Deutschland 15. April 2019

Dunya Ballout, 24

Porträtfoto einer Frau vor einer Pflanzen mit großen, länglichen, tiefgrünen Blättern und spitzen orange-blauen Blüten

Ich habe mit 15 angefangen, mich politisch zu engagieren. Das lag daran, dass ich in Ludwigshafen groß geworden bin, direkt neben einem riesengroßen Chemieunternehmen. Nachts hat es immer gestunken und keiner wusste warum. Das hat mich geärgert und so bin ich bei der Grünen Jugend gelandet.

Ich habe mich in der Schule schon immer für den Politikunterricht interessiert und dachte, dass der einzige Weg sich zu engagieren in politischen Parteien wäre. Als ich kurz darauf angefangen habe in Freiburg zu studieren, habe ich gemerkt, dass man Politik auch ganz anders machen kann als in Parteien, nämlich zivilgesellschaftlich und auf der Straße.

Während meines Politik- und VWL-Studiums habe ich angefangen, mich für Gewerkschaften und deren politische Rolle zu interessieren. Das Thema Solidarität im Arbeitsbereich bewegt mich bei meinem Engagement heute am meisten. Seit zwei Jahren bin ich beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) aktiv, zurzeit hier in Brüssel. 

Seit meiner Schulzeit bin ich Amnesty-Mitglied. Arbeitnehmer_innenrechte sind Menschenrechte, das gehört für mich zusammen. Immerhin verbringen wir pro Woche bis zu vierzig Stunden mit arbeiten. Arbeit kann total menschenunwürdig sein, zum Beispiel, wenn Großkonzerne ihre Mitarbeiter_innen sogar auf der Toilette kontrollieren.

Da werden zentrale Aspekte der Privatsphäre angegriffen. Oder das Recht auf Gesundheit, wenn krebserregende Stoffe am Arbeitsplatz existieren. Man kann dann ja als Mitarbeiter_in nicht einfach sagen: Ich mach das jetzt nicht mehr mit. Die meisten Menschen sind von ihrem Beruf abhängig.

Gewerkschaften sind als politische Akteure ganz wichtig für den Erhalt der Demokratie auf der europäischen Ebene. Je mehr Mitbestimmung es am Arbeitsplatz gibt, desto geringer ist auch die soziale Ungleichheit. Wenn rechtspopulistische Bewegungen in Europa immer erfolgreicher werden, dann liegt das auch an Sparmaßnahmen und Jugendarbeitslosigkeit, an unsicheren Jobs und schlechten Arbeitsbedingungen.

Ich glaube, Menschen wählen Rechtspopulisten, weil sie sich abgehängt fühlen und das Gefühl haben, sie können nicht mehr teilhaben. Ich finde, dabei wird zu selten über die fehlende Teilhabe am Arbeitsplatz gesprochen. Unsere Arbeit entwickelt sich so extrem schnell, und Mitarbeitende dürfen kaum mitreden, wenn Unternehmen sich technologisieren und Arbeitsplätze wegfallen. Da kann man sich sehr leicht abgehängt fühlen. 

Manchmal fällt es mir schwer, den Leuten in der Gewerkschaft noch zu sagen, dass Europa gut ist, weil Europa auch ganz schön viel Mist baut. Die EU war eine wichtige Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, aber im 21. Jahrhundert müssen wir einen Schritt weitergehen.

Zurzeit geht es immer nur darum, den Handel zu liberalisieren, und sehr wenig um den Menschen als Bürger. Die EU sollte den Wohlfahrtsstaat sichern, doch davon merke ich gerade als junger Mensch sehr wenig. Dennoch glaube ich, dass die Antwort nicht weniger Europa ist, sondern mehr Europa mit mehr Beteiligung und mehr sozialen Rechten. 

Ich glaube nicht, dass die Mehrheit in Europa es toll findet, dass Renten unsicherer werden, dass Arbeitsverhältnisse unsicher sind, oder dass Menschen in Südeuropa um ihre Krankenversicherung kämpfen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Mehrheit etwas ganz anderes möchte. Und ich hoffe, dass wir eine Generation entwickeln, die sich für ein neues Europa stark macht, und nicht dafür, zurück in den Nationalstaat zu gehen.

Protokoll: Hannah El-Hitami

Mehr dazu