Amnesty Journal 26. Juli 2018

Hochauflösend ohne Wolken, bitte!

Satellitenbild von Myanmar

Nach den ethnischen Säuberungen. Inn Din in Myanmar im September 2017.

Digital aufbereitete Satellitenbilder und 3D-Rekonstruktionen von Kriegsschauplätzen haben die Methoden zur Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen revolutioniert.

Von Hannah El-Hitami

Fünfundzwanzig Quadratkilometer Satellitenfoto kosten 200 Dollar – mit Amnesty-Rabatt, und wenn die Käuferin Micah Farfour heißt, Satelliten­expertin bei Amnesty International. Von ihrem Schreibtisch in Denver aus analysiert die 35-Jährige Brandstiftungen, Fluchtbewegungen, Massengräber oder Öllecks auf der ganzen Welt – eben alles, was nicht unter einem Dach oder einer Wolkendecke versteckt ist.

Seit 2007 beschäftigt Amnesty International Expertinnen und Experten, die Satellitenmaterial analysieren. Wenn Recherche-Teams Farfour beauftragen, bestimmte Vorkommnisse zu untersuchen, begibt sie sich auf Einkaufstour. "Ich schaue bei verschiedenen Händlern, was es so gibt. Hochauflösendes Material ohne Wolken oder Nebel bestelle ich", sagt sie im Skype-­Gespräch, während sie auf einer sonnigen Holzterrasse in den Bergen von Colorado sitzt. Dort erholt sich die digitale Ermittlerin von den stressigen Monaten, die hinter ihr liegen.

Mit Satellitenbildern aus dem syrischen Rakka hatten Farfour und ihr Team im Frühjahr Augenzeugenberichte bestätigt, nach denen die Militärallianz gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat Wohngebiete bombardierte. Bereits zuvor nutzte sie Bildmaterial aus Nigeria, um Fluchtbewegungen nachzuzeichnen und – durch mit Wärmesensoren ausgestattete Satelliten – Brandstiftungen seitens des Militärs zu datieren. Und auch zu Menschenrechtsverletzungen im Jemen und im Sudan recherchierte sie.

Die Bilder aus dem All sehen für Außenstehende aus wie verschwommene grün-braune Flächen mit kleinen Quadraten oder Klecksen, die Häuser oder Bäume darstellen. Doch für Amnesty und andere Menschenrechtsorganisationen gehören sie zu den wichtigsten Beweisstücken bei der Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen – vor allem dort, wo Ermittler nicht ohne erhebliche Hindernisse oder Gefahren einreisen können.

Wie 2017 in Myanmar: Augenzeugen berichteten, dass Dörfer der muslimischen Minderheit der Rohingya abgebrannt und Tausende Menschen vertrieben wurden. Journalistinnen oder Menschenrechtler durften jedoch nicht in die Region reisen, um Beweise zu sammeln für etwas, das die Vereinten Nationen später als "ethnische Säuberung" bezeichnen sollten. "Die Satellitenbilder waren voller Wolken, sodass wir Schwierigkeiten hatten, gute Bilder zu bekommen", erinnert sich Farfour an die ­Myanmar-Recherche. "Es handelte sich außerdem um eine ­riesige Fläche, die wir untersuchen mussten."

Trotz aller Schwierigkeiten fand sie schließlich einen Ort, von dem es nur niedrigauflösende Satellitenbilder gab. "Das Dorf hatte eine längliche Form. Der obere Teil war überhaupt nicht verbrannt, der untere Abschnitt hingegen komplett", so Farfour. Es stellte sich heraus, dass dort die Rohingya gelebt ­hatten. "Wir konnten also beweisen, dass es sich um gezielte Brandstiftung gehandelt hatte."

Satelliten für alle

Die Recherche von oben ist eigentlich nicht neu. Ende der 1990er Jahre wurde der Satellitenmarkt privatisiert. Aufnahmen, die zuvor nur Regierungen zur Verfügung standen, wurden nun auch für private Kunden zugänglich – Angebot und Nachfrage bestimmen bis heute den Preis. Das führt aber auch dazu, dass aus Gegenden im Norden Nigerias oder dem Südsudan, die laut Farfour "keinen interessieren", viel weniger Bilder vorhanden sind als zum Beispiel aus der Londoner Innenstadt.

Doch das dürfte sich bald radikal verändern. "Eigentlich ­passiert gerade eine Satellitenrevolution", erklärt Farfour. "Man konzentriert sich nicht mehr nur auf hochauflösende Bilder von bestimmten Teilen der Welt, sondern eher darauf, die ganze Welt zu jedem Zeitpunkt mit Satelliten zu erreichen." In der Branche nennt man die neuen Satelliten scherzhaft "Walmart-Satelliten", eine Anspielung auf die US-Supermarktkette, die fast alles in Großhandelsmengen zu Billigpreisen verkauft.

Junge Raumfahrtunternehmen schicken ganze Satelliten­schwärme in Umlaufbahnen, in denen sie die Erde umkreisen. 1.738 sind bereits heute auf diesen Weltraumautobahnen unterwegs, Tausende sollen in den nächsten Jahren dazukommen.

Sie werden dann eine Welt observieren, in der das massenhafte Sammeln von Daten in allen Lebensbereichen und aus ­jeder Perspektive zur Normalität geworden ist. Eine Bedrohung für die Privatsphäre – aber auch eine Chance für alle, die sich nicht mit staatlichen Ermittlungen zufriedengeben wollen. ­Satellitenbilder stehen dabei selten allein. Sie helfen das, was ­Videoschnipsel zeigen und Überlebende berichten, auf einer neutralen Karte festzustecken und abzugleichen. Neue technologische Methoden ermöglichen immer vielschichtigere Analysen von Ereignissen.

Architekten ermitteln

Denn wenn der Staat selbst zum Täter wird, müssen Bürgerinnen und Bürger die Ermittlungen übernehmen, findet Eyal Weizman. Der israelische Architekt ist Leiter des Rechercheinstituts Forensic Architecture (FA) an der Goldsmiths-Universität in London. Bislang umfasste Forensik als Wissenschaft und Technik, die sich mit Kriminalität beschäftigt, nur einen kleinen Kreis eingeweihter Experten. Die Verbreitung digitaler Aufnahmegeräte, die Entwicklung der Satellitentechnik und die schnelle Kommunikation über das Internet haben sie zu einem Massenprojekt gemacht. So kann jeder aus der Ferne ermitteln oder Beweismittel in eine virtuelle Ermittlungsakte legen. Umso wichtiger werden Institutionen, die diese verwalten, verifizieren und schließlich den zuständigen Gerichtshöfen vorlegen.

So wie Weizman und sein Team: sie nutzen Satellitenaufnahmen, Fotos, Videos und Zeugenaussagen, um dreidimensionale Modelle von Gebäuden zu erstellen. Sie machen dadurch Tatorte vorstellbar, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben sollen – und das, ohne jemals einen Fuß an die realen Orte gesetzt zu haben.

Gemeinsam mit Amnesty rekonstruierte Weizmans Team etwa das berüchtigte Foltergefängnis Saydnaya in Syrien, wo über Jahre Tausende Häftlinge hingerichtet wurden. Das Äußere des propellerförmigen Gefängniskomplexes zeigten Satellitenbilder, das Innere rekonstruierten die digitalen Ermittler mithilfe von Aussagen ehemaliger Gefangener. Da diese im Dunkeln eingesperrt worden waren, arbeitete Weizmans Team vor allem mit Erinnerungen an Geräusche, um die Aufteilung der Räumlichkeiten nachzustellen.

In einem weiteren gemeinsamen Projekt mit Amnesty dokumentierte Forensic Architecture mutmaßliche Kriegsverbrechen der israelischen Armee im Gaza-Krieg 2014. In einem Modell der Grenzstadt Rafah fügten sie mehrere digitale Puzzleteile zu einer dichten Analyse zusammen. Mithilfe von Satellitenbildern zeichneten sie zunächst die Routen der israelischen Panzer nach – und vervollständigten das Bild mit 3D-Animationen von Explosionen und YouTube-Videos fahrender Panzer und fliehender Zivilisten. So gelang es ihnen auch, die Angabe eines ­Vaters zu verifizieren, der seine Tochter durch Panzerbeschuss auf der Flucht verlor, wie er in der Arte-Dokumentation "Digitale Ermittler" erzählt. Seine Zeugenaussage stimmt minutiös mit ­Videos und Satellitenbildern überein – der Beweis für ein ­mögliches Kriegsverbrechen.

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