Frei sein, Mensch sein
© Amnesty International, Illustration: Talal Nayer
Vier Syrerinnen über ihr neues Leben in Deutschland. Mit Zeichnungen von Talal Nayer und Protokollen von Samer Masouh.
"Hier gehöre ich mir selbst"
In Syrien habe ich der Gesellschaft, der Religion und der Familie gehört – nicht mir selbst. Ich musste mein Leben so gestalten, dass die anderen zufrieden waren. Erst seitdem ich in Deutschland lebe, habe ich das Gefühl, mir selbst zu gehören. Ich muss nicht mehr so tun, als sei ich von etwas überzeugt, von dem ich nicht wirklich überzeugt bin. So gesehen bin ich nicht nur vor dem Krieg geflohen, sondern auch in der Hoffnung auf ein besseres Leben, in dem ich frei und unabhängig sein kann. In Syrien habe ich meinen Religionslehrer einmal gefragt, woher ich wissen könne, dass es Gott gibt. Daraufhin hat er meine Eltern einbestellt und mich zur Strafe für eine Woche vom Unterricht suspendiert.
Hier in Deutschland hingegen kann ich als Muslim oder Christ oder Atheist leben. Zwar glaube ich noch immer an Gott, fühle mich aber keiner bestimmten Religionsgemeinschaft zugehörig. Ich habe die schönen Seiten vom Islam übernommen, aber auch Aspekte des Christentums. Eine solche Einstellung hätte ich nie annehmen können, wenn ich in einem islamisch geprägten Land geblieben wäre. Dort ging es nur darum, sich mit Freunden zu treffen und sinnlos zu plaudern. Hier werde ich unabhängig von meiner Religion und Herkunft respektiert: Entscheidend ist, dass ich ein Mensch bin. Jetzt ist mein Leben voller Pläne und Herausforderungen und Gedanken an die Zukunft.
Maya Hanano, 22, aus Aleppo, seit 2015 in Deutschland
© Amnesty International, Illustration: Talal Nayer
"Keine schlüpfrigen Blicke"
Ich fühle mich in Deutschland wohler, durch die Straßen zu gehen, als in Syrien. Niemand schaut mich mit schlüpfrigen Blicken an und ich habe keine Angst, dass mich jemand belästigt, sei es handgreiflich oder durch Worte. Das war in Syrien anders, da hatte ich oft Angst, belästigt zu werden. Ich fühle mich auch deshalb hier in Deutschland wohler, weil mir nicht vorgeschrieben wird, was ich anzuziehen oder wie ich mich zu schminken habe. Die Menschen hier interessieren sich weniger für das äußere Erscheinungsbild, besonders wenn es um Alltägliches geht wie den Weg zur Schule. Viele Mädchen ändern ihr Verhalten, wenn sie nach Deutschland kommen. Viele haben das Kopftuch abgelegt – aber nicht etwa, weil sie ihre Überzeugung geändert haben, aus einer Laune heraus oder weil sie sich an die neue Situation anpassen wollen. Nein. Auch in Syrien haben die meisten dieser Frauen das Kopftuch nicht aus Überzeugung getragen, sondern weil es von ihnen erwartet wurde. Als sie hier ankamen, sahen sie die Chance, es abzulegen. In Deutschland sind Frauen ohne Kopftuch genauso geachtet wie Frauen mit Kopftuch, und sie brauchen es nicht mehr zu tragen, wenn sie nicht davon überzeugt sind.
Yara Khwis, 27, aus Swedaa, seit 2015 in Deutschland
© Amnesty International, Illustration: Talal Nayer
"Frauen müssen arbeiten"
In den Ländern der arabischen und islamischen Welt sind viele Jobs Männern vorbehalten. Dort wird man nie eine Frau als Busfahrerin im öffentlichen Nahverkehr erleben. Natürlich gibt es Berufe, in denen die Chancen für Frauen besser stehen. Sie können zum Beispiel als Sekretärin arbeiten. Da sind sie der Autorität des Chefs unterworfen, der in den meisten Fällen ein Mann ist.
Bei uns gibt es ein Sprichwort, das besagt: Wer frei ist beim Essen, ist auch frei in seinen Entscheidungen. Das heißt: Wenn eine Frau wirklich unabhängig und nicht von anderen kontrolliert werden möchte, dann muss sie produktiv sein und für ihre Ausgaben selbst aufkommen. Sonst werden jene, die ihr Geld geben, sie auch kontrollieren. Deswegen empfehle ich Frauen, sich eine unabhängige und einflussreiche Persönlichkeit aufzubauen. Sie sollten arbeiten – der Beruf hilft den Frauen dabei, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und ihr Auftreten zu stärken. Ich finde, dass die deutsche Regierung den geflüchteten Frauen helfen sollte, Arbeit zu finden, um ihre Würde zu wahren und einen positiven Beitrag zur deutschen Gesellschaft zu leisten – und sich auf diesem Wege zu integrieren. Das wäre sowohl für die deutsche Gesellschaft als auch für die Geflüchteten von Vorteil.
Medea Daghstani, 33, aus Homs, seit 2015 in Deutschland
© Amnesty International, Illustration: Talal Nayer
"Wir behindern uns gegenseitig"
Nicht nur Männer und die von Männern geprägte Gesellschaft machen es den Frauen schwer, ihre Rechte geltend zu machen. Oft behindern auch Frauen andere Frauen und beschimpfen sie oder reden schlecht über sie, wenn sie ihre Rechte einfordern. Es ist schon bedauerlich, wenn Männer gegen Frauenrechte angehen, aber es ist total inakzeptabel, wenn Frauen das selbst tun. Viele Frauen lassen es zu, dass ihre Ehemänner ihnen Gewalt antun, und unternehmen nichts dagegen – obwohl sie hier in Deutschland die Möglichkeit dazu hätten. Sie denken, es sei eine Schande, wenn eine Ehefrau sich über ihren Gatten beklagt. Sie fürchten, dass andere schlecht über sie reden, und wollen die Familie zusammenhalten. Ich glaube, dass dies mit den religiösen und sozialen Beschränkungen zu tun hat, unter denen diese Frauen aufgewachsen sind – als abhängige und nicht als unabhängige Personen. Das Hauptproblem ist, dass diese Frauen ihre Abhängigkeit als moralisch geboten ansehen, dass sie sich daran halten müssen. Sie kritisieren dann jene, die sich gegen die Unterordnung auflehnen.
Rima al-Qaq, 27, aus Damaskus, seit 2014 in Deutschland
© Amnesty International, Illustration: Talal Nayer