Amnesty Journal Deutschland 04. Dezember 2017

"Ich bin nicht die Putzfrau der Nation"

Zeichnung einer aufgeschlagenen Zeitschrift

Irmela Mensah-Schramm entfernt seit Jahrzehnten Hassparolen aus dem öffentlichen Raum in Deutschland.

Interview: Uta von Schrenk

Seit mehr als 30 Jahren entfernen oder verfremden Sie rechtsextreme Schmierereien. Wie oft haben Sie seither Hand angelegt, um deutschen Beton ein wenig menschenfreundlicher zu gestalten?

Das ist schwer zu sagen. Seit 2007 habe ich allein über 78.000 Sticker entfernt. Ich habe insgesamt knapp hundert Ordner mit den Fotos aller Hassparolen, Aufkleber und Spuckies, die ich übermalt oder abgekratzt habe.

Seitdem 2015 knapp 900.000 Flüchtlinge nach Deutschland kamen, nimmt die Hasskriminalität drastisch zu – sehen Sie das auch an Wänden, Brücken und Unterführungen?

Man sieht es, leider. Die meisten rechten Parolen wenden sich heute vor allem gegen Flüchtlinge: Bösartige Karikaturen von muslimischen Männern, die eine junge, blonde Frau vergewaltigen, Schmierereien wie "Scheißdreckflüchtlinge" oder Schildchen mit einer verschleierten Frau, auf denen "Unerwünscht" steht. Flüchtling ist heute ein Schimpfwort und da­runter wird jeder subsumiert, der nicht vermeintlich deutsch aussieht: Frauen mit Kopftuch, schwarze und dunkelhäutige Menschen. Früher habe ich einen Ordner mit Hassparolen in ­einem Jahr gefüllt. Heute brauche ich dazu nur noch ein Vierteljahr. Allein aus dem August habe ich fast 300 Fotos.

Rechtsextreme Standpunkte werden auch in der Politik wieder offen vertreten, die AfD ist in den Bundestag gewählt worden. Wie wird dies den öffentlichen Raum verändern?

Rechtsextremismus und Rassismus sind wieder salonfähig – das ist das fatale Signal, das von dieser Wahl ausgeht. Und das wird die Auseinandersetzung mit den Rechten verschärfen. Ich habe immer einen Ceranfeldschaber, Farbspray und dicke Buntstifte dabei. Es reicht nicht, eine Kampagne für Toleranz und das Recht auf Asyl auf Facebook oder im Internet anzuklicken. Diese Haltung muss auch auf der Straße sichtbar werden. Es ist keine Meinungsfreiheit, wenn Nazis Hassparolen an Wände schmieren. Meinungsfreiheit hat Grenzen, nämlich dann, wenn sie menschenverachtend wird. Meine – unbeabsichtigten – Schäden beim Entfernen von Aufklebern oder Hassparolen, die kann man reparieren. Den Schaden an der Seele, den jemand nimmt, der solch einen Hass gegen sich gerichtet sieht, kann man nicht wiedergutmachen.

Was hat Sie sensibilisiert?

Mein Schlüsselerlebnis war ein Sticker bei mir zu Hause um die Ecke, am Wannsee: "Freiheit für Rudolf Hess". Das war 1986, ich war auf dem Weg zur Arbeit und hatte nichts dabei, um ihn abmachen zu können. Ich habe mich den ganzen Tag geärgert. Mit Nichtstun kann man nichts erreichen – diese Erkenntnis hat mir damals einen Adrenalinschuss versetzt. Ich habe dann den Kriegsverbrecher nach Feierabend von der Wand geholt.

Was bei Ihrer Arbeit auffällt, ist die Leichtigkeit, mit der Sie zu Werke gehen: Ein Herzchen oder Blümchen – und mit wenigen Handgriffen wird aus einer Hassparole ein tolerantes Graffito. Lässt sich ein solch mühseliges Unterfangen nur mit Humor und gestalterischem Willen ertragen?

So gut wie diese jungen Künstler von PaintBack, die in Berlin rechtsradikale Parolen in wundervolle Graffiti verwandeln, bin ich nicht. Ich habe auch gar nicht diesen Anspruch und auch nicht den Rahmen: Wenn ich nach Halberstadt oder Freital fahre, gibt es eine Menge zu tun. Ich kann da keine bis ins Detail gearbeitete Eule oder ein üppiges Wandgemälde entwerfen. Was ich machen kann, sind freche Gesichter aus Keltenkreuzen oder Herzchen aus Hakenkreuzen. Ich versuche den Hass in etwas Freundliches, Zugewandtes zu verwandeln. Das ist keine Kunst, aber ohne Kreativität geht es auch nicht.

Dabei bezeichnen Sie sich ausgesprochen nüchtern als "Politputze".

Als ich in der Nähe eines Imbissstandes im Wedding Nazi­parolen von einer Wand entfernte, fauchte mich die Betreiberin an, doch gleich alles zu putzen. Wie verächtlich. Da habe ich gesagt: Ich bin hier nicht die Putzfrau der Nation, ich bin die Politputze. Ich mache nur den rechten Dreck weg.

Können Sie heute überhaupt noch vor die Tür gehen, ohne Hassparolen wahrzunehmen?

Nein. Ich sehe ständig und überall Hakenkreuze, Nazisticker, Flüchtlinge-raus-Geschmiere. Am Hauptbahnhof komme ich immer an dem Briefkasten am Ausgang Europaplatz vorbei. Der ist Tag für Tag mit Hass vollgeklebt. Also mache ich keine Reise mehr, ohne nicht vorher oder hinterher diesen Postkasten zu putzen. Ich habe auch schon im langen Abendkleid, auf dem Heimweg von der Oper etwas abgekratzt.

Die Dokumentation Ihrer eigenhändig entfernten Hassparolen hat es bis ins Deutsche Historische Museum geschafft.

Die Ausstellung über antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute wandert, unter anderem war sie im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main, im NS-Dokumentationszentrum in München und in der Friedrich-Ebert-Gedenkstätte Heidelberg. Dabei ist mir aufgefallen, wie wenig sich die meisten Besucher für die Hasspropaganda der Gegenwart interessieren – selbst wenn ich sie darauf anspreche. Schockierend. Die Leute sehen sich lieber die historischen Spuckies aus den dreißiger und vierziger Jahren an, für die Gegenwart sind sie blind. Im Ausland dagegen ist das Interesse an meiner Sammlung sehr groß.

Wenn schon viele Museumsbesucher so wenig Interesse zeigen, wie reagieren dann die Bürger auf der Straße, die Sie bei der Arbeit beobachten?

Ich erlebe viel Zuspruch, aber auch bedrückende Situationen. Ich sei schlimmer als die Nazis, man sollte mich vergasen, heißt es immer öfter. In Rudow, im Süden Berlins, hat ein Vater seine Kinder demonstrativ vor mir in den Arm genommen, als ich einen Nazi-Aufkleber abgekratzt habe. Als ob er sie ausgerechnet vor mir schützen müsste! Ein älterer Herr wollte mich schlagen, als ich den Schriftzug "Dresden unvergessen" mit Farbe übersprüht habe – seine Frau konnte ihn gerade noch zurückhalten. 1992 habe ich am S-Bahnhof Friedenau an einer Plakatwand den Schriftzug "Türken vergasen" mit schwarzem Buntstift übermalt – da ist ein Wachschützer auf mich losgegangen. Am Ende lag ich auf dem Bahnsteig und musste mit einem Schädel-Hirn-Trauma ins Krankenhaus. Oben drauf habe ich noch eine Anzeige bekommen wegen Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Körperverletzung! Da habe ich meinerseits Anzeige erstattet. Das Verfahren wurde aber eingestellt – gegen meinen Willen.

Sie sind diejenige, die strafrechtlich verfolgt wird?

Das passiert regelmäßig. Als ich in Bautzen auf einem Verteilerkasten den Schriftzug "Nationaler Sozialismus" um das Wort "Nationaler" gekürzt habe, hat ein Bundespolizist außer Dienst seine Kollegen alarmiert und mich wegen Sachbeschädigung angezeigt. Zuletzt stand ich in Berlin vor Gericht, weil ich in einem Fußgängertunnel den Pegida-Spruch "Merkel muss weg" in "Merke! Hass weg!" abgewandelt hatte. Das sollte mich 1.800 Euro kosten. Das Verfahren wurde im Sommer eingestellt.

Ihre Widersacher haben bereits Todesdrohungen gegen Sie geklebt, ein Rechtsextremer attackierte Sie mehrmals mit seinem Motorrad – und dennoch putzen Sie weiter?

Ich bin nicht angstfrei. Die Frage ist nur, welche Angst in mir größer ist. Und ich habe mehr Angst vor dieser gegenwärtigen hasserfüllten Stimmung, als dass mir alter Frau auf der Straße jemand etwas antut.

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