Amnesty Journal Afghanistan 26. März 2019

"Ein Mensch wird sterben und du hast Angst, den Flug zu verpassen"

Die 21-Jährige trägt eine beige Jacke und eine dunkle Brille und schaut in die Kamera.

Die 21-jährige Schwedin Elin Ersson wurde im Sommer 2018 weltweit bekannt, weil sie Zivilcourage zeigte.

Um die Abschiebung eines afghanischen Mannes zu verhindern, ­weigerte sich Elin Ersson, im Flugzeug ihren Platz einzunehmen. Unser Autor hat die schwedische Studentin getroffen.

Von Clemens Bomsdorf

Die Frau, die vergangenen Sommer weltweit bekannt wurde, weil sie ein Flugzeug mit einem Asylbewerber an Bord am Abflug vom Flughafen in Göteborg hinderte, beruft sich nicht etwa auf eine große Pazifistin, sondern auf den Fisch Dorie aus dem Animationsfilm "Findet Demo".

"Einfach schwimmen" hat sich Elin Ersson auf den Unterarm tätowieren lassen, den sie jetzt auf den Tisch eines ­Cafés in Berlin stützt. Das Zitat ist eine Durchhalteparole, und so wie es die Palettendoktorfisch-Dame Dorie dem kleinen Clownfisch Nemo vorsingt, eine Erinnerung daran, sich nicht die gute Laune verderben zu lassen. 

Die 21-jährige Schwedin scheint nicht in schlechter Stimmung zu sein – obwohl sie über Dinge spricht, die sie gesellschaftlich stören, darunter die Ignoranz gegenüber der schwierigen Lage von Menschen auf der Flucht. "Auch wenn das Leben manchmal schwer ist, muss man weitermachen", sagt sie. "Da­ran erinnert mich der Satz aus ›Findet Nemo‹. Und an meine Schwester, die ihn auch als Tattoo trägt." 

Sie will weiter dafür kämpfen, dass Asylbewerber in Europa akzeptiert werden – so definiert sie ihr Weiterschwimmen. Weil sie sich für Geschichte und vor allem die Wikingerzeit interessiert, hat sie sich den Spruch in Runenschrift in den Arm stechen lassen. Ausgerechnet. Denn für diese alte Schrift, deren Buchstaben oft nur aus ein paar in spitzen Winkeln verbundenen Strichen bestehen, interessieren sich noch andere: Nazis und ziemlich rechte Menschen. 

Für Rechte eine Hassfigur 

Für die aber ist Ersson eine Hassfigur, seitdem sie sich im Juli 2018 dabei filmte, wie sie die Abschiebung eines 52-jährigen Afghanen zumindest für einen Moment lang verhinderte. Sie weigerte sich schlicht, ihren Platz im Flugzeug, das vom schwedischen Göteborg nach Istanbul fliegen sollte, einzunehmen. Das tat sie so lange, bis der Pilot sie darum bat, gemeinsam mit dem Mann das Flugzeug zu verlassen.

Weil sie einer ersten Aufforderung, sich zu setzen, nicht nachgekommen sein soll, verurteilte das Amtsgericht Göteborg sie im Februar wegen Verstoßes gegen das schwedische Luftfahrtgesetz zu einer Geldbuße von 300 Euro. 

Das knapp 15 Minuten lange Video beginnt mit einer kurzen Ansprache Erssons. Darin macht sie Passagiere und Zuschauer auf einem Facebook-Livestream darauf aufmerksam, dass mit dem Flugzeug, aus dem sie berichtet, ein Asylbewerber abgeschoben werden soll.

Noch bevor sie sagen kann, dass sie den Start verhindern möchte, wehrt sie sich dagegen, dass ihr jemand das Handy abzunehmen versucht – nach gerade einmal elf Sekunden. Doch Ersson bleibt ruhig, behält das Mobiltelefon in der Hand, filmt und spricht weiter. Wieder und wieder erklärt sie, dass dem Asylbewerber ihrer Meinung nach in Afghanistan der sichere Tod drohe. 

"Ein Mensch wird sterben, und du hast bloß Angst, deinen Flug zu verpassen"

Die Besatzung verschanzt sich hinter dem Hinweis, dass das Flugzeug nur bis Istanbul fliege, sie den Mann also gar nicht direkt nach Afghanistan und damit in den laut Ersson sicheren Tod bringen würden. Ein Passagier beschwert sich über ihren Auftritt, weil der zu Verzögerungen führe. Ihre Antwort: "Ein Mensch wird sterben, und du hast bloß Angst, deinen Flug zu verpassen."

Dieser Satz bringt die Gleichgültigkeit vieler auf den Punkt, die sich in ihrem angenehmen Alltag nicht von den Folgen ferner Kriege stören lassen wollen – aber auch die Überheblichkeit von Aktivistinnen wie Ersson. Später schränkt sie ein, dass der afghanische Abschübling nicht sicher, sondern wahrscheinlich getötet werde. Nach gut sechs Minuten erzählt sie, dass ein türkischer Passagier anderen Mitreisenden erklärt habe, dass das, was sie mache, richtig sei. Dann erntet sie Applaus und erzählt gerüht, wie ein ganzes Fußballteam weiter hinten im Flieger aus Solidarität aufgestanden sei. Mehrfach kommen ihr die Tränen. 

In Schweden hat der politische Rechtsruck dazu geführt, dass die Behörden Geflüchteten inzwischen weniger Hilfe bieten als in der Vergangenheit. Während der damalige konservative Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt seine Mitbürger 2014 noch dazu aufgefordert hatte, die Herzen zu öffnen, haben im Wahlkampf im Herbst 2018 selbst Sozialdemokraten mit einer restriktiveren Flüchtlingspolitik geworben. "Man konzentriert sich auf eine Bedrohung, die es so nicht gibt. Als würde ganz Schweden untergehen, wenn wir uns um die Leute kümmern, die auf der Straße landen", sagt Ersson. 

Auf der Suche nach gesellschaftlichem Zusammenhalt 

Vor allem junge Geflüchtete ohne Familie drohten abzugleiten, fürchtet sie. "Manche von ihnen werden womöglich kriminell oder drogensüchtig. Wenn sie dann im Stadtzentrum abhängen, nimmt man sie auch als solche wahr und schimpft über die Ausländer." Dabei seien die Umstände das Problem, genauer, dass der Staat nicht genug für sie tue.

Doch das würden immer weniger Menschen anerkennen, glaubt sie. "Ich habe früh gemerkt, dass es in Diskussionen schnell zu Situationen kommt, in denen Leute in Verteidigungshaltung gehen und sauer werden." Das sei der Fall, wenn man nur Standpunkte beziehe, die denen des Gegenübers widersprächen, zum Beispiel, was die Zahl der Asylsuchenden oder das Recht auf Asyl überhaupt angehe.

Entscheidend sei deshalb, nicht immer nur von den Sorgen spezifischer Gruppen zu sprechen, sondern Bedürfnisse herauszustellen, die alle Menschen beträfen – etwa Schutz oder die Sehnsucht nach einem Zuhause. "Das macht es leichter, eine gemeinsame Basis zu finden, anstatt gegeneinanderzustehen." 

Auf ihrer Suche nach gesellschaftlichem Zusammenhalt polemisiert Ersson deshalb nicht gegen Rechte, sondern findet ihre eigene, beinahe zärtliche Sprache. "Wir müssen uns beruhigen, uns hinsetzen, vielleicht manchmal einfach einen Schritt zurückgehen, um in bestimmten Situationen zu spüren, was wir fühlen – statt einfach nur eine Meinung zu haben."

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