Amnesty Journal Deutschland 01. Februar 2019

Einfach mal zuhören

Foto eines Bildschirms auf dem ein Video mit einen älteren Mann läuft

Redefreiheit. Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz in der Videoarbeit "Über Angst und Bildung", in der auch Rechte zu Wort kommen

Mario Pfeifer widmet sich in seinen Videoarbeiten gesellschaftlichen Abgründen. Zuletzt beschäftigte er sich mit Rechtsextremismus und Gewalt gegen Flüchtlinge in Sachsen.

Von Philipp Hindahl

Der Unternehmer aus Bayern, der in Sachsen nach der Wende eine Firma aufgebaut hat, lässt auf seine Angestellten nichts kommen. Ein Aktivist, der Pegida mitbegründet hat, spricht stockend und in umständlichen Phrasen über die Jahre 2014 und 2015, den Anfang der Bewegung. Ein Gewerkschafter sagt, eigentlich seien viele Menschen aus den Neuen Ländern auch Arbeitsmigranten. Eine engagierte Bürgerin unterstützt die AfD, hat aber eine Flüchtlingsfamilie bei sich aufgenommen. Eine Bürgermeisterin, ein Konfliktforscher, ein Psychotherapeut, eine Bildungswissenschaftlerin und ein Journalist, Reporter des Jahres 2015, weil er die kriminellen Machenschaften des Pegida-Kopfes Lutz Bachmann aufdeckte: Sie alle sprechen in Mario Pfeifers Film. Von allen gibt es eine feste Einstellung in Nahaufnahme, die Farben sind reduziert, es gibt keine Interviewfragen. Freilich kommen hier nicht nur Rechte zu Wort. Es sprechen viele Personen, unkommentiert. Der Film trägt den sperrigen Titel "Über Angst und Bildung, ­Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen/Deutschland" und dauert neun Stunden. Er ist nicht leicht anzusehen.

Warum ist das Werk bloß so lang? "Wir müssen Zeit haben, diese Debatte zu führen. Das sind neun Stunden, weil die neun Leute jeweils ungefähr eine Stunde reden. Der Film ist ein Dokument der Befindlichkeiten in unserer Gesellschaft", sagt Pfeifer bei einem Treffen in seinem Atelier in Berlin-Kreuzberg. Von den Sprechenden schäumt niemand vor Wut. Alle reden ruhig, beinahe gewichtig, als würden sie Zeugnis ablegen. Er als Künstler sei "komplett unwichtig" in dieser Arbeit. "Es ist auch gar nicht wichtig, welche Fragen ich gestellt habe", sagt Pfeifer über seine Rolle. Er arbeite nicht wie ein Journalist und sei auch nicht auf der Suche nach dem Exemplarischen, deshalb wähle er nichts aus: "Man hört einfach zu."

In der Tat versucht der Künstler nicht, die Rechten zu entlarven: "Die sind ja Teil unserer Gesellschaft", sagt er, und: "Ich habe sie lieber im Museum, lieber sichtbar als unsichtbar." Bloß, eine Frage muss er sich gefallen lassen: Was bringt es, potenziell demokratiefeindlichen Gedanken ein Forum zu bieten? "Es geht darum, den Leuten Anerkennung zu schenken und ­darum, dass man sie wahrnimmt. Das ist im Populismus eine Grundvoraussetzung. Im Museum geht das aber eben nicht durch Lautstärke, sondern nur durch Diskurs. Wenn Leute die Mitte verlassen, kann man sie so zurückholen", glaubt Pfeifer.

"Am Ende geht es um die Menschlichkeit", sagt Pfeifer. Er hat zuvor in Südchile einen Film gedreht über die aussterbende Ethnie der Yagan, bei denen er vier Monate lebte. Ein anderes Projekt führte ihn nach Indien, für einen Film über das Leben in Mumbai, der von einem Buch mit Essays begleitet wurde. Für die Rap-Gruppe Flatbush Zombies drehte er ein Musikvideo über Waffen- und Polizeigewalt in den USA, in dem die Bewaffnung der Schwarzen gefordert wird; ein zweites Video mit den Rappern fungiert als eine Art Kommentar dazu.

Pfeifer ist Jahrgang 1981 und in Dresden geboren. Man bekommt das Gefühl, dass er mit allen sprechen will, ihn treibt universelle Neugier an. "Jetzt habe ich dieses Kaleidoskop, Lateinamerika, Indien, aber es gibt von Mario Pfeifer keine Arbeit aus Deutschland. Dann hat die Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig einen Film in Auftrag gegeben. Ich habe gesagt, klar, aber dann muss es um Pegida gehen."

"Über Angst und Bildung" ist ein langsamer Film geworden über Rechtspopulismus und über Pfeifers Heimatstadt – aber ohne das so explizit anzukündigen –, fast so, als würde er auf ­etwas Vergangenes zurückblicken. Pfeifer sagt, er könne sich vorstellen, dass der Film einmal im Schulunterricht läuft.

Allerdings stehen die Ereignisse in der Bundesrepublik nicht still. Als der junge Kurde Schabas Saleh Al-Aziz im Herbst 2015 aus Sulaimaniyya im Irak nach Deutschland kam, litt er schon seit vier Jahren an Epilepsie. Er hoffte auf Hilfe, zahlte viel Geld an Schlepper und überquerte das Mittelmeer. Er kam in Freital, Sachsen, an. Seine epileptischen Anfälle wurden schlimmer, ihm gingen die Medikamente aus. Er wurde in der Psychiatrie in Arnsdorf untergebracht, seine Freunde verloren den Kontakt.

Am 21. April 2016 wollte der junge Mann in einem Supermarkt in Arnsdorf eine Telefonkarte kaufen. Die funktionierte nicht, er versuchte, sie umzutauschen. Er verstand die Kassiererin nicht, sie verstand ihn nicht. Die Marktleitung rief die Polizei, Al-Aziz versuchte es später erneut und noch ein drittes Mal. Dieses Mal wurde er gefilmt: Vier Männer betraten den Supermarkt, verprügelten ihn auf dem Parkplatz und fesselten ihn für 25 Minuten mit Kabelbindern an einen Baum. Die Frau, die den Vorfall mit ihrem Handy filmte, sagt kurz bevor das Video abbricht: "Schade, dass man eine Bürgerwehr braucht." Zivilcourage, sagen die einen. Lynchjustiz, sagen die anderen.

Die Ereignisse werfen Fragen auf: Woher wussten die vier Männer, dass Al-Aziz in dem Supermarkt war? Warum hatten sie Kabelbinder dabei? Warum wurde der Prozess gegen die vier Täter am ersten Verhandlungstag eingestellt? "Wenn in Deutschland jemand 25 Minuten lang an einen Baum gebunden wird, und es keine juristische Auseinandersetzung gibt, dann ist das ein Problem", sagt Pfeifer.

Al-Aziz wurde verlegt, kam wieder in die Psychiatrie, wurde wieder entlassen. Seine Medikamente reichten nie. Er war einsam. Im darauffolgenden Frühling wurde seine verweste Leiche im Wald gefunden. Er war im kalten Winter jenes Jahres erfroren, vermutet man. Sein Bruder, der in Nordrhein-Westfalen lebt, fragt: "Warum passiert so etwas bei euch?"

Pfeifer hat einen Film über diesen Fall gemacht. »Again/Noch einmal« ist eine Videoarbeit auf zwei Leinwänden, 40 Minuten lang. Ein gut konsumierbares Format, beinahe wie eine Vorabendserie. Bloß: "Again"überrumpelt mich selbst", sagt Pfeifer. Der Prolog des Films erzählt vom vernachlässigten ländlichen Raum in Ostdeutschland. Dann folgen zwei Teile: Der ­erste ist ein Re-Enactment des Vorfalls in Arnsdorf. Minimale Kulissen bilden den Supermarkt nach. Die Schauspieler Dennenesch Zoudé und Mark Waschke moderieren, dirigieren die Schauspieler in einer kahlen Halle.

Dann gibt es noch zehn Zuschauer als Teil des Films. Unter ihnen sind geflohene DDR-Dissidenten, Opfer rassistischer ­Gewalt, ein ehemaliger Gefangener des Pinochet-Regimes, ein Freund des Angolaners Amadeu Antonio, der 1990 von Rechtsextremen getötet wurde. Im zweiten Teil werden sie um eine Stellungnahme gebeten. Auch hier, eine Situation ähnlich einem Zeugenstand: "Wir wollten so live wie möglich sein. Ich habe jedem nur drei Minuten gegeben, fast ungeschnitten. Sie wussten vorab nicht, um welchen Fall es geht", erklärt Pfeifer.

Dem Videokünstler kommt es nicht nur auf das Endprodukt an, das merkt man bei diesem Film. Die Wiederaufführung in ­einer dunklen, trostlosen Kulisse, die spontan eingeforderten Statements des Studiopublikums lassen viel Raum für Improvisation. Auch hier will Pfeifer so wenig wie möglich eingreifen. Der Künstler kümmert sich um die Situation, eine Versuchs­anordnung, in der sich die Ereignisse entfalten.

Der Film war Teil der zehnten Berlin Biennale. Deren Ziel war, wegzukommen von den immer gleichen Namen der Gegenwartskunst, Kunst aus dem globalen Kontext nach Berlin zu bringen. "Again" ist eine der wenigen Arbeiten, die sich mit einem regionalen Fall aus Deutschland beschäftigen. Der, so sieht es Pfeifer, sage sehr viel über den Zustand unseres Landes aus. 

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