Amnesty Journal Deutschland 26. Februar 2020

Globale Ungerechtigkeit: „Wir sind gewissermaßen Komplizen“

Interview mit dem Philosophen Henning Hahn
Der Philosoph Henning Hahn

Henning Hahn lehrt Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er ist Mitherausgeber des Sammelbandes „Globale Gerechtigkeit“ (Suhrkamp) und der Monographie „Globale Gerechtigkeit: Eine philosophische Einführung“ (Campus).

Bin ich für ungerechte Arbeitsbedingungen verantwortlich, wenn ich ein T-Shirt kaufe, das am anderen Ende der Welt produziert wurde? Und kann ich unsere Welt gerechter machen? Ja, sagt der Philosoph Henning Hahn

Interview: Lea De Gregorio

Inwiefern bin ich für Ungerechtigkeit verantwortlich?

Eigentlich sind Pflichten der Gerechtigkeit ausgelagert auf Institutionen und politische Akteure, die Macht ausüben. In einer idealen Welt hätte ich keine Gerechtigkeitsverantwortung, sondern nur Verantwortung für meine Kinder und für meine eigenen Projekte. Um es profan auszudrücken: Die Verteilung von Ressourcen und fairen Chancen und das Schützen von Freiheiten wären nicht mein Bier.

Und in der komplexen Welt, wie wir sie kennen?

Wir leben global betrachtet in einer Welt, in der wir diese Entlastungsfunktion von Institutionen kaum haben. Da muss ich die Rolle des Pflichtträgers von Gerechtigkeit selbst übernehmen – im Rahmen meiner Möglichkeiten und Machtbefugnisse.

Womit zum Beispiel?

Wir haben es in den Wertschöpfungs- und Handelsketten mit alltäglichen Menschenrechtsverletzungen zu tun. Und in die sind wir heute stärker involviert – obwohl es eine Reihe von Global Governance Instrumenten gibt, die Menschenrechte schützen sollen. Wir werden aber gewissermaßen zu Komplizen. Denn als politische Akteure sind wir heute vernetzter – und wissen daher auch mehr.

Wir sind moralisch verantwortlich, weil wir Mitwisser sind?

Die Information über Menschenrechtsverletzungen allein reicht nicht – sie ist keine hinreichende Bedingung, aber eine notwendige Bedingung, um eine moralische Verpflichtung zu haben. Wir sind jedoch auch durch unser Handeln zwangsläufig involviert. Egal ob Umwelt, Klimawandel, Migrationskrise, Bodenerosion, Regenwaldabholzung –  all das sind Dinge, an denen wir beteiligt sind, auch wenn sie nicht nur in unserer Nähe geschehen.

Ursächlich beteiligt?

Teilweise auch das. Man kann uns Haftbarkeit zuschreiben – Verantwortung in dem Sinne, dass wir als Komplizen ursächlich mitverantwortlich sind. Darüber hinaus gibt es eine Art der Beteiligung, die nicht im strengen Sinne ursächlich ist: Wenn wir hier ein T-Shirt kaufen, verursachen wir nicht die Menschenrechtsverletzungen bei den Näherinnen in Bangladesch.

Sondern?

Wir erhalten so soziale Praktiken in Bezug auf die Näherinnen aufrecht. Das geschieht ungewollt und teilweise ohne unser Wissen –  jedenfalls ohne unsere direkte Absicht und ohne, dass es sich ändern würde, wenn wir den Kauf solcher Shirts boykottieren. Wenn wir nicht mithandeln würden, würde es möglicherweise zu denselben Menschenrechtsverletzungen kommen. Insofern kann man nicht von einer Schuld sprechen – von einem Mittun oder von einer sozialen Verbundenheit mit diesen Geschehnissen aber schon.

Schuld hätten die Unternehmen?

Schuld hätten konkrete Personen, die anders hätten handeln können und durch ihr Handeln Menschenrechtsverletzungen hätten vermeiden können: zum Beispiel der Fabrikbesitzer, der Gewerkschaften verbietet, oder das Handelsunternehmen, das in vollem Bewusstsein zu Preisen einkauft, zu denen T-Shirts nicht unter wünschenswerten Bedingungen hergestellt werden können.

Kann ich die Welt trotzdem gerechter machen?

Ja, ich versuche nur, Sie persönlich zu entlasten: von der Frage, ob Sie gerecht handeln sollten im Sinne einer Schuld und Last.

Wir tragen nicht die Ungerechtigkeit der ganzen Welt auf unseren Schultern …

Die Ungerechtigkeit lastet nicht auf Ihnen persönlich. Sie sind im engeren Sinne nicht schuld. Aber Sie befinden sich durchaus in einer Machtposition – positiv ausgedrückt: Sie können mit Menschen, mit denen Sie auf eine komplexe Art und Weise zusammenleben, auch solidarisch sein – und zum Beispiel ein T-Shirt aus fairer Produktion kaufen.

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