Amnesty Journal Deutschland 25. Juli 2017

Menschen im Minutentakt

Überfülltes Regal mit Akten voller Einzelfällen im Hintergrund. Im Vordergrund sitzt eine Frau am Schreibtisch.

Akten voller Einzelfälle. Im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg, März 2015 

Ein halbes Jahr lang entschied Elisabeth Fischer darüber, wer in Deutschland Asyl bekommt – und wer nicht. Dann kehrte sie dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Rücken. Von Muhamad Abdi und Mahdis Amiri

Es war im Spätsommer 2016. In den Büros des Bundesamts stapelten sich die Akten, Tausende von Asylanträgen waren noch unbearbeitet. Neue Stellen wurden ausgeschrieben, um den Rückstau abzuarbeiten. Elisabeth Fischer bewarb sich. Wie viele. Sie hatte Politikwissenschaft studiert und schon einige Zeit mit Geflüchteten gearbeitet. Sie bekam den Job. Die anderen bekamen ihn auch, zum Teil Menschen, die noch nie länger mit einem Geflüchteten gesprochen hatten und die Regionen, aus denen sie kamen, nur aus dem Geografieunterricht und der Zeitung kannten. Auch mit dem Thema Asyl hatten sich die wenigsten vorher befasst. 

Drei Wochen später führten Elisabeth Fischer und ihre neuen Kollegen zum ersten Mal jene Gespräche, die dann die Basis bildeten für die Entscheidung, ob Menschen in Deutschland Asyl bekommen oder in ihr Heimatland zurückkehren müssen, wo möglicherweise Tod oder Folter auf sie warten. Und noch ein paar Wochen später fällte sie diese Entscheidung selbst.

Der Vertrag war auf ein halbes Jahr befristet. "Im Grunde lief von Anfang an alles schief", sagt sie Monate nach ihrem ­Abschied vom BAMF. Normalerweise würden neue Mitarbeiter drei Monate in Seminaren geschult. Das sei auch gut so. In den Anhörungen gehe es schließlich um die politische Lage in der Region, aus der die Asylbewerber kommen. Und darum, einschätzen zu können, ob das, was sie erzählen, plausibel ist. Zum anderen gehe es in den Anhörungen um menschliche Schicksale. Viele, die in Deutschland Asyl beantragen, haben Schreckliches erlebt und sind schwer traumatisiert. Diese Form von Gesprächen zu führen, müsse man lernen. "Aber leider bekamen wir Neuen nur drei Wochen Training und wurden zum Teil von Kollegen angeleitet, die selbst nur ein paar Wochen länger da waren als wir", berichtet Fischer.

Ein Zimmer. Auf der einen Seite des Tisches der Asylbewerber – aufgeregt, voller Angst, wissend, dass von diesem Gespräch alles abhängt. Auf der anderen Seite der BAMF-Mitarbeiter – nicht wissend, was ihn erwartet: Ein einfacher Fall, der schnell gelöst ist? Oder eine komplexe Geschichte? Ein schwieriger Mensch, der vielleicht sogar aggressiv wird? "Der Abstand ist riesig", sagt sie im Rückblick – und rekapituliert ihren guten Vorsatz, auch am Ende eines langen Tages auch beim siebten ­Bewerber noch ruhig und freundlich aufzutreten. Sich wieder einzulassen auf die neue Situation.

Fast siebzig Interviews hat sie allein in ihren ersten beiden Monaten im BAMF geführt. Siebzig Menschen mit ihren oftmals harten Geschichten zugehört und diese so gut sie es vermochte aufgeschrieben. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen litten unter den Grausamkeiten, von denen da die Rede war. Fischer sagt, das habe sie weniger belastet, sie kannte Ähnliches aus ihrer früheren Arbeit mit Geflüchteten und wusste sich abzugrenzen. Heftig fand sie, mit was für irren Vorstellungen manche junge Männer nach Deutschland aufgebrochen waren: Albaner oder Serben etwa, die felsenfest davon überzeugt waren, dass die Regierung ihnen hier Arbeit und ein Haus vermitteln würde, oder Tschetschenen, denen die Schlepper gesagt hatten, sie bekämen hier Grund und Boden, um einen landwirtschaftlichen Betrieb zu gründen. Zwischen den Hoffnungen und der Realität lagen Welten. Und das auszuhalten fiel ihr schwer. 

Hinzu kam der Druck von oben. Es gab Vorgaben aus der Zentrale des Bundesamts in Nürnberg und von den Vorgesetzten vor Ort. Die Aktenberge sollten schnell kleiner werden. Das ging nur durch zügiges Arbeiten. Für die Neuen hatte da keiner Zeit, auch wenn sie oft nicht weiterwussten. In der Hierarchie der Behörde waren sie unten angesiedelt. "Wir waren ja nur die mit den Sechsmonatsverträgen." Also schlugen sie sich irgendwie durch  – jede und jeder auf seine Manier.

Natürlich hatte man ihnen den rechtlichen Rahmen erklärt. Elisabeth Fischer nahm sich vor, ihn so weit wie irgend möglich zugunsten der Geflüchteten zu interpretieren. Ließ sich ein Aufenthaltstitel nicht halten, prüfte sie, ob es noch weitere gab. Andere Kollegen, sagt sie, sahen ihre persönliche Herausforderung darin, möglichst viele Asylanträge abzulehnen, und suchten nach legalen Wegen, das zu tun. Mit diesen Entscheidungen waren sie jeweils allein. Niemand prüfte nach. Die Qualitätskontrollen bezogen sich nicht auf die Entscheidung selbst, sondern darauf, wie das Schriftstück abgefasst war: War es klar und sinnhaft oder gab es Widersprüche?

Während Elisabeth Fischer in ihrem Zimmer Interviews führte, Protokolle schrieb und Entscheidungen fällte, waren draußen die Wartezimmer voll mit Menschen. "Die Arbeit war schlecht organisiert", sagt Fischer. "Es wurden immer mehr Menschen eingeladen, als wir anhören konnten. Die Verwaltung wusste das – und tat es trotzdem, vielleicht in der Absicht, dass die Anhörer beim Anblick der Wartenden ein wenig schneller ­arbeiten oder Überstunden machen." 

Die Leute kamen morgens früh und warteten bis nachmittags um fünf, und dann sagte man ihnen: "Leider müssen wir ihren Termin verschieben." Einige mussten sieben oder acht Mal kommen. "Bei jungen Männern kann das ja vielleicht noch angehen", sagt Elisabeth Fischer empört, "aber es geschah auch bei Schwangeren und Frauen mit kleinen Kindern."

Zu ihren Aufgaben als Anhörerin zählte, die Fragen so zu formulieren, dass möglichst erkennbar wurde, ob einer seine eigene Geschichte wiedergibt oder eine erfundene. Anhaltspunkte dafür waren das Wissen um Orte und Details. "Ich habe nie erlebt, dass einer mir Lügen aufgetischt hat", sagt Fischer. Aber ganz auszuschließen sei das nicht.

Manche Gesichter wird sie nicht vergessen, vor allem von unbegleiteten Minderjährigen. "Die sind doch noch Kinder!", sagt Fischer empört. "Die kann man doch nicht auf so eine Reise schicken!" – allein, durch Kriegsgebiete, über umkämpfte Grenzen und das Meer in die Fremde. Und das alles nur in der Hoffnung, dass der Rest der Familie dem Kind nach überstandener Gefahr nachfolgen kann. "2015 waren es die Väter – die Stärks­ten, die aufbrachen, um später ihre Familien nachzuholen", sagt Fischer. Jetzt sind es die Jungen – weil die deutsche Politik nur noch dieses Schlupfloch vorsieht.

Beim BAMF wurde in dieser Phase unterschieden in Anhörer und Entscheider. Die einen redeten mit den Menschen. Die anderen lasen hinterher, was aus diesen Gesprächen in den Akten protokolliert war – ohne den Betroffenen jemals persönlich erlebt zu haben. Nach etwa drei Monaten als Anhörerin wechselte Elisabeth Fischer und arbeitete als Entscheiderin.

Über die Reihenfolge, in der die Antragsteller ihre Bescheide bekamen, entschied nicht der Eingangsstempel, sondern die politischen Interessen. Die Schwerpunkte änderten sich von Woche zu Woche. Mal hieß es: Macht erstmal all die Fälle, die schnell und einfach zu erledigen sind. Ein andermal sollten sie die ältesten Akten abarbeiten. Dann wieder sollten vor allem Afghanen dran sein. Oder primär Familien. Die Vorgesetzten hatten vor allem einen Blick auf die Statistik, jeder versuchte, sein Team als möglichst erfolgreich darzustellen. Die Vorgaben dafür kamen aus der Politik. Auch auf diese Aufgabe bereitete das BAMF die Kurzzeitkräfte mehr schlecht als recht vor, so Fischer.

Die Folgen des Versuchs, die Aktenberge mit Kurzzeitkräften schnell abzuarbeiten, zeigen sich jetzt: An den Gerichten häufen sich die Einsprüche gegen die Bescheide. Rechtsanwälte argumentieren, durch die eiligen Verfahren und die fehlende Kompetenz der Anhörer und Entscheider seien immer wieder Fehler passiert, die jetzt bereinigt werden müssten. Für die Asylbewerber heißt das: Das Verfahren geht in die nächste Runde, und es dauert noch länger als ohnehin schon, bis sie wissen, ob ihre ­Zukunft in Deutschland liegt.

Aus dem Englischen von Cornelia Gerlach

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