Amnesty Journal Deutschland 10. Mai 2019

"Ich will wissen, was auf der Welt passiert"

Ein Mann mit Brille sitzt an einem Schreibtisch und hat einen Stift in der Hand.

Christian Specht

Trotz Fortschritten werden Menschen mit Beeinträchtigung weiterhin benachteiligt. Christian Specht gehört dem Vorstand des Selbsthilfeverbands Lebenshilfe Berlin an. Seine Kolumne "Specht der Woche" erscheint regelmäßig in der taz.

Interview: Lea De Gregorio 

Vor zehn Jahren ist die Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten. Wie steht es um die Inklusion in Deutschland?

Menschen mit Beeinträchtigung können prinzipiell am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Aber manchmal ist es sehr schwer. Sie brauchen Unterstützung, wenn sie zum Beispiel eine Veranstaltung besuchen wollen. Es gibt viel zu wenige Assistenten. Viele wollen nicht als Assistent arbeiten, weil das zu schlecht bezahlt wird – oder arbeiten lieber in einem Café. Und wie man zu Veranstaltungen kommt, muss man auch erstmal erfahren, wenn man nicht lesen kann. Als neulich in Berlin die Verkehrsbetriebe streikten, habe ich das zufällig erfahren.

Das heißt, dass Menschen mit Beeinträchtigung der Zugang zu Informationen fehlt?

Was Information angeht, könnte noch viel mehr getan werden. Aber das kostet. Und alle wollen Geld sparen. Ich habe noch ein anderes Beispiel: Neulich wollte ich Nachrichten schauen, und das ging nicht, weil das Kabelfernsehen vom analogen auf digitalen Empfang umgestellt wurde. Wie hätte ich das erfahren sollen, ohne lesen zu können? Ich hatte bloß ein schwarzes Bild. Ohne Fernseher kann ich nicht leben. Ich will doch wissen, was auf der Welt passiert und was die Politiker machen, damit ich mich aufregen kann.

Was bedeutet es für Sie, bald an Wahlen teilnehmen zu können?

Natürlich finde ich es gut, wenn alle Leute das Recht haben zu wählen und nicht einfach ausgeschlossen werden. An einer Wahl nicht teilzunehmen, heißt für mich, dass ich der AfD meine Stimme gebe. Und das möchte ich nicht. Auch weil die AfD gegen Behinderte ist. Aber mit dem Wahlrecht ist es nicht getan. Menschen mit Beeinträchtigung sind im politischen Leben viel zu wenig präsent. Wenn ich zum Beispiel höre, wie über die Frauenquote im Brandenburger Landtag debattiert wurde, denke ich: Und was ist mit Menschen mit Beeinträchtigung? Für die könnte man das doch auch einführen. Mir wäre das total wichtig, damit die Leute für sich sprechen können. Das gilt übrigens auch für die Vorstände von Vereinen. Ich engagiere mich zum Beispiel dafür, dass im RBB-Rundfunkrat ein Mensch mit Beeinträchtigung vertreten ist. Der könnte dann zum Beispiel dafür sorgen, dass Menschen mit Beeinträchtigung zu Talkshows eingeladen werden.

Sie selbst sind politisch sehr aktiv.

Ich war mal bei den Grünen aktiv, auch bei den Linken. Ich war sogar mal Mitglied bei der FDP – bis sie mich rausgeschmissen haben, weil ich keine Mitgliedsbeiträge zahlte. Ich habe mich aus den Parteien zurückgezogen, weil ich sehr enttäuscht wurde. Ich habe da nichts erreichen können. Die hören einem auf Veranstaltungen nicht zu und sind genervt, weil sie sich lieber ihren eigenen Themen widmen. Für Menschen mit Beeinträchtigung ist es total schwer, sich in Parteien einzubringen. Wir sind hier in Berlin aber gerade dabei, ein Behindertenparlament auf die Beine zu stellen. In Bremen gibt es das schon. Da geht es darum, dass Menschen mit Beeinträchtigung ihre Forderungen an die Politik weitergeben können.

Eine Stimme verschaffen Sie sich auch in der Tageszeitung taz, in der sie eine Kolumne malen. Wie sind Sie zur taz gekommen?

Mich hat mal ein Redakteur bei einer Demo aufgegabelt. Der wollte mich interviewen und danach wieder loswerden. Aber das hat er nicht geschafft. Er hat mich in das taz-Gebäude mitgenommen und dachte, ich würde dann schon wieder gehen. Ich bin aber immer wieder gekommen, habe mir einen eigenen Schreibtisch gebaut und gesagt: Das ist jetzt mein Zuhause.

Hier kannst du einen Artikel über das Thema "Wahlrecht für alle" aus dem Amnesty-Journal 3/19 lesen: https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-journal/deutschland-behindertenrechte-wahlrecht-fuer-alle

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