Amnesty Journal Georgien 23. September 2026

Georgien: Andro Chichinadze im Gefängnis

Demonstranten auf einer Straße in der Kälte, sie tragen Jacken, Schals, Mützen, schwingen Fahnen, ein Mann zeigt das Victory-Zeichen mit seinen Fingern.

Sie fordern die Freilassung von Andro Chichinadze und anderen Inhaftierten: Demonstrant*innen in Tbilisi (Januar 2025)

Seit fast zwei Jahren sitzt der georgische Schauspieler Andro Chichinadze in Haft.  Er hatte Ende 2024 gegen den prorussischen Kurs der Regierung protestiert. Tausende wurden damals verletzt oder festgenommen. 

Aus Tbilisi von Tigran Petrosyan

Die Notlüge, die Lika Guntsadze ihrem Enkel seit fast zwei Jahren erzählen muss, schmerzt: "Dein Vater ist 
in Frankreich und dreht einen Film." Der Junge ist inzwischen fünf Jahre alt, er will wissen, wo sein Vater, 
der Schauspieler Andro Chichinadze, ist.  Das letzte Mal hat er ihn 2024 gesehen.

Sein Vater steht jedoch nicht vor einer Filmkamera in Frankreich, sondern sitzt in einem georgischen Gefängnis. Im ­Dezember 2024 wurde der inzwischen 30-jährige Chichinadze in der georgischen Hauptstadt Tbilisi festgenommen. "Kollektive Störung der öffentlichen Ordnung" lautete die Anklage, die neben ihm 18 weitere Personen betraf. Am 3. September 2025 verurteilte ihn ein Gericht zu zwei Jahren Haft.

 

Ich stehe hier für Georgiens europäische Zukunft.

Andro
Chichinadze

Der wahre Grund für Chichinadzes Verurteilung ist ein anderer: Wie Tausende Georgier*innen lehnte auch er die Entscheidung der prorussischen georgischen Regierung ab, den EU-Beitrittsprozess auszusetzen. Zudem wollte die Regierung mit Zensurmaßnahmen auch die Kulturszene des Landes auf einen russlandfreundlichen Kurs bringen. Deshalb ging Chichinadze im November und Dezember 2024 auf die Straße. "Ich stehe hier gemeinsam mit meinen Freunden für ­Georgiens europäische Zukunft", sagte der Schauspieler vor dem Parlamentsgebäude an der Rustaweli-Allee im Zentrum der Hauptstadt. "Heute muss landesweit gestreikt werden, damit diese Zukunft nicht gefährdet wird." Das Online-Medium On.ge verbreitete seine Worte. Am nächsten Tag wurde er inhaftiert.

Die georgischen Sicherheitskräfte gingen brutal gegen die proeuropäischen Proteste vor. Tausende Menschen wurden verletzt oder festgenommen. Viele von ihnen sitzen bis heute im Gefängnis. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International bewerten das Verfahren gegen Andro Chichinadze und andere Demonstrant*innen als politisch motiviert.

Wie in Kafkas "Der Prozess"

Chichinadze ist desillusioniert und zog in seinem Prozess Vergleiche zu Franz Kafkas Roman "Der Prozess". Wie Josef K. stehe auch er vor Gericht, ohne zu begreifen, weshalb und was mit ihm eigentlich geschehe. "Der Roman handelt von Ungewissheit, vom Gefühl der Absurdität", sagte Chichinadze im Gerichtssaal. "Ich habe mich immer gefragt, wie sich dieses Gefühl in der Wirklichkeit anfühlt – und nun habe ich es erlebt."

Für seine Mutter Lika Guntsadze ist all das kaum zu begreifen. "Ich denke ständig, dass ich gleich aufwache und alles vorbei ist", sagt sie. "Aber leider ist es nicht so. Inzwischen leben wir in einer Diktatur." Etwas Hoffnung geben ihr die Gefängnisbriefe, die sich auf dem Couchtisch stapeln, die kleinen Herzen, die ihr Sohn fast am Ende jeder Seite zeichnet, seine Handschrift und die Anrufe aus seiner Zelle, die teils nur wenige Sekunden dauern dürfen. Seine Stimme und sein Tonfall würden ihr alles bedeuten, sagt sie, denn daran erkenne sie, wie es ihm wirklich gehe.

Im Dezember jährt sich Chichinadzes Inhaftierung zum zweiten Mal. Wenn die Behörden keine Vorwände finden, könnte er dann das Gefängnis verlassen. Aber wer kann das schon wissen? "Ich weiß nicht, welche Provokation sich die Regierung noch einfallen lassen könnte", sagt seine Mutter.

Theater wird zum Protestzentrum

Auch seine Freund*innen vermissen Chichinadze. "Andro musste nie laut sein, um aufzufallen", sagt sein Schauspielkollege Kakha Kintsurashvili. "Er hat eine besondere Ausstrahlung, durch die sich die Blicke der Menschen fast wie von selbst auf ihn richten." Chichinadze war nicht nur politisch engagiert. Als Freiwilliger der georgischen Stiftung Laughter Therapy besuchte er, verkleidet als Clown, Kinderkrankenhäuser, vor allem Krebsstationen.

Kintsurashvili und Chichinadze sind seit 2023 befreundet. Noch kurz vor Chichinadzes Inhaftierung standen sie gemeinsam auf der Bühne des Wasso-Abaschidse-Theaters in Tbilisi. Das Stück "Ich sterbe wie ein Land" handelte von Besatzung, Staatszerfall und der untrennbaren Verbindung von Demokratie, Staatlichkeit und Menschenrechten. In einer Schlüsselszene zerschlug ein Schauspieler einen Fernseher und brachte einen georgischen Politiker damit symbolisch zum Schweigen.

Nach Chichinadzes Inhaftierung ­wurde das Theater zu einem Zentrum des Protests. Gemeinsam mit Schauspie­ler*in­nen, Regisseur*innen und anderen Kulturschaffenden forderte Kintsurash­vili die Freilassung seines Kollegen. "Wir protestieren nicht, weil Andro unser Freund ist, sondern weil er unschuldig ist." Das Ensemble streikte, zog mit einem Manifest durchs Land und machte mit Szenen aus dem Stück "Ich werde das Meer überqueren" auf die politische Lage aufmerksam. Darin kämpfen sowjetische Dissident*innen um ihre Freiheit.

Mehr als ein Jahr lang hing Chichinadzes Porträt mit dem Spruch "Freiheit für die Gefangenen des Systems!" an der Fassade des Theaters. Als die Behörden das Banner im Februar 2026 trotz des ­Widerstands des Ensembles entfernen ­ließen, verließen Kintsurashvili und weitere Schauspieler das Theater.

"Kunst ist immer ein Akt der Befreiung"

Der Schauspieler Irakli Kvirikadze hat Chichinadze bei gemeinsamen Dreharbeiten und im Ferienort Gudauri im Kaukasus besser kennengelernt, bei langen Gesprächen und reichlich Wein: "Er ist sehr solidarisch mit anderen Menschen. Gerade für einen Künstler halte ich das für eine besonders wichtige Eigenschaft." Die Kulturszene sei wichtig, sagt er, denn "Kunst ist immer ein Akt der Befreiung". Sie befreie den Menschen, während Zensur das genaue Gegenteil bewirke. Deren Folgen seien im Kulturbetrieb des Landes längst sichtbar. "Alles, was die regierende Partei 'Georgischer Traum' kritisch hinterfragt, wird unterdrückt."

Inzwischen hat die Regierung auch Kvirikadze im Visier. Wegen seiner Teilnahme an den Protesten belegten ihn die Behörden mit einer Geldstrafe von rund 15.000 Euro. Weil er die Summe nicht zahlte, wurden seine Bankkonten gesperrt. "Vielleicht muss ich stattdessen einige Wochen ins Gefängnis", befürchtet er. Von der prorussischen Regierung lässt sich Kvirikadze trotzdem nicht einschüchtern. Fast täglich geht er vor das Parlamentsgebäude und demonstriert für eine offene Gesellschaft und einen proeuropäischen Kurs. Den Mut dazu gebe ihm Chichinadze, sagt er. "Er hat gezeigt, dass man standhalten kann. Dadurch haben wir anderen verstanden, dass auch wir dazu fähig sind."

Tigran Petrosyan ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Weitere Informationen

Länder

Weitere Artikel