Amnesty Journal Deutschland 24. November 2020

"Es geht sehr stark um Kontrolle"

Auf einer Kleiderstange hängen verschiedene Brautkleider in unterschiedlichen Stilen.

Nicht ausgesucht: Für die einen ist die Hochzeit ein freudiges Ereignis, für andere eine Qual  

Hilfe für junge Frauen: Eine Psychologin spricht über Zwangsheirat und die Arbeit einer Schutzeinrichtung in Zeiten von ­Corona.

Interview: Lea De Gregorio

Die anonyme Kriseneinrichtung "Papatya" aus Berlin widmet sich dem Schutz von Frauen und Mädchen und hilft ihnen, sich aus patriarchalen Strukturen zu befreien. Sie nimmt Frauen zwischen 13 und 21 Jahren auf, die vor ihren Familien geflohen sind und bedroht werden. Außerdem betreibt die Organisation eine Online-Beratung und eine Koordinationsstelle für Frauen, die ­gegen ihren Willen von ihren Familien ins Ausland gebracht wurden. Vielen von ihnen droht dort eine Zwangsheirat. Die Adresse der Einrichtung ist geheim. Die Mitarbeiterinnen wollen ihren Namen nicht verraten, weil auch sie von den Familien bedroht werden können, Im Gespräch erzählt eine von ihnen, wie sie den Frauen helfen und wie ihre Arbeit von Corona beeinflusst wird.

Sie hatten Corona-Fälle in Ihrer Einrichtung. Wie erleben Sie die derzeitige Situation?

Normalerweise haben wir für junge Frauen acht Plätze. In Corona-Zeiten haben wir sie auf fünf reduziert, damit wir immer ein Zimmer mit Bad haben, wo man jemanden in Quarantäne schicken kann. Leider gab es aber schon sowohl im Team als auch unter den Mädchen Corona-Fälle und zeitweise war fast das ganze Team in Quarantäne.

Konnten Sie Ihre Arbeit dennoch fortführen?

Die Senatsverwaltung hat gesagt: Ihr seid Teil des Kinderschutzes, ihr müsst weitermachen. Das Gesundheitsamt hat ­gesagt: Wir verhängen einen Aufnahmestopp. Zum Glück hatten wir zu diesem Zeitpunkt nur noch drei Mädchen, sodass es übersichtlich war.

Sie sagten, dass Sie nur noch fünf Plätze haben. Gleichzeitig hört man, dass häusliche Gewalt in Zeiten von Corona zunimmt. Bräuchten Sie nicht mehr Plätze – gerade jetzt?

Das kann man überall lesen. Es mag auch sein. Ob die jungen Frauen abhauen können, ist die andere Frage. Die Mädchen, die sich an uns wenden, kommen aus patriarchal geprägten, traditionellen, sehr konservativen Familien. Die Corona-Situation bietet Eltern womöglich einen Vorteil. Wenn es ein allgemeines Ausgangsverbot gibt und die Schulen geschlossen sind, haben sie ihre Kinder um sich versammelt. Sie dürfen dann sowieso nicht vor die Tür. Somit gibt es eher weniger Konfliktstoff.

Weil Eltern ihre Töchter dann besser kontrollieren können?

Genau. Dann haben die Eltern sie rund um die Uhr unter Kontrolle. Und es gibt weniger Konflikte, die sich aus Fragen ­ergeben wie: Wo warst du? Mit wem hast du dich getroffen? ­Insofern hat das zwei Seiten.

Was sind denn die Hauptgründe, aus denen junge Frauen zu Ihnen kommen?

Es geht sehr stark um Kontrolle. Die Mädchen sagen zum Beispiel: Ich bin 20 Jahre alt, aber ich muss abends um sechs zu Hause sein. Oder sie sind 16 Jahre alt und dürfen gar nicht raus – nicht mal mit Freundinnen Eis essen. Oft wird das Handy kontrolliert, und die Mädchen dürfen nur Kontakte haben, die die Eltern dulden. Die konkreten Gründe, weshalb die Mädchen zu uns kommen, sind aber vielfältig.

In den Familien wurde Gewalt zum Teil über Generationen weitergereicht, auch Kriegs- und Foltererfahrungen. Oft werden die Mädchen von Familienmitgliedern geschlagen.

Anonyme Kriseneinrichtung
"Papatya" aus Berlin
Mitarbeiterin

Zum Beispiel?

Es gibt einen großen Anteil von Misshandelten – mindestens 80 Prozent. In den Familien wurde Gewalt zum Teil über Generationen weitergereicht, auch Kriegs- und Foltererfahrungen. Oft werden die Mädchen von Familienmitgliedern geschlagen – Eltern, Brüder, Onkel, zum Teil auch schon von potenziellen Ehemännern. Dann gibt es einen Anteil von ungefähr 15 bis 20 Prozent, bei denen es um sexualisierte Gewalt in der Familie geht. Und rund die Hälfte ist von Zwangsverheiratung betroffen.

Und bevor sie zwangsverheiratet werden, kommen sie zu ­Ihnen?

Dass Mädchen mit jemandem verheiratet werden, den sie nicht lieben und den sie nicht wollen, hat oft als Gegenpart, dass Mädchen heimlich einen Freund haben. Und wenn das vermutet oder entdeckt wird, eskaliert es. Das sind häufig Situationen, in denen sie abhauen. Wir hören ganz oft, dass sie sich an die Schläge längst gewöhnt haben. Sie sagen dann: "Was mir so wehtut, sind die vielen Beschimpfungen. Meine Familie sagt ­immer Schlampe zu mir oder dass ich nichts wert bin."

Wie viele Frauen sind in Deutschland von Zwangsheirat betroffen?

Das Problem ist, dass das keiner zählt. Wir haben immer da­rauf gedrängt, dass mal gezählt wird, weil man dann die Politik überzeugen kann, Hilfsangebote zu entwickeln. Die Bundesregierung hat einmalig 2008 die Zahl der Fälle erhoben, aber es konnten nur diejenigen gezählt werden, die sich an Beratungsstellen wenden. Und dann war man 2008 bei 3.440 Fällen und war erstaunt, dass es so viele sind.

Wie läuft eine Zwangsheirat ab?

Viele Zwangsehen werden im Herkunftsland geschlossen. Wenn befürchtet wird, dass eine junge Frau einen Freund hat, dann verheiraten die Familien sie oft schnell mit einem Cousin. Je früher man die Tochter verheiratet, desto eher ist man die Sorge los. Denn dann hat man sie noch als "soziale Jungfrau" in die Ehe gebracht. Manchmal geht es ums Brautgeld. Manchmal geht es um Einwanderung. Wenn die Mädchen mit ins Ausland fahren, denken sie, sie würden dort Ferien machen. Und dann bekommen sie mit, dass es Heiratsvorbereitungen gibt. Es wird auch viel mit emotionaler Erpressung gearbeitet, man sagt ihnen, wenn du es nicht machst, dann zwingen wir deine jüngere Schwester zu heiraten. Oder sie sagen: Wenn du nicht heiratest und einen Freund hast, bringen wir dich um.

Die Mädchen müssen ihr Handy abgeben, wenn Sie sie aufnehmen. Und die Adresse der Wohnung, in der sie untergebracht sind, darf keiner kennen. Warum sind die Schutzmaßnahmen so wichtig?

Wir nehmen Hochrisikofälle auf, weshalb wir strenge Richtlinien haben. Wir sind vor dreißig Jahren entstanden, weil viele Mädchen aus Familien türkischer Arbeitsmigranten weggelaufen sind und dann im Jugendnotdienst untergebracht wurden. Konflikte sind eskaliert, weil dort auch Männer gearbeitet haben und dort auch Jungs untergebracht wurden. Die Familien haben die Mädchen teilweise mit Gewalt rausgeholt. Wir sind eine ­Stelle, die präventiv auch Ehrenmorde verhindert.

Wieso nehmen Sie vor allem Mädchen aus Familien mit Migrationsgeschichte auf?

Wir nehmen nicht Mädchen mit Migrationsgeschichte auf, sondern die Hochrisikofälle. Zu 99 Prozent haben die Familien aber eine Migrationsgeschichte.

Woher kommen die Familien?

Vor 30 Jahren kamen die Familien fast ausschließlich aus der Türkei. Mittlerweile machen die Mädchen aus türkischen Familien nur noch einen relativ kleinen Anteil aus. Viele kommen aus den arabischen Staaten, aus Syrien und dem Irak. Auch aus Tschetschenien. Das sind oft sehr schwere Fälle, weil die Tschetschenen, die in Deutschland leben, als Community stark zusammenhalten und sehr viele nach einem Mädchen suchen, wenn es abgehauen ist.

Gelingt es den Frauen, aus ihren Familien rauszukommen?

In Deutschland kann man sich der Familie entziehen. Aber die Mädchen zahlen einen hohen Preis, wenn sie die Stadt wechseln, Schule und Freundinnen aufgeben, die Arbeitsstelle wechseln müssen. Je nachdem wie alt die Mädchen sind, ist das ein Riesenschritt. Wenn sie im Ausland festsitzen, ist es tatsächlich noch viel schwieriger. Eine Rückkehr nach Deutschland gelingt nur in der Zusammenarbeit vieler verschiedener Akteure – da müssen auch Behörden und Botschaften mitziehen.

Lea De Gregorio ist Volontärin des Amnesty Journals. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.
 

Die anonyme Kriseneinrichtung Papatya aus Berlin: www.papatya.org

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