Amnesty Journal Indien 01. Februar 2019

Giftige Gerüchteküche

Ein Gruppe von Männer mit grünen T-Shirts unterhalten sich

Größter Informationsdienst Indiens. WhatsApp-Mitarbeiter bei einem Werbe-Einsatz in Pune

Vor den Parlamentswahlen in Indien spalten gezielte Falschmeldungen, Halbwahrheiten und Gerüchte die Bevölkerung und führen zu teils tödlichen Übergriffen. Faktencheck-Portale wie AltNews halten dagegen.

Von Thomas Winkler

Manche Meldungen erscheinen vergleichsweise harmlos: Eine bedeutende islamische Hochschule im Norden Indiens habe in einer Fatwa verkündet, das Tragen von Nagellack sei unislamisch und deshalb verboten. Dies berichtete am 5. November die indische Nachrichtenagentur ANI. Andere Meldungen sind gefährlicher: Der Lokführer, dessen Zug bei einem Unglück am 19. Oktober 60 Menschen tötete, sei Muslim gewesen. Dies verbreiteten Hunderte Messages einen Tag danach auf Facebook und Twitter. Und viele Meldungen sind schlimme Hetze: Muslime seien verantwortlich für 95 Prozent aller Vergewaltigungen in Indien. Einem Hindu-Kind sei am Rande einer islamischen Prozession die Kehle durchgeschnitten worden. Gemeinsam ist all diesen Meldungen: Sie haben sich in den vergangenen Monaten in Windeseile in den sozialen Medien verbreitet. Sie schüren Konflikte zwischen den Religionen in Indien. Und: Sie sind alle falsch.

Sogenannte Fake News sind mittlerweile überall auf der Welt ein Thema. Autoritäre Machthaber versuchen mit diesem Schlagwort die freie Presse zu diskreditieren. Tatsächlich aber kursieren – vor allem im Internet – gezielte Falschmeldungen und Fehlinformationen. Eine Welle der Desinformation flutet derzeit Indien, das erst kürzlich eine Smartphone-Revolution ­erlebt hat. Vor den Parlamentswahlen im Frühjahr scheint den Parteien und ihren Anhängern jedes Mittel recht zu sein.

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine frei erfundene ­Geschichte, ein manipuliertes Video, ein mit Photoshop verändertes Foto in Umlauf kommt, millionenfach geteilt und manchmal gar von einer Zeitung übernommen wird. Die spektakulärsten, oft blutrünstigsten Meldungen nehmen in Indien mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern dermaßen schnell Fahrt auf, dass die Wahrheit unter die Räder kommt. "Fake News hat es immer gegeben und wird es immer geben, weil es immer Kreise gibt, die mit Falschmeldungen ein Narrativ in ihrem Sinne beeinflussen wollen", sagt Pratik Sinha. "Neu ist die Geschwindigkeit, mit der sich diese Falschinformationen verbreiten."

Sinha kämpft seit Jahren gegen Fehlinformationen im Netz. Früher ehrenamtlich, seit Februar 2017 mit seiner Website AltNews und mittlerweile neun Mitstreitern. Das hat dem ehemaligen Software-Ingenieur aus Ahmedabad Beschimpfungen, ein Heer von Trollen und Morddrohungen eingebracht. Neben Sinhas Projekt gibt es noch zwei kleinere Faktencheck-Portale, vor kurzem haben auch die beiden großen Tageszeitungen Times of India und India Today entsprechende Seiten eingerichtet. Aber im Gegensatz zur Konkurrenz finanziert sich AltNews ausschließlich durch Spenden der Nutzer, um möglichst unabhängig zu bleiben.

Die AltNews-Mitarbeiter decken in mühevoller Detailarbeit auf, ob Tweets von Prominenten authentisch sind, Videoclips zweckentfremdet oder Fotos bearbeitet wurden. Sinha berät ­weitere Websites, die demnächst in regionalen Sprachen starten sollen. Denn die englischsprachigen AltNews mit ihren nur 10.000 WhatsApp-Followern erreichen "leider kaum jene Menschen, die das bevorzugte Zielpublikum von Fake News sind".

Das sind vor allem jene Millionen Inder aus unteren Schichten und vom Land, die erst kürzlich Bekanntschaft mit dem Internet gemacht haben. Indien mag mit IT-Zentren wie in Bangalore ein internationaler Player der Digitalindustrie geworden sein, die breite Bevölkerung lebte aber bis vor wenigen Jahren noch weit entfernt vom Internet. Noch im Juni 2016 wurden in dem Riesenland insgesamt nur 200 Millionen Gigabyte mobile Daten verbraucht. Doch seitdem gab es eine digitale Revolution, chinesische Billig-Smartphones fluteten den Markt, neue Anbieter verkaufen nun preiswerte Datenpakete. Mittlerweile ist der mobile Datenverbrauch auf mehr als zwei Milliarden Gigabyte monatlich gestiegen.

Diese Explosion kommt vor allem den sozialen Netzwerken zugute. Indien ist der größte Markt weltweit. Mit mehr als 200 Millionen aktiven Nutzern ist WhatsApp, noch vor Twitter und Facebook, die bevorzugte, oft einzige Informationsquelle. "In ­indischen Dörfern sind Smartphone und WhatsApp oft der erste Kontakt mit dem Internet, viele wissen nicht einmal, dass es eine Website google.com gibt", erklärt Sinha. "Für diese Menschen ersetzt WhatsApp eine Zeitung. Was sie auf WhatsApp ­lesen, das ist die Wahrheit."

Auch wenn es sich häufig nicht um die Wahrheit handelt. Ein trauriger Dauerbrenner in den sozialen Medien ist das in vielen Regionalsprachen kursierende Gerücht, Kinderräuber seien unterwegs. In manchen ländlichen Gegenden patrouillieren nun nachts Bürgerwehren. Schlimmer: Immer wieder werden Menschen verdächtigt, angegriffen und getötet. Seit September 2015 gab es mehr als 35 Lynchmorde, weil Milchbauern oder Händler verdächtigt wurden, eine heilige Kuh getötet zu haben. Die meisten Todesopfer dieser sogenannten »cow lynchings« sind Nomaden, Touristen und Transgender. Manchmal reichte schon die über WhatsApp verbreitete Falschinformation, jemand habe Rindfleisch im Kühlschrank. Immer organisierte sich der Mob über die Instant-Messaging-Dienste.

Es finde eine systematische Stigmatisierung alles Fremden statt, sagt Sinha. Ein Mechanismus, der ganz im Sinne der mit absoluter Mehrheit regierenden Bharatiya Janata Party (BJP) ist. Die hindu-nationalistische Partei von Ministerpräsident Narendra Modi versucht seit Jahren, die Gräben zwischen Hindus und religiösen Minderheiten, vor allem den Muslimen, zu vertiefen. AltNews und andere Faktenprüfer können zwar nur selten den Ursprung einer Falschmeldung identifizieren. Aber, so Sinha, "oft hilft es, sich eine Frage zu stellen: Wem nützt diese Desinformation?"

Liest man Faktencheck-Portale, stellt man fest: Alle Parteien – auch die Kongresspartei, die größte Oppositionspartei, die jahrzehntelang allein regierte – sowie politische und religiöse Organisationen verbreiten Desinformation. Aber allzu oft sind es BJP-Funktionäre, die Falschmeldungen weiterleiten. Hinter der Regierungspartei, so Sinha, stehe ein ganzes Heer von Hindu-Rechtsauslegern, die WhatsApp mit Videoclips wie dem von einem angeblich muslimischen Mob fluten, der eine Hindu-Frau attackiert. AltNews konnte aufdecken, dass der Film, der Anfang 2017 in Indien auftauchte, in Wahrheit zwei Jahre zuvor in Guatemala aufgenommen worden war. "Die Rechten haben als erste erkannt, was für ein machtvolles Werkzeug das Netz sein kann", sagt Sinha. "Wir haben immer wieder nachgewiesen, dass vor allem Minderheiten das Ziel solcher Kampagnen sind. Die Gräben zwischen den Religionen zu vertiefen, nützt vor allem der BJP."

Dass ihre Propaganda möglichst viele Inder erreicht, auch das stellt die BJP sicher: Im Bundesstaat Rajasthan subventioniert die dortige BJP-Regierung mit einem offiziellen Programm Handys und die dazugehörigen Internet-Verträge, im Bundesstaat Chhattisgarh wurden umgerechnet 62 Millionen Euro in die Hand genommen, um potenzielle Wähler mit kostenlosen Handys zu versorgen. Auf dem Geschenk ist eine App mit Pressemitteilungen und Reden von Modi vorinstalliert. Zudem betreibt die BJP ein 350 Mann starkes Callcenter, von dem aus im Vorfeld von Wahlen die frisch gebackenen Handybesitzer angerufen werden, um sie von der richtigen Partei zu überzeugen.

Trotz der Flut an Fehlinformationen, gegen die er jeden Tag ankämpft, hat Pratik Sinha der Mut noch nicht verlassen. Dass es in Indien mittlerweile ein Problembewusstsein für Desinformation gibt und dass die großen Medienhäuser nun eigene ­Faktencheck-Portale führen, sieht Sinha auch als Erfolg von ­AltNews. "Wir haben das Gefühl, wir bewirken etwas." 

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