Amnesty Journal 13. Juli 2023

Wir trauern um Anton Landgraf

Das Bild zeigt ein Mann, der eine gelbe Amnesty-Weste trägt. Er steht in einer Menschenmenge. Wir werden ihn vermissen.

Anton Landgraf bei der #unteilbar-Demonstration am 13. Oktober 2018 in Berlin

Amnesty International trauert um Anton Landgraf – einen engagierten Menschenrechtler, großartigen Journalisten, wunderbaren Kollegen und einfühlsamen Teamleiter. Anton Landgraf war bereits in seiner Jugend bei Amnesty aktiv. Nun ist er im Alter von 59 Jahren gestorben.

Anton Landgraf wandte sich nicht ab, wenn die Menschenrechtsarbeit wieder einmal deprimierend war. Und das war sie leider oft. Im Gegenteil: Waren es Ungleichheiten wie die globale Impfstoffverteilung, bewaffnete Konflikte, wie der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, die andauernden Menschenrechtsverletzungen in der Türkei oder die dystopischen Entwicklungen von Künstlicher Intelligenz – Anton Landgraf wandte ihnen seine volle Aufmerksamkeit sowie sein ganzes Können und Wissen zu – offen, sanft, humorvoll, aber bestimmt.

Bereits als Jugendlicher trat Anton einer Amnesty-Gruppe in Aalen in Baden-Württemberg bei, mit 14 Jahren wurde er ihr Gruppensprecher. Damals engagierte er sich unter anderem gegen die Haftbedingungen der Mitglieder der RAF in Deutschland. Seit den frühen Nullerjahren arbeitete Anton Landgraf im hauptamtlichen Sekretariat von Amnesty – in ein paar Monaten wären es 20 Jahre geworden.

Zuvor hatte der studierte Soziologe als Redakteur für die Wochenzeitung Jungle World und die Deutsche Lehrerzeitung gearbeitet. Der Jungle World blieb er als Autor, Mitherausgeber und beratender Unterstützer bis zuletzt treu.

Im Spätsommer 2003 begann Anton Landgraf als Fachreferent für die Region "Americas" im hauptamtlichen Sekretariat von Amnesty International. 2004 wechselte er als verantwortlicher Redakteur zum Amnesty Journal. Ihm ist es zu verdanken, dass das Amnesty Journal heute weit über die Grenzen unserer Menschenrechtsorganisation hinaus bekannt ist. Als er eine Leitungsposition übernahm, hinterließ er der Redaktion ein qualitativ hochwertiges und breit aufgestelltes Menschenrechtsmagazin mit bestem Renommee, das für sein klares Layout immer wieder preisgekrönt wurde.

2015 hatte Anton Landgraf die Teamleitung im Bereich Presse und Publikationen übernommen, seit 2016 leitete er den fusionierten Bereich "Presse, Online, Publikationen". Damit führte er eines der größten Teams im deutschen Sekretariat von Amnesty. Auch der Aufgabenbereich war groß und wuchs mit den Anforderungen einer immer digitaler werdenden Welt weiter und immer schneller an.

Darüber ächzen und stöhnen hörte man Anton Landgraf kaum. Er arbeitete engagiert, konstruktiv und kreativ. Anton hatte eine unglaublich sanfte Art, blieb auch in Konflikten immer menschlich, freundlich, zugewandt und zuversichtlich. Kritik äußerte er in klaren Worten und schaffte es dennoch, dass alle Seiten als Gewinner*innen aus Konflikten hervorgehen konnten. Er befähigte und motivierte seine Mitarbeiter*innen und stand in schwierigen Situationen uneingeschränkt hinter ihnen. Er war ein Teamplayer – einen "unchefigeren Chef" als Anton Landgraf hätte man nicht finden können, sagen viele, die mit ihm gearbeitet haben.

Anton Landgraf reiste gern und viel, er liebte das Leben, seine Freund*innen und seine Familie. So arbeitete er im vergangenen Herbst trotz der enormen Zeitverschiebung aus den USA, um mit seiner Familie ein paar Monate in Madison/Wisconsin zu verbringen. Seine Eindrücke und Erlebnisse, sein Eintauchen in die Kultur hielt er für Freunde und Familie in einem Blog fest. Noch im Juni reiste er mit seinem Team nach Wien für einen Austausch mit den deutschsprachigen Amnesty-Kolleg*innen in Österreich und der Schweiz. Er badete mit uns in der Donau und führte bis spät in den Abend Gespräche beim "Heurigen".

Anton war ein durch und durch politischer Mensch. Er war ein Mann "des langen Atems" und des feinen Intellekts. Wer ihn kannte, egal ob im Haupt- oder im Ehrenamt, konnte von Gesprächen mit ihm berichten, die irgendwann geführt und dann Jahre später, auf einer Jahresversammlung oder bei einer Amnesty-Veranstaltung, wieder aufgegriffen wurden.

Wir haben ihn erlebt als einen geduldigen Menschen, der in der Sache klare und belastbare Argumente vorbrachte und auch in schwierigen Situationen stets empathisch, interessiert und der Zukunft zugewandt blieb. Anton schaffte es so, beim Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen weltweit Menschlichkeit nicht nur nicht zu vergessen, sondern sie zu verkörpern.

Mit unserem Kollegen Anton Landgraf verlieren wir ein großes und wichtiges Stück von Amnesty International in Deutschland. Er ist unersetzbar und fehlt uns schrecklich.

Anton Landgraf ist am 9. Juli 2023 an den Folgen eines Herzinfarktes gestorben. Wir trauern mit seinem Sohn, Emil Alexander Landgraf, und Tanja Dückers, seiner Frau.

Das Bild zeigt eine Person von hinten an einer Ampel

Anton Landgraf im Juni 2023 in Wien nach einem Workshop mit Amnesty-Teams aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

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