Aktuell Jemen 08. März 2019

Vergewaltigung von Kindern verhindern

Minimalistische Zeichnung einer Explosion

Mehrere Kinder wurden in der jemenitischen Stadt Taiz vergewaltigt, die jüngsten Opfer sind acht Jahre alt. Tatverdächtig sind auch Milizangehörige, die bisher nicht belangt wurden.

In der jemenitischen Stadt Taiz wurden wiederholt Kinder vergewaltigt. Einige der Opfer sind erst acht Jahre alt: Das haben Recherchen von Amnesty International ergeben. In den bisher bekannten Fällen sind die mutmaßlichen Täter nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Tatverdächtig sind auch Milizionäre, die von der saudisch geführten Militärkoalition unterstützt werden. 
 
Amnesty International sprach mit vier Elternpaaren. Sie berichteten, dass ihre Söhne in den vergangenen acht Monaten sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren. Bei zwei Vergewaltigungen vermuteten die Familien, dass die Verantwortlichen Angehörige von Milizen sind, die der jemenitischen Partei al-Islah nahestehen und von der saudisch geführten Militärkoalition unterstützt werden.

Die haarsträubenden Aussagen dieser sehr jungen Opfer und ihrer Familien machen deutlich, wie stark Kinder [in Taiz] durch den anhaltenden Konflikt von sexueller Ausbeutung bedroht sind. Sie leben in einer Stadt, die wenig Sicherheit bietet und in der es keine Justiz gibt. Die Betroffenen waren sexuellem Missbrauch schutzlos ausgeliefert. Und sie müssen auch die Folgen dieses traumatischen Ereignisses alleine bewältigen

Heba
Morayef
Direktorin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International

"Die jemenitischen Behörden müssen diese Vorfälle sorgfältig untersuchen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, um zu signalisieren, dass diese Verbrechen nicht toleriert werden – auch um die betroffenen Familien vor Repressalien zu schützen. Alle Verdächtigen müssen in fairen Verfahren vor Gericht gestellt werden.

Das gilt auch für Angehörige der Streitkräfte und Gemeindesprecher. Wenn Vergewaltigung und andere sexuelle Übergriffe im Rahmen eines bewaffneten Konflikts begangen werden, sind sie als Kriegsverbrechen zu betrachten. Personen mit Befehlsgewalt, die solche abscheulichen Taten nicht stoppen oder verhindern, machen sich unter Umständen selbst dieser Kriegsverbrechen schuldig", sagt Heba Morayef, Direktorin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International.

Klima der Straflosigkeit und Repressalien
 
Amnesty International hat vier Fälle sexualisierter Gewalt dokumentiert: In drei Fällen wurden Kinder vergewaltigt. Im vierten Fall handelt es sich um versuchten sexuellen Missbrauch. Zwei von Amnesty eingesehene ärztliche Gutachten dokumentieren durch Missbrauch zugefügte Verletzungen im Intimbereich, was die Betroffenen-Aussagen zu bestätigen scheint. 
 
Ein Klima der Straflosigkeit und Repressalien lässt Familien davor zurückschrecken, solche Vorfälle anzuzeigen. Hinzu kommt, dass einige der Verdächtigen der al-Islah-Partei nahezustehen scheinen. Und diese Partei kontrolliert die lokalen Behörden.

In zwei Fällen sind die Verdächtigen Zivilpersonen. Sie befinden sich derzeit in Untersuchungshaft. Im Unterschied dazu sind in den anderen beiden Fällen die Verdächtigen jedoch nicht inhaftiert worden: Bei ihnen handelt es sich um Milizionäre.

Amnesty International hat sich schriftlich an die Staatsanwaltschaft von Taiz gewandt und um eine Stellungnahme gebeten. Bisher gab es keine Antwort. In den vergangenen Monaten wurde in den südlichen Landesteilen des Jemen die Arbeit der Justizinstitutionen wieder aufgenommen. Das Justizsystem bearbeitet dort eine Handvoll Fälle.

Verweigerte ärztliche Untersuchung
 
Familien, die solche Vorfälle bei den Behörden anzeigen, müssen zahlreiche Hindernisse überwinden. Aus den von Amnesty International eingesehenen Dokumenten und den Angaben der betroffenen Familien geht hervor, dass alle vier Fälle direkt bei der Kriminalpolizei in Taiz angezeigt wurden. 

Eines der größten Krankenhäuser in Taiz wurde daraufhin angewiesen, die drei Vergewaltigungsopfer zu untersuchen und medizinische Gutachten anzufertigen. Bei einem der Betroffenen verweigerte der Arzt jedoch die Untersuchung.
 
Die von Amnesty International dokumentierten Fälle sind offenbar keine Einzelfälle: Die Organisation weiß von mindestens zwei weiteren Fällen. Die betroffenen Familien wollen sie jedoch nicht öffentlich machen. Denn sie fürchten Vergeltungsmaßnahmen der lokalen Milizen, die von der saudisch geführten Militärkoalition unterstützt werden. 

Tatsächlich mussten zwei der vier betroffenen Familien, die Anzeige erstattet hatten, aus Angst vor Repressalien ihren Wohort verlassen. Eine Familie gab auch ihr Unternehmen auf.
 
Vergewaltigt von Milizionären

Ein 16-jähriger Junge wurde eigenen Angaben zufolge Ende Dezember 2018 von einem al-Islah nahestehenden Milizionär vergewaltigt. Dies geschah offenbar in einem Stadtteil von Taiz, der von al-Islah kontrolliert wird. Er sagte Amnesty International:

Er bedrohte mich mit seinem Gewehr... Dann fing er an, mich zu treten und mit dem Gewehrkolben zu stoßen, und drückte mich gegen eine Wand, damit ich mich nicht wehren konnte... Er sagte mir, dass er mich vergewaltigen wolle. Ich fing an zu weinen... und bat ihn, sich vorzustellen, ich sei sein Sohn. Er wurde wütender und schlug noch härter zu... Er hielt mich im Nacken fest und drückte mich auf den Boden. Ich begann zu schreien und er stieß mir das Gewehr in den Nacken und vergewaltigte mich.

Anonymer 16-jähriger Junge

Die Mutter des Jungen beschrieb den Abend, an dem ihr Sohn nach dem Vorfall nach Hause kam.
 
"Er kam abends nach Hause und ging direkt ins Badezimmer. Als er wieder herauskam, fragte ich ihn, was los sei, aber er konnte mir nicht sagen, was passiert war. Er fing an zu weinen, und ich begann ebenfalls zu weinen." 

Wir saßen drei Tage lang nebeneinander und konnten weder essen und trinken noch schlafen... Er war verängstigt und in sehr schlechter psychischer Verfassung, und seine Gesichtsfarbe war gelblich und fahl... Er starrte einfach nur ins Leere. Er konnte nicht schmerzfrei sitzen und konnte drei Tage lang nicht zur Toilette gehen.

Mutter des anonymem 16-jährigen Jungen

Seine Mutter zeigte die Vergewaltigung bei der Kriminalpolizei von Taiz an. Diese wiederum ordnete eine Untersuchung durch den Gerichtsmediziner an. Amnesty International hatte Einsicht in dieses Dokument. Der Arzt, der in einem Krankenhaus arbeitet, das von al-Islah kontrolliert wird, weigerte sich jedoch, die Untersuchung durchzuführen. 
 
Zudem verlangte das Krankenhaus für die Anfertigung des Gutachtens eine Bezahlung im Voraus, was sich die Familie nicht leisten konnte. Die Mutter des Jungen sagte, sie würde nach Erhalt des Gutachtens bezahlen, doch das Gutachten wurde nie angefertigt. 
 
"Der Arzt sagte, mit meinem Sohn sei alles in Ordnung und er würde kein Gutachten anfertigen."

Rache nach versuchter Vergewaltigung
 
Im Juli 2018 versuchte in Taiz ein al-Islah nahestehender Milizionär, einen zwölfjährigen Jungen sexuell zu missbrauchen, doch der Junge konnte entkommen. 
 
Ein Verwandter sagte Amnesty International, der Junge sei von einem Milizionär dazu gebracht worden, ein Paket an einen Nachbarn auszuliefern. Der Angreifer folgte ihm und attackierte ihn.

Er brachte ihn in sein Schlafzimmer, warf ihn aufs Bett und legte sein Gewehr auf dem Bett ab... Er bedrohte ihn und sagte, wenn er schreien sollte, würde er das geladene Gewehr benutzen... Er [der Milizionär] ging zur Schlafzimmertür, um sie zu schließen, und begann sich auszuziehen... In diesem Moment bekam der Junge Angst und nahm das Gewehr und schoss auf den Mann, um sich zu verteidigen... Dann floh er.

Verwandter eines 12-jährigen Jungen

Der Angreifer starb an seinen Verletzungen. Die Familie des Jungen zeigte den Vorfall bei den Lokalbehörden an, erhielt jedoch keinerlei Schutz. Zwei Tage nach dem Vorfall wurden sie zu Hause von Angehörigen der Miliz des getöteten Täters angegriffen. Drei Personen wurden verletzt und mussten operiert werden. Ein Familienmitglied wurde getötet.
 
Nach dem Angriff wurden der Junge zusammen mit dem Vater und zwei Brüder für zwei Wochen von den Behörden in freiwilligen Gewahrsam genommen, um sie vor weiteren Vergeltungsschlägen zu schützen.

Sexualisierte Gewalt durch Zivilpersonen

In einem weiteren Fall berichtete die Mutter eines achtjährigen Jungen, ihr Sohn sei zwischen Juni und Oktober 2018 mindestens zweimal vergewaltigt worden. Ihren Angaben zufolge ereignete sich dies in einer örtlichen Moschee. Die Täter waren der Sohn eines al-Islah nahestehenden Imams und dessen Freund:

Mein Sohn sagte mir, dass [der Sohn des Imams] ihn auf der Toilette der Moschee eingeschlossen habe, ihm den Mund zugehalten und ihm damit die Luft abgeschnürt habe, und angefangen habe, ihn auszuziehen... Als er fertig war, ließ er einen anderen Mann herein, der ebenfalls meinen Sohn missbrauchte.

Mutter eines 12-jährigen Jungen

Laut medizinischen Gutachten leidet  der Achtjährige seither unter eingeschränkter Mobilität, kann sich nicht konzentrieren und hat eine Gehirnerschütterung davongetragen. 
 
Die Mutter des Jungen sagte dass er nach dem Vorfall nicht mehr in der Lage war, einen Stift zu halten und zu schreiben. Ihren Angaben zufolge leidet er unter Schlafstörungen und hat unkontrollierte Wein- und Schreiattacken.
 
Amnesty International sprach mit dem Vater eines 13-jährigen Jungen, der sagte, dass sein Sohn in der Moschee von denselben Männern vergewaltigt worden sei.

Weitere Kinder in Gefahr
 
"Diese schrecklichen Missbrauchsvorfälle zeigen, wie gefährdet Kinder in bewaffneten Konflikten sind, da Institutionen und Schutzmechanismen wegfallen, was Misshandlung und Ausbeutung Tür und Tor öffnet. Das wird im Jemen durch das Fehlen eines Rechtsstaats noch verschärft. Je länger die Angreifer nicht zur Rechenschaft gezogen werden, desto größer die Gefahr, dass noch weitere Kinder misshandelt werden", sagt Heba Morayef.

Die jemenitischen Behörden müssen gemeinsam mit den im Land tätigen humanitären Organisationen Hilfe, medizinische Versorgung und psychosoziale Unterstützung für die Betroffenen und ihre Familien bereitstellen.

Heba
Morayef
Direktorin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International

Wie für solche Konfliktsituationen typisch wird sexualisierte Gewalt im Jemen nur sehr selten angezeigt. Die Beweisführung ist schwierig und das Thema ist sehr tabubehaftet. Es liegen keine öffentlich zugänglichen Zahlen zu sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige im Jemen vor. Zum Vergleich: Laut Angaben des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen sind im Jemen 60.000 Frauen von sexualisierter Gewalt bedroht.
 
Schutz Minderjähriger 

Im Jemen darf sexualisierte Gewalt per Gesetz mit der Todesstrafe geahndet werden. Amnesty International wendet sich in allen Fällen, weltweit und ausnahmslos gegen die Todesstrafe. 
 
Jemen hat im Jahr 1991 das Übereinkommen über die Rechte des Kindes ratifiziert. Vertragsstaaten dieses Abkommens sind dazu verpflichtet, angemessene Maßnahmen zu ergreifen, um Minderjährige vor allen Formen körperlicher und seelischer Gewalt zu schützen, so auch vor sexualisierter Gewalt.

Hintergrund

Der Konflikt im Jemen und internationale Waffenlieferungen

Seit 2015 kommt es in Taiz immer wieder zu heftigen Zusammenstößen zwischen Huthi-Truppen und gegnerischen Truppen, von denen einige der Militärkoalition und andere der jemenitischen Regierung nahestehen. 

Im Laufe des Jahres 2018 intensivierten sich die Kämpfe. Die stärksten Milizen in Taiz stehen al-Islah- oder salafistischen Gruppen nahe, die von Saudi-Arabien unterstützt werden.
 
Die Amnesty-Recherche "When arms go astray: Yemen’s deadly new threat of arms diversion to militias" dokumentiert das Risiko rechtswidriger Waffenlieferungen durch Mitglieder der Militärkoalition an Milizen, die – ähnlich wie die Gruppen in Taiz – keiner Regierung unterstehen und denen Kriegsverbrechen und andere schwere Menschenrechtsverstöße vorgeworfen werden. Amnesty International fordert daher alle Staaten auf, ihre Waffenlieferungen an alle im Jemen-Konflikt beteiligten Parteien umgehend einzustellen. 
 
Seit 2015 dokumentieren Amnesty International und andere Organisationen die Folgen des anhaltenden bewaffneten Konflikts in Taiz. Kampfhandlungen wie der willkürliche Beschuss durch Huthi-Truppen und andere Milizen haben dort zu Hunderten Todesopfern geführt. 

Nach beinahe vier Jahren der Belagerung durch Huthi-Truppen kann die Situation in Taiz als humanitäre Katastrophe beschrieben werden. Amnesty International hat in der Vergangenheit aufgezeigt, wie die Huthi die Bewegungsfreiheit von Zivilpersonen sowie Lieferungen ziviler Güter und lebensnotwendiger Medikamente willkürlich einschränkten
 
Zudem hat Amnesty International dokumentiert, wie Truppen der Militärkoalition und der jemenitischen Regierung insbesondere gegen Ende 2016 Krankenhauspersonal einschüchterten und schikanierten und das Leben von Zivilpersonen gefährdeten, indem sie Streitkräfte und Militärposten in der Nähe von medizinischen Einrichtungen stationierten. Mindestens drei Krankenhäuser wurden infolge von Drohungen gegen das Personal geschlossen.

Mehr dazu