Amnesty Journal Iran 04. Juni 2018

Die Fifa schaut weg

Textfeld "Sport & Menschenrechte"

Fußball genießt unter jungen Iranerinnen hohe Popularität. Doch Fifa-Funktionäre ­decken die Ausgrenzungspolitik der ­Islamischen Republik.

Von Christoph Becker

Wer Fortschritte im internationalen Frauenfußball finden will, der muss in die italienische Provinz: Ins Friaul, nach Lignano und nach Corno di Rosazzo zum Beispiel, und weiter über die Grenze nach Slowenien, nach Rence und Ajdovščina. Orte, die ganz weit weg sind vom großen Fußball. Und doch Orte, die großen Fußball im Kleinen gesehen haben, beim Torneo delle Nazione, einem Turnier, das der italienische Fußballverband auch für die weiblichen Jugendnationalmannschaften unter 17 Jahren ausrichtet.

Am 25. April 2018 traten in Rence die besten Nachwuchsspielerinnen aus dem Land der Weltmeisterinnen zu ihrem ersten Match im Turnier an: Die Vereinigten Staaten von Amerika trafen dabei ausgerechnet auf die Auswahl der Islamischen Republik Iran. 8:0 endete das Match für die Amerikanerinnen, und doch waren die Iranerinnen in gewisser Weise die Siegerinnen des Tages. Denn dass der iranische Fußballverband FFIRI seine Nachwuchsspielerinnen überhaupt zu einem hochkarätig besetzten Turnier nach Europa schickte und gegen die Amerikanerinnen antreten ließ, ist ein ermutigendes Zeichen – auch wenn die Iranerinnen am Ende auf dem letzten Platz von insgesamt acht Teams landeten. Sie verloren im Übrigen nur gegen die USA so hoch. Das Spiel gegen Slowenien ging 1:1 aus, mit 1:3 endeten die Partien gegen Italien und Russland.

Die iranischen Spielerinnen gingen aus dem Turnier mit ­einem Erfahrungsvorsprung gegenüber ihren Konkurrentinnen aus anderen asiatischen Ländern hervor. Die Aussicht auf Teilnahme an internationalen Spielen steigerte zudem die ohnehin große Popularität, die Fußball unter iranischen Mädchen genießt. Und nicht zuletzt war der Auftritt der Jugendmannschaft in Europa auch ein politisches Signal, dessen Bedeutung vor dem Hintergrund des jahrelangen Kampfes von iranischen Sportlerinnen und Zuschauerinnen um mehr Anerkennung und Rechte nicht zu unterschätzen ist.

Während sich die Jugendmannschaft auf die Spiele in Europa vorbereitete, waren Mitte April in Teheran die besten Futsal-Spielerinnen des Landes damit beschäftigt, sich auf die Vertei­digung jenes Titels vorzubereiten, den sie 2015 gewonnen und der sie damals im Iran schlagartig bekannt gemacht hatte: die Asienmeisterschaft im Hallenfußball (Futsal). Mit Erfolg: Mitte Mai schlugen sie das Nationalteam aus Japan im Finale in Bangkok mit 5:2. Schon vor der Anreise zum Turnier vor drei Jahren hatte das Team Schlagzeilen gemacht – aus einem traurigen Grund. Denn Kapitänin Nilufar ­Ardalan konnte nicht am Turnier in Malaysia teilnehmen, weil ihr Ehemann, ein bekannter TV-Moderator, ihr die Ausreise verweigerte.

Als im Frühjahr 2017 der Ehemann der Bogenschützin Sahra Nemati ihr ebenfalls die Ausreise verweigerte, wurde eine Gesetzesänderung auf den Weg gebracht: Bei Künstlerinnen und Sportlerinnen sollen künftig die Justizbehörden und nicht mehr der Ehemann über die Ausreiseerlaubnis entscheiden, wenn es um Reisen zu Kulturveranstaltungen, Wettkämpfen oder um die Pilgerfahrt nach Mekka geht. Verabschiedet ist die Änderung noch nicht – auch von Frauen gab es Kritik: Sie fordern, die Regelung solle nicht nur für Künstlerinnen und Sportlerinnen, sondern für alle Frauen gelten.

Trotz des Titelgewinns 2015 verlief die Vorbereitung auf die Asienmeisterschaft keineswegs störungsfrei. Das zweite Vor­bereitungsspiel gegen die Ukraine nahm der Vizepräsident des Asiatischen Fußballverbands und frühere Präsident des iranischen Verbands, Ali Kafaschjan, zum Anlass für einen Besuch der Spielerinnen. Der Auftritt führte zu einer Konfrontation mit den anwesenden Journalistinnen. Kafaschjan teilte mit, dass ­Zuschauerinnen, anders als beim ersten Spiel wenige Tage zuvor, nicht zugelassen seien, angeblich auf Bitte des Verbandes. Zudem wurden die Journalistinnen aufgefordert, ihre Telefone am Eingang abzugeben. Daraufhin erklärten die Reporterinnen, dann würden sie auch nicht berichten. Zudem erklärten sie, ­Kafaschjan solle nicht daran denken, die Halle zu betreten, schließlich sei ihm als Mann der Besuch von Frauenspielen nicht gestattet. Der Funktionär rechtfertigte sich mit Verweis auf seine Funktion als Futsal-Beauftragter. Er verließ das Spiel allerdings schon früh, angeblich missfiel ihm, dass die Ukrainerinnen ohne Hidschab angetreten waren.

Die Episode verdeutlicht, wie die Islamische Republik ihre Glaubensgrundsätze auch im Sport immer wieder durchsetzt – zum Nachteil von Sportlerinnen und Zuschauerinnen. Nicht selten werden bei Frauenspielen Handys eingezogen, aus Sorge, es könnten Bilder von Gegnerinnen ohne Hidschab verbreitet werden oder von Spielerinnen, denen das Kopftuch verrutscht ist. Aus demselben Grund ist selbst bei Frauenwettkämpfen keineswegs garantiert, dass Zuschauerinnen zugelassen sind – in Zeiten, in denen Frauen auf den Straßen iranischer Städte immer wieder demonstrativ auf die Kopfbedeckung verzichten. So sind Iranerinnen nach wie vor ausgeschlossen, wenn Fußball gespielt wird – was vor allem dann auffällt, wenn Männer spielen.

Ende April feierte der FC Persepolis den elften Meistertitel im Asadi-Stadion in Teheran. Durch die sozialen Netzwerke ging ein Foto von fünf Mädchen mit angeschminkten Bärten, verkleidet als junge Männer. Während der Saison 2017/18 war dies ein gängiges Bild in iranischen Stadien: Über Twitter, Instagram und Telegram wurden sie so zu Aushängeschildern von "Open Stadiums", einer Kampagne für mehr Gleichberechtigung – und damit für ein in der Olympischen Charta und im Reglement des Internationalen Fußballverbandes Fifa verbrieftes Recht.

Doch wie wenig öffentliche Unterstützung die Aktivistinnen erhalten, ist erschütternd. So besuchte Fifa-Präsident Gianni Infantino im März Teheran, traf sich mit Präsident Hasan Rohani und verfolgte gemeinsam mit 80.000 anderen Männern das Teheraner Stadtderby zwischen Persepolis und ­Esteghlal, während vor dem Stadion Ordnungskräfte 35 Frauen und Mädchen "an einen sicheren Ort" verbrachten und sie erst am Abend wieder aus dem Gewahrsam entließen. "Es war ein sehr schlimmer Tag für uns", sagte eine der Demonstrantinnen anschließend der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Aktivistinnen von "Open Stadiums" schrieben nach den Vorfällen den Asiatischen Fußballverband an, erhielten jedoch keinerlei Rückmeldung.

Fifa-Präsident Infantino äußerte sich zu der Polizeiaktion erst, als er zurück in Zürich war, und nannte sie "zutiefst bedauerlich". Er versicherte den Iranerinnen, dass er persönlich sich den Menschenrechten verpflichtet fühle, insbesondere den Rechten der Frauen. Bei seinem Treffen mit Rohani habe er ­darauf gedrungen, dass es ihnen erlaubt sein sollte, "ihre Lieblingsmannschaft anzufeuern, gerade im Iran, wo doch die gesamte Bevölkerung dem Fußball so leidenschaftlich begegnet". Rohani habe "positive Entwicklungen in naher Zukunft" versprochen. Darauf hatte bereits Infantinos Vorgänger Sepp Blatter gesetzt, als er 2013 beim iranischen Präsidenten zu Gast war. Geändert hat sich seither nichts. 

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