Amnesty Journal Deutschland 04. November 2020

Mehr als Aktivismus

Eine junge Frau mit blondem Haar in Jeans und rotem Pulli sitzt auf einem weißen Holzstuhl und lächelt.

Im Bilde: Die Fotografin Annette Hauschild

Die Fotografin Annette Hauschild über die Ausstellung "Kontinent – Auf der Suche nach Europa", Europabilder und die Hilflosigkeit der Helferinnen und Helfer.

Interview: Maik Söhler

Seit Anfang Oktober war in der Akademie der Künste in Berlin die Ausstellung "Kontinent – Auf der Suche nach Europa" zu sehen. Es ist eine Gemeinschaftsausstellung aller Mitglieder der Fotoagentur Ostkreuz, eines Berliner Fotografinnen- und Fotografenkollektivs. Im Online-Shop zur Ausstellung wurden signierte Foto-Prints verkauft , ein Teil der Erlöse kommt Amnesty International zugute.

Die Ausstellung wirbt damit, dass dort 22 Positionen zum "Miteinander in Europa" zu finden sind. Warum genau 22 Positionen?

Es handelt sich um die 22 individuellen Blicke der Fotografinnen und Fotografen auf das Thema "Kontinent". Und diese Blicke der beteiligten Fotografinnen und Fotografen, ihre sehr persönlichen Zugänge zu Europa, bezeichnen wir als Positionen.

War von Anfang an klar, dass es um Europa gehen soll und nicht um die EU, oder hat sich das erst später abgezeichnet?

Wir haben uns sehr bewusst für den Kontinent entschieden, aber auch gewusst, dass es schwierig wird, beides immer auseinanderzuhalten. Die Frage der Abgrenzung zwischen EU und Europa zieht sich an verschiedenen Stellen durch die Ausstellung. Aber am Ende haben wir uns auf der Suche nach Europa fast immer in den Grenzen der EU bewegt.

Corona hat eine Zeit lang für weniger "Miteinander in Europa" denn je gesorgt.

Wir hatten kurz Angst, dass alles, was wir über Europa zeigen wollen, nun hinfällig ist. Aber wenn wir in zehn Jahren zurückblicken, könnte es sein, dass Corona nur eine unter den vielen Krisen Europas war. Nach kurzem Überlegen war uns klar: Das stört uns nicht, außer dass wir weniger Besucher haben werden. Einer unserer Fotografen hat dann noch aktuell reagiert und Fotos der Grenzschließungen in Corona-Zeiten beigesteuert.

 

Es gibt Stichworte wie Renationalisierung, Migration und Meinungsfreiheit, die die Ausstellung begleiten. Stehen diese Begriffe nebeneinander oder haben sie eine Hierarchie?

Diese Begriffe tauchen in einigen der Fotoarbeiten auf, in manchen sehr eindeutig, in anderen muss man danach suchen. Unsere Ausstellung zeigt, dass Fotografie Geschichten erzählen kann, ohne solche Begriffe besonders zu betonen.

Ihre Fotos zeigen Aktivistinnen und Aktivisten, die sich für Geflüchtete einsetzen. Was ist ihre Hauptaussage?

In den meisten meiner Ausstellungsbilder betone ich das Fragmentarische. Helferinnen und Helfer wirken isoliert. Manchmal wird ihre Hilflosigkeit sichtbar, ich versuche auch andere Aspekte ihrer Persönlichkeit zu zeigen, Aspekte jenseits des Aktivismus.

Wie viel Kollektiv steckt in dieser Ausstellung, die auch vom Werk einzelner Künstlerinnen und Künstler lebt?

Wir haben fünf Jahre lang um die fotografischen Positionen gerungen, das war ein langer und intensiver Prozess. Wenn ich die Ausstellung jetzt sehe, bin ich froh, dass die Ansätze individuell und persönlich ausfallen. Die einzelnen Haltungen und Fotos werden dem Gesamtthema nicht untergeordnet, die einzelnen Fotografinnen und Fotografen und ihre Werke bleiben gut erkennbar.

Ist Europa so vielfältig wie die Fotografinnen und Fotografen der Ausstellung?

Hoffentlich ist Europa noch viel vielfältiger.

In Berlin soll die Ausstellung nach dem Lockdown noch bis Ende März zu sehen sein. Wo wird sie danach gezeigt?

Zuerst in der Kunsthalle Erfurt, 2022 in Frankfurt am Main.

Ostkreuz hat bis zum 22. November signierte Foto-Prints angeboten. Was muss ich mir darunter vorstellen?

Das sind signierte und hochwertige Fotoabzüge, die man sich an die Wand hängen kann. Normalerweise verkaufen wir solche Prints limitiert. Wir verkaufen diesmal aber in der Vorweihnachtszeit eine unlimitierte Auflage. Ein Teil der Einnahmen kommt Amnesty International zugute.

Vielen Dank. Warum Amnesty?

Menschenrechts- und Demokratieprozesse, die Europa zu dem gemacht haben, was es ist, müssen weiter betont werden. Und genau dazu trägt Amnesty International bei.

Annette Hauschild, geboren 1969 in Gießen, hat Anfang der neunziger Jahre in Berlin Fotografie studiert und ist seit 1996 bei der Fotoagentur Ostkreuz.

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