helfen. Unsere Autoren geben Buchtipps.

Von Maik Söhler und Marlene Zöhrer

Analyse der Ausgrenzung

So manches, was derzeit aus dem akademischen Bereich der postkolonialen Forschung auf den außeruniversitären Tisch kommt, ist nicht ganz gar und teils gänzlich ungenießbar. Kaum nachvollziehbare Theoreme werden in einer Sprache vorgetragen, die mehr ausschließt als zur Diskussion einlädt. Aus dem Nachlass des 2014 verstorbenen jamaikanisch-britischen Soziologen und Kulturwissenschaftlers Stuart Hall ist nun mit "Das verhängnisvolle Dreieck" ein Werk erschienen, das sich zwar als schwere Kost erweist, aber dennoch die Lektüre lohnt. In diesem Buch überwindet Hall das soziolinguistische Denken seines Studienbereichs und versucht, "Rasse, Ethnie und Nation" analytisch zu fassen. Denn diese Begriffe sind es, die "das verhängnisvolle Dreieck" bilden, in dem gesellschaftliche Hierarchien und mit ihnen Rassismus und ­Nationalismus entstehen. 

Wer erweiterte Kenntnisse in politischer Theorie, Philo­sophie, Sprach- und Kulturwissenschaft mitbringt und sich nicht von Begriffen wie "Signifikanten", "Signifikaten" oder "Äquivalenzketten" abschrecken lässt, den erwartet ein Buch, das gekonnt darüber aufklärt, wie Ausgrenzung funktioniert und dass sie überwunden werden kann. Halls Hoffnung speist sich sehr pragmatisch aus Millionen Migranten in der Diaspora, die wissen, dass Identität sich ständig verändert und die seit Jahrzehnten "eine Heimat in den Zwischenräumen der Welt" gefunden haben.

Das Bild zeigt Männer, die in einem Kreis stehen und nach unten schauen, über ihnen: der Mond

Mana Neyestani: Die Spinne von Maschhad. Aus dem Französischen von Christoph Schulter. Edition Moderne, Zürich 2018. 164 Seiten, 22 Euro. 

Die Rache der Religiösen

Maschhad, Iran, im Jahr 2000. Said Hanai, Maurer, Familienvater und Bürger der Stadt, ermordet mindestens 16 Prostituierte. Eine Verbrechensserie, wie sie überall auf der Welt vorkommen könnte? Nicht ganz. Denn Maschhad ist die Hochburg des schiitischen Klerus und Hanai begründet seine Morde damit, er habe die Vorschriften des Korans nur wortgetreu befolgt. Prostituierte seien "sündhaft", die Strafe dafür sei nun mal der Tod. Das geht selbst den iranischen Mullahs und ihren Richtern zu weit. Hanai wird der Taten überführt, vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und im Jahr 2002 gehenkt.

Es gab Proteste gegen die Hinrichtung, da nicht wenige Bürger Maschhads die Morde guthießen. Der im französischen Exil lebende iranische Cartoonist Mana Neyestani zeichnet in seiner neuen Graphic Novel "Die Spinne von Maschhad" die Geschichte des Falles nach. Eine junge Journalistin spricht mit dem Täter, seiner Familie, Familien von Opfern und dem Richter über Religion, Rachemotive und den Alltag in Maschhad. Dabei entstehen mit präzisem und feinem Strich gezeichnete Bilder, die die Protagonisten vielschichtig und ambivalent porträtieren. Neyestani gewährt ­zudem einen hintergründigen Einblick in eine Gesellschaft, die sich religiöser Dogmatik längst unterworfen hat – teils freiwillig, teils unter Zwang.

 

Das Buch zeigt ein violettes Cover mit der Aufschrift "Hilfe? Hilfe!"

Thomas Gebauer/Ilija Trojanow: Hilfe? Hilfe! Wege aus der globalen Krise. Fischer, Frankfurt/Main 2018. 256 Seiten, 15 Euro.

Richtig helfen

"Nur wer um die eigenen Rechte weiß, wird auch dafür eintreten können." Es ist dieser unscheinbare Satz, der die Kritik von Thomas Gebauer und Ilija Trojanow an Charity-Galas und anderen Formen der "Wohltätigkeit" von Superreichen bündelt und für ein fundamental anderes Verständnis von humanitärer Hilfe plädiert. Die beiden Autoren haben mit "Hilfe? Hilfe!" eine kritische Bestandsaufnahme vorgelegt, die gründlich abrechnet mit Begriffen wie "social business" und "wirkungsorientiertem Spenden", aber auch mit "Philanthrokapitalisten" wie Bill Gates. All diesen Formen und Akteuren privater und institutionalisierter humanitärer Hilfe stellen Gebauer und Trojanow ein lautes und deutliches "Es geht auch anders" entgegen, zu dem Selbstorganisation, soziale Rechte und eine "Globalisierung von unten" gehören.

Gebauer ist seit Jahrzehnten in der humanitären Hilfe aktiv, unter anderem für Medico International, Trojanow hat sich als Journalist und Schriftsteller immer wieder sozialen Themen gewidmet. Ihre Abrechnung mit dem "Hilfsbusiness" fällt kenntnisreich aus, und sie zielen auf nichts Geringeres als eine radikale Veränderung des weltweiten Systems der Hilfe in Krisen und Notlagen. Das Buch setzt einiges an Wissen voraus und enthält leider sehr viele Floskeln. Dennoch finden sich gute Argumente für all jene, die in der humanitären Hilfe die Opfer im Mittelpunkt sehen wollen – und nicht Unternehmer, Berater und Spender.

Das Bild zeigt ein graues Buchcover mit einem Blatt

Marion Achard: Am Ende des Regenwaldes. Aus dem Französischen von Anna Taube. Magellan, Bamberg 2019. 96 Seiten, 11 Euro. Ab 12 Jahren.

Jagd auf Indigene

"Ich heiße Daboka. Ich lebe im Bauch des großen Waldes." Die Sprache, in der Marion Achards jugendliche Protagonistin erzählt, klingt karg und ungewohnt. Und doch entwickelt die kurze Erzählung des Mädchens einen Sog, dem man sich schon nach wenigen Seiten nicht mehr entziehen kann. Zu vereinnahmend ist der Rhythmus, zu schockierend das Schicksal Dabokas, das – inspiriert von einer wahren Begebenheit – den Blick auf die Massaker an indigenen Amazonasvölkern und die Zerstörung des Regenwaldes lenkt. "Der Wald ist grausam stumm. Als wäre die ganze Natur erstarrt, fassungslos, betäubt von der Dummheit der Menschen." 

Nur Augenblicke zuvor hat Daboka gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester Loca ihre Familie und die anderen Mitglieder ihrer Gemeinschaft tot aufgefunden. Erschossen. Die Mörder, die für eine Firma arbeiten, die mitten im ecuadorianischen Regenwald Erdöl fördert, nehmen die beiden Mädchen mit in ihre "zivilisierte" Welt. Während sich Loca nach und nach an die fremde Umgebung anpasst, wünscht sich Daboka immer sehnlicher in ihre Heimat zurück. Doch obwohl es dem Mädchen am Ende gelingt, mit ihrer Schwester in den Wald zurückzukehren, bleibt die Frage: Sind wir Menschen tatsächlich skrupellos, geldgierig und dumm genug, den Regenwald und seine Bewohner auszulöschen?

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