Amnesty Journal Deutschland 07. Juni 2021

To-Dos gegen den Hass

Eine Frau mit kurzebn braunen Haaren und Brille steht zwischen ein paar Menschen und guckt zur Seite.

Wehrt sich gegen den Hass: Hannah Neumann.

Im Kampf gegen Anfeindungen hat die Organisation HateAid Routine. Sie hilft Menschen, die im Netz bedroht und beleidigt werden, darunter auch die Politikerin Hannah Neumann.

Von Klaus Ungerer

In Berlin-Lichtenberg reißt sich niemand darum, bei Wahlen für die Grünen zu kandidieren. Zu holen gibt es dort außer Beleidigungen wenig. In dem Bezirk im Osten der Stadt liegen die Wahlergebnisse verlässlich um die fünf Prozent, mal sind es nur vier, mal sieben, das ist dann ein Erfolg. Und dafür muss man sich anstrengen: am Wahlkampfstand stehen, mit dem Wahlkampffahrrad Präsenz zeigen, Kiezspaziergänge machen und mit Leuten diskutieren, die vielleicht nicht immer volle Einsicht in die eigene Argumentationslinie zeigen. Oft genug kommt es zu netten Begegnungen. Immer wieder wird man von Passanten aber auch als "korrupte kinderf(…) Drecksau" bezeichnet oder bekommt beim Aufhängen von Plakaten den Hinweis: "Eigentlich gehört ihr aufgehängt!"

Dass es nicht nur lustig werden würde, in die Politik zu gehen, war Hannah Neumann klar. Die Friedens- und Konfliktforscherin hat bereits als Büroleiterin für zwei Bundestagsabgeordnete gearbeitet. Sie kennt den Bezirk, sie wusste ungefähr, was auf sie zukommt. Wenn der eigene Kopf auf Plakaten zu sehen ist, muss man bestimmte Konsequenzen in Kauf nehmen. "Das war von dem Moment an klar, als ich mich für den Weg in die Politik entschieden habe", sagt sie. "Ich wusste ja, was sich an Hass über mich ergießen kann." Aber sie lässt sich nicht abschrecken. "Ich habe mich dann bewusst entschieden: Ich mache es trotzdem. Sonst haben die Hater ja gewonnen."

2017 kandidiert sie für die Bundestagswahl. Knapp sechs Prozent kommen dabei heraus. Zwei Jahre später sieht es schon ganz anders aus. Hannah Neumann kandidiert für die Europawahl 2019, sie steht auf Listenplatz 5, und die Grünen katapultieren sich im Bund hoch auf 20 Prozent. Für sie heißt das: Goodbye Hohenschönhausen, adiós Plattenbau! Hannah Neumann bricht auf nach Brüssel. Dass es nun erst richtig losgehen wird mit dem Hass, der unter die Gürtellinie geht, weiß sie noch nicht.

"Nicht meine Heimat"

Ein Grundrauschen an elektronischer Beleidigung gehört zum Geschäft, daran hat Hannah Neumann sich längst gewöhnt. Hier mal eine E-Mail mit Gepöbel, dort mal ein hässlicher Kommentar auf Instagram. Ab und zu taucht auf Twitter auch mal jemand auf, der ein paar Tage lang alles vollpestet. Freunde, ­denen sie davon erzählt, sind schockiert. Doch Hannah Neumann sagt: "Wenn ich nicht so tun würde, als wäre das alles ganz normal, könnte ich ja gar nicht arbeiten."

Hin und wieder jemand, der sich austobt, damit kann man leben. Vor allem, wenn man – wie sie – ein Team um sich herum hat, das sich kümmert. Wie es ist, wenn das halbe Netz sich gegen sie zu wenden scheint, erlebt Hannah Neumann erstmals im März 2018: Auf der Homepage des Innenministeriums prangt ein kurioses Bild, das mittlerweile berühmte Schlümpfe-Foto: Es zeigt Horst Seehofer im Kreis seiner Führungskräfte, neun Leute, alles Männer. Stolz wie Bolle lugen sie aus ihren mäßig gut sitzenden Anzügen hervor. Hannah Neumann retweetet das Bild mit dem Kommentar: "Nicht meine Heimat! #Diversity #Feminism".

Sie hat die Lacher auf ihrer Seite. Ihr Tweet geht viral, er wird 2.000 Mal geteilt. Doch dabei bleibt es nicht. "Das war das erste Mal, wo es spürbar mehr wurde mit dem Hass: Morddrohungen, Vergewaltigungsdrohungen – als Beispiel: 'an den Herd ketten und von hinten nehmen' –, immer alles schön sexualisiert", sagt Hannah Neumann. Sie hat mit ihrem Post klassische Männlichkeit angegriffen, und die schlägt nun mit ihren Mitteln zurück. Dass der Hass sich oft an Geschlechtergrenzen ausrichtet, kennt sie schon vom Plakatehängen in Lichtenberg. "Auf der Straße wurde ich noch nie von einer Frau angepöbelt. Bisher waren es immer Männer. Manchmal haben sie sogar Kinder dabei, das sind für mich die erschreckendsten Momente."

Die sind vollkommen über mich hinweggewalzt.

Hannah
Neumann
Politikerin, über phlippinische Trolle

Wer sich für eine politische Karriere entscheidet, nimmt also ein gewisses Maß an verbaler und digitaler Gewalt in Kauf. Es gibt da im Hintergrund ein ständiges, unvorhersehbares Blubbern, das immer mal wieder einen Moment der Aufmerksamkeit für sich beansprucht. Da ist der Pöbler in der Schlange beim Bäcker, die verirrte Hassmail im Posteingang, der orthografisch fragwürdige Wutkommentar im sozialen Netzwerk. Das sind Sachen, an die man sich gewöhnen, die man mit der Zeit ausblenden kann.

Dass die Aggression sich aber sammeln, bündeln, organisieren kann, dass sie planvoll darauf abzielen kann, einen Menschen niederzumachen, erfährt Hannah Neumann dann im September 2020. Im Europaparlament lanciert sie einen Entschließungsantrag zur Menschenrechtssituation auf den Philippinen, der von einer breiten Mehrheit verabschiedet wird. Damit ist sie nicht nur dem Grünenhasser von nebenan auf die Füße getreten. Sie hat sich mit dem Regime eines 100-Millionen-Staates angelegt. In den philippinischen Medien wird sie markiert. Die Reaktion im Netz lässt nicht auf sich warten.

Eine Online-Armee rollt an

"Die Philippinen haben eine stramm organisierte Troll-Armee, und viele lassen sich dafür dann auch einspannen", sagt Hannah Neumann. "Die sind vollkommen über mich hinweggewalzt." Um die 15.000 Kommentare zieht sie allein bei Twitter auf sich, bunt schillernd in allen Facetten von Angriffs- und Belehrungslust, dasselbe noch mal auf Facebook. Sie muss die Kanäle dicht machen. "Mein Team hat es nicht mehr geschafft, das alles zu löschen." Einige Zeit geht das so weiter, alle neuen Statusmeldungen werden zugemüllt, und wenn es gerade keine neuen gibt, trifft es ältere. Über Monate geht das so. Es ebbt langsam ab. Dann bricht der nächste Shitstorm los.

Auf Facebook hat Neumann sich zu einem umstrittenen Thema zu Wort gemeldet: Soll die EU Bürger_innen zurücknehmen, die für den Islamischen Staat gekämpft haben, oder deren Angehörige? Ja, sagt Neumann. Kurz danach merkt sie, dass sie ins Visier der AfD geraten ist. Erst sind es einzelne Politiker_innen, die sich auf sie einschießen. Dann twittert sogar die AfD-Fraktion im Europaparlament ein großes Foto von Hannah Neumann mit folgenden Worten: "Sie will 2.000 IS-Terroristen nach Europa holen. Sag ihr deine Meinung!"

Nicht nur ihre Parlamentskolleginnen und -kollegen von der AfD haben Hannah Neumann als Feindin markiert. Das Foto findet seinen Weg auch in abgeschiedene Regionen von Facebook, in nichtöffentliche Gruppen, wo Nutzer_innen ihre ganz spezielle Meinung zu Menschenrechten, Musliminnen und Muslimen und Rechtsstaatlichkeit haben. "Verbrechen am deutschen volk" (sic!), steht da, "Drecksau!", "Soll erstmal Testen was SIE erwartet. Da gibt es nur eins Beine Breit machen. Aber vllt. braucht die das auch." (sic!) und "Dumm geboren, nichts gelernt und als rotgrüne Lebensversagerin gestorben!"

Löschen, löschen, löschen

Als der Sturm losbricht, ist zunächst alles wie immer in Hannah Neumanns Team. Sie kennen das ja schon – löschen, löschen und löschen. Dann erfährt Neumann, dass die Attacke, direkt vor Weihnachten, generalstabsmäßig geplant worden war: In Foren habe die AfD den Angriff orchestriert und angefacht. "Da dachte ich, Leute, das ist ein Schritt zu weit. Das werde ich denen nicht durchgehen lassen." Hannah Neumann entscheidet sich zum Gegenangriff.

Doch wie wehrt man sich, wenn der Gegner sich im virtuellen Raum versteckt? Oft scheint es, als sei das Internet ein eigenes Universum, und kommunikativ ein einziges, wüstes Chaos, in das, wer will, eintaucht aus der echten Welt. Faktisch aber ist das Internet natürlich ein Teil dieser echten Welt. Und es gelten dort dieselben Gesetze wie offline. Der Gesetzgeber kann auch die Menschen hinter den Attacken im virtuellen Raum zur Rechenschaft ziehen. Aber an wen wendet sich, wer Opfer von Angriffen geworden ist?

Seit 2018 gibt es HateAid, Deutschlands erste Beratungsstelle speziell für Menschen, denen digitale Gewalt widerfahren ist. Dort klingelt bald das Telefon. "Normalerweise sind die Menschen, die bei uns anrufen, nicht so sortiert", sagt HateAid-Beraterin Clara Taruba, die eigentlich anders heißt und den Fall von Hannah Neumann übernimmt. "Oft sind sie wie gelähmt, haben noch gar nicht recht begriffen, was ihnen da gerade widerfahren ist. Sie suchen nach Gründen, viele geben sich selbst die Schuld", sagt sie.

Ein Screenshot von beleidigenden Social-Media-Kommentaren gegen die Politikerin Hannah Neuman.

Screenshot des Grauens: So viel Hass erfuhr Hannah Neumann.

Vielfach ist es für Clara Taruba und ihre Kolleg_innen die ers­te Aufgabe, die Opfer digitaler Gewalt emotional aufzufangen. Es geht dann darum, sie erzählen zu lassen und mit ihnen gemeinsam ein bisschen einzuordnen, was passiert ist. Bei Bedarf verweisen sie auch auf andere Beratungsstellen, die noch mehr psychologische Unterstützung leisten können.

Viele digitale Attacken entspringen einer langen persönlichen Vorgeschichte. Typischerweise verlagern sich etwa häss­liche Nachwehen gescheiterter Beziehungen in den digitalen Raum: Intime Bilder werden auf Instagram veröffentlicht, in ­Facebook-Gruppen gezielt Unwahrheiten über die Ex-Partnerin verbreitet, gerne auch bei deren Arbeitgeber. Das Internet macht es leicht, Rachefantasien vom Schreibtischstuhl aus in die Tat umzusetzen. In sozialen Medien brennt die Luft, sobald emotionale politische Themen diskutiert werden, zumal in Zeiten grassierender Verschwörungsmythen. Und jede Wut bricht leichter aus, wo es kein physisches Gegenüber gibt.

Hassabwehr als Tagesgeschäft

Manchmal reichen schon Unstimmigkeiten bei der Ebay-Kaufabwicklung, um Menschen zu unversöhnlichen Feinden zu machen. Als digitalaffiner Mensch hat die HateAid-Beraterin es selbst erlebt. Und so hat sie auch ihr eigenes Pseudonym zunächst einmal gegoogelt, bevor sie es aktiviert hat. Sicher ist sicher. Eine echte Clara Taruba war nirgends auffindbar, also konnte auch niemand in die Gefahr eines Shitstorms geraten.

Erste stabilisierende Auffangmaßnahmen erweisen sich bei Hannah Neumann als nicht notwendig. Punkt eins auf der To-Do-Liste der Berater_innen ist damit schon abgehakt. Seelisch robust und gut aufgefangen von ihrem Team, geht Neumann mit HateAid die nächsten Schritte an. Hassabwehr ist dort das tägliche Geschäft, und schon die Routine der Berater_innen kann für die Betroffenen hilfreich sein. Es gilt zu begreifen, dass man dem Shitstorm nicht hilflos ausgeliefert ist.

Zunächst wird ein persönlicher Sicherheitscheck durchgeführt, auch was mögliche Hackerangriffe angeht. Im Fall Neumann erbringt der Check gute Ergebnisse. Hier hat ihr Team schon zuvor ordentlich gearbeitet. Im nächsten Schritt wird dann gemeinsam beraten, ob eine Auszeit vom Netz sinnvoll ist oder nicht – was jeweils vom Fall und auch von der ­Belastbarkeit der angegriffenen Person abhängt.

Justiziables herausfiltern

Schließlich geht es um eine angemessene Antwort auf den Hass – mit den Mitteln des Rechtsstaats. Im Fall Neumann hat die Recherchegruppe "Die Insider" Screenshots aus Onlineforen sichergestellt. Mitarbeiter_innen von HateAid tauchen in die große Fülle an Pöbeleien ein, die als private Nachrichten eingegangen sind und sondieren: Was ist Beleidigung, was Bedrohung? Was ist durch die freie Meinungsäußerung gedeckt? Was befindet sich in einer Grauzone?

Es würde die Ressourcen unnötig belasten, jedem einzelnen Angriff nachzugehen. Also muss gefiltert werden: Nur diejenigen Hassnachrichten sollen übrigbleiben, die nach Einschätzung von HateAid wohl justiziabel sind. Im Fall Neumann bleiben 16 übrig, es sind die krassesten. Sie werden an Anwälte übergeben. Die Anwälte prüfen dann noch einmal. Schließlich leiten sie die Gegenattacke ein, kühl und trocken. Ihre Waffen heißen: Abmahnung, einstweilige Verfügung oder Strafanzeige. HateAid sorgt für Prozesskostenunterstützung – und Hannah Neumann kann den Dingen ihren Lauf lassen.

Klaus Ungerer ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

Weitere Artikel