Amnesty Journal Griechenland 04. Dezember 2017

Gefangen auf Lesbos

Drei Männer sitzen im Dunkeln draußen um ein Lagerfeuer

Ein wenig Wärme. Moria, Oktober 2017.

Zwei Jahre nach der Massenflucht übers Mittelmeer kommen abermals Tausende auf den griechischen Ägäis-Inseln an. Auf den Winter sind die Behörden nicht vorbereitet. 

Von Alexander Bühler (Text) und Giorgos Moutafis (Fotos), Mytilini

Schon am frühen Morgen pfeift der Wind über das Hafenbecken von Mytilini und fährt den Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak unter ihre Jacken. Ein paar Dutzend von ihnen haben sich hier, in der Hauptstadt der griechischen Insel Lesbos, versammelt. Sie wollen nicht mehr im überfüllten, sechs Kilometer entfernten Lager Moria bleiben, das ihnen von der griechischen Regierung als Unterkunft zugewiesen wurde. Sie spüren, wie sie dort kaputtgehen, wie durch die zermürbend langsame Bearbeitung ihrer Asylanträge der Frust in ihnen hochkocht.

Seit dem Sommer kommt es immer wieder zu Gewaltausbrüchen in Moria, dem nordwestlich von Mytilini gelegenen ­Lager. Hier, in der Hafenstadt, werden die Neuankömmlinge nach ihrer Ankunft auf Lesbos von den griechischen Behörden registriert, ehe sie in das mit hohen Zäunen abgeriegelte Lager geschickt werden. Dort sind es der Ärztemangel, der Mangel an Nahrung, an Toiletten und Duschen, der die vor Krieg oder Armut geflohenen Menschen in den Protest treibt.

An diesem Herbstmorgen betrachten die Flüchtlinge in ­Mytilini staunend die Militärkapelle der griechischen Marine, deren Angehörige zu den Klängen der Nationalhymne wie jeden Sonntag die blau-weiße Landesfahne hissen. Polizeibeamte beobachten durch die Scheiben ihrer gut geheizten Fahrzeuge die Demonstranten.

Als die Flüchtlinge sich für ein Foto versammeln, halten sie Plakate hoch. Die jüngste Protestierende ist ein vier Jahre altes afghanisches Mädchen. "Ich möchte nach Athen", steht auf ihrem Karton geschrieben, daneben hat sie eine Blume gemalt. Ende zwanzig seien er und seine Frau, sagt der Vater des Kindes – schiitische Hazara aus der Region Herat, die von den Taliban kontrolliert werde. Er trägt eine zerschlissene blaue Jacke. Seit drei Monaten harre er mit seiner Familie nun schon in Moria aus, ohne zu wissen, wann sie die Insel endlich wieder verlassen können. Oder ob überhaupt.

Die ältere der beiden Töchter schmiegt sich an ihre Eltern, eine offene Wunde bedeckt ihre rechte Wange. Die Folge eines Mückenstichs, der sich entzündet hat; wohl auch wegen der schlechten hygienischen Situation in Moria, wie der Vater vermutet. Eigentlich könnte eine Salbe, wie sie in jeder Apotheke erhältlich ist, dagegen helfen. Doch in Moria gibt es diese nicht – die Ausstattung ist schlecht, und die wenigen Ärzte sind überfordert, sie verteilen den Bewohnern zufolge nur Kopfschmerztabletten.

Nichts gelernt

Wegen der katastrophalen medizinischen Lage auf den ­Ägäis-Inseln schlagen inzwischen auch renommierte Hilfsorganisationen Alarm: so im Oktober Ärzte ohne Grenzen, die der Regierung in Athen und der Europäischen Union vorwarfen, für einen psychosozialen Notstand unter den Asylsuchenden verantwortlich zu sein. Gewalt, Vernachlässigung und die schlechten Lebensbedingungen in den Auffanglagern auf den griechischen Inseln seien für den dramatisch schlechten Seelenzustand vieler Patienten maßgeblich verantwortlich. Nur eine rasche Verlegung auf das Festland könne einen besseren Zugang zur dringend benötigten Gesundheitsversorgung ermöglichen.

Die Situation auf Lesbos zeigt, dass die europäischen Behörden nichts aus der Massenflucht irakischer, syrischer, afghanischer und pakistanischer Flüchtlinge 2015 über das Mittelmeer gelernt haben. Den Preis dafür zahlen die Schutzsuchenden. Zwar sind die Zahlen niedriger als vor zwei Jahren, als an manchen Tagen mehr als 3.000 Menschen auf Holzkähnen und Schlauchbooten die Ägäis-Inseln erreichten. Doch im windstillen September waren es auch dieses Jahr in manchen Wochen mehr als 400 am Tag, die sich auf die Boote und Kähne türkischer Schlepper begaben. Allein auf Lesbos landeten im Oktober 2.216 Menschen – so viele wie zuletzt vor Inkrafttreten des sogenannten Flüchtlingsdeals zwischen der Türkei und der Europäischen Union.

Von Januar bis Anfang November kamen dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zufolge bereits 25.000 Migranten und Flüchtlinge auf dem Seeweg in Griechenland an. Von einem "merklichen Anstieg" spricht der griechische Migrationsminister Giannis Mouzalas. Sollte die Türkei das im März 2016 mit der EU ausgehandelte Abkommen platzen lassen, wäre das für sein Land eine "Katastrophe". Denn laut Abkommen sollen die in der Ägäis angekommenen Flüchtlinge nach erfolgreichem Asylverfahren in anderen EU-Staaten angesiedelt werden – den Abgelehnten droht die Abschiebung in die Türkei. Die Realität sieht freilich anders aus: Nicht einmal ein Drittel der 106.000 Flüchtlinge, denen eine Umsiedlung versprochen wurde, seien bislang in anderen europäischen Ländern untergekommen, bemängelte Amnesty International im Herbst.

Statt wie angestrebt für eine zügige Bearbeitung der Anträge zu sorgen, lässt die EU die nach gefährlicher Flucht Krieg und Armut entkommenen Menschen weiter warten – im Durchschnitt neun Monate, viele länger als ein Jahr. Und das auf Inseln mit einer Aufnahmekapazität von weniger als 9.000 Plätzen.

Ein Leben im Ausnahmezustand, der die Neuankömmlinge auf Lesbos und den anderen Ägäis-Inseln Chios und Samos, Leros und Kos im Dezember und Januar mit voller Wucht treffen dürfte. "Der Winter bricht an, auch für die Flüchtlinge in Griechenland", warnte ein Bündnis aus vierzig europäischen Initiativen, darunter Sea Watch und Borderline Europe, nachdem ein vierjähriges syrisches Mädchen in Moria Anfang Oktober gestorben war. "Letztes Jahr sind bereits sechs Menschen wegen der ­katastrophalen Zustände in einem Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos ums Leben gekommen. Das darf sich nicht wiederholen."

Doch dass die Europäische Union in ihrer Flüchtlingspolitik andere Prioritäten setzt, zeigt sich nur wenige Meter entfernt von den protestierenden Afghanen am Hafenbecken von Mytilini. Die britische "HMS Valiant" liegt hier vor Anker und zwei griechische Küstenwachschiffe, auf deren Rumpf in frisch aufgemalten Buchstaben "Border Patrol" steht, sowie ein Boot der italienischen Guardia Costiera.

Viel Geld für die Fluchtabwehr

150 Euro am Tag soll die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache Frontex griechischen Polizisten zahlen; Beamte aus anderen europäischen Staaten erhalten für ihre Arbeit im Mittelmeer zusätzlich zum nationalen Sold weitere Aufschläge. Viel Geld für die Flüchtlingsabwehr, das in den von der Europäischen Union 2016 auf den italienischen und griechischen Inseln eingerichteten Hotspots fehlt. Dort, wo eigentlich für eine menschenwürdige Betreuung und Versorgung der Flüchtlinge gesorgt werden soll.

Das aber ist nur selten der Fall, wie Mitarbeiter von Hilfsorganisationen berichten. Dabei haben NGOs wie Lesvos Solidarity in unabhängig betriebenen Unterkünften wie dem Pikpa-Camp in Mytilini bewiesen, dass Flüchtlinge zu durchaus geringen Kosten anständig versorgt werden können. Aber die autonom organisierten Auffanglager können nur wenige der Geflohenen aufnehmen, die sich vor dem Kälteeinbruch fürchten. Bereits Anfang November waren 3.000 Menschen in Moria untergebracht. Ausgelegt ist das Lager für 1.800.

Die Diskrepanz zwischen freundlicher Aufnahmerhetorik und realer Abschottungspolitik beleuchtet auch Basil Roth von der Hilfsorganisation Lighthouse Relief. "Wir verfügen lediglich über ein einziges Nachtsichtgerät, mit dem man ein paar Kilometer weit sehen kann", sagt der Leiter eines Teams, das ankommende Flüchtlinge aus Seenot rettet. "Das ist nichts im Vergleich zur Ausstattung von Frontex." Ausgerechnet jetzt, wo der stürmische Winter bevorsteht, gingen seiner Organisation die Gelder aus, sodass Rettung nur eingeschränkt möglich sei.

Hinzu käme, dass Frontex darauf bestehe, schiffbrüchige Flüchtlinge selbst zu retten, obwohl deren Boote dafür gar nicht ausgelegt seien, sagt Roth. Das habe bereits dafür gesorgt, dass mehr als doppelt so viele Menschen auf Frontex-Beibooten untergebracht worden seien als vorgesehen – ein lebensbedrohliches Vorgehen. Andere Helfer berichten, wie Mitarbeiter der europäischen Grenzagentur den verbliebenen privaten Seenot­rettern das Leben so schwer wie möglich machten: Seit einigen Monaten müssen sie jede Mission von der griechischen Rettungsleitstelle genehmigen lassen – ganz gleich, in welcher ­Gefahr sich die Menschen auf See gerade befänden.

Haben diese es dann erst einmal ans rettende Ufer von Lesbos geschafft, sorgen die mangelhafte Vorbereitung und die schlechte Ausstattung der griechischen und europäischen Behörden dafür, dass nachhaltige Hilfe nicht in Sicht ist. Dicht an dicht stehen die Zelte der Flüchtlinge in Moria aneinander, ausreichend Toiletten oder Duschen gibt es nicht, fließendes Wasser nur drei Stunden am Tag. Wer krank oder gebrechlich ist, muss selbst sehen, wie er an sein Essen kommt. Statt der benötigten 5.000 Essensrationen pro Tag hat die Lagerverwaltung beim Caterer nur 4.000 bestellt, berichten griechische Journalisten.

Um die Flüchtlinge unterzubringen, ist die Lagerverwaltung inzwischen auf den angrenzenden Olivenhain ausgewichen. Hier sind rund 300 allein reisende Männer untergebracht, viele von ihnen in leichten, winddurchlässigen Sommerzelten. Auf den abgeschabten Plastikboden haben sie Wolldecken gelegt, um sich zumindest ein wenig gegen die Kälte zu schützen. Nachts lodern hier kleine Feuer, stickig hängt der Qualm feuchten Feuerholzes über dem Lager. Neben den Wegen liegen Plastikabfälle.

Kalte Zelte, nasse Böden

Ein irakischer Kurde bittet in sein Zelt, in dem ein Mitbewohner Insektengift versprüht, um die Mücken zu verscheuchen. Ein anderer zeigt auf seinem Handy einen Film vom Vortag, an dem es geregnet hat: Unter dem Zeltboden laufen Sturzbäche den Hang herab, die das Zelt mitzureißen drohen. Die Umstehenden werden still, sie wissen nicht, wie sie mit dieser Lage ohne Hilfe klarkommen sollen. Denn ihre Zelte sind – wie die im Lager auch – nicht gegen Kälte isoliert. Bislang hat die Lagerverwaltung lediglich Holzpaletten unter die Zelte legen lassen. Aber selbst von denen gab es nicht genug, um alle Zelte zumindest notdürftig zu isolieren.

Im Sommer kam es aufgrund der Zustände in Moria zu Unruhen, die Bewohner randalierten und zündeten Zelte an. Die Polizei griff hart durch, Beamte prügelten auf am Boden liegende Bewohner ein. Ausgerechnet die Angestellten des Europäischen Unterstützungsbüros für Asylfragen flüchteten daraufhin durch einen kleinen Tunnel aus dem Lager. Denn an den EASO-Mitarbeitern entlädt sich der Frust der Flüchtlinge über das lange Warten auf ihre Asylbescheide häufig als Erstes.

Auf dem Platz nahe des Hafens von Mytilini hat die Polizei den Flüchtlingen an diesem Herbstsonntag unterdessen das ­Angebot unterbreitet, sie angesichts eines heranziehenden Unwetters nach Moria zurückzubringen. Einige Frauen und Kinder akzeptieren resigniert und steigen in den wartenden Bus ein. Ein paar Männer bleiben zurück und sprechen davon, notfalls in den Hungerstreik zu treten. Alles sei besser als Moria, als die ­unmenschliche Behandlung dort, sagen sie.

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