Amnesty Journal Belarus 30. November 2021

Unsportlicher Präsident

Eine junge blonde Frau hält ein T-Shirt zwischen ihren Händen gespannt auf dem steht "I just want to run".

Setzte sich während der Olympischen Sommerspiele ab: Kristina Timanowskaja in Warschau, August 2021.

In Belarus setzte die Regierung Sportler_innen lange zu ­Propagandazwecken ein. Seit sie Proteste organisieren, Spenden für Gewaltopfer sammeln und sich international vernetzen, nimmt Alexander Lukaschenko Rache.

Von Ronny Blaschke

Auch im polnischen Exil kann sich Kristina Timanowskaja nicht wirklich frei fühlen. Mitte August nahm die belarussische Läuferin in Stettin (Szczecin) an einem Wettbewerb teil. Der Staatsschutz sicherte das Stadion. Videos in Online-Netzwerken zeigen, wie Timanowskaja die weiß-rote Flagge der belarussischen Opposition trägt. Kurz darauf entluden Anhänger_innen des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko ihren Hass im Internet. In Kommentaren wurde die Leichtathletin als "Verräterin" und "Geisteskranke" bezeichnet und mit Morddrohungen überzogen.

Kristina Timanowskaja ist zu einer Symbolfigur für die Folgen des Staatsterrors in Belarus geworden. Die 24-Jährige hatte im Sommer öffentlich Strukturen und Entscheidungen des belarussischen Verbands kritisiert und sollte deshalb während der Olympischen Spiele gegen ihren Willen nach Hause fliegen. Weil sie Repressionen befürchtete, wandte sich auf dem Flughafen in Tokio an die japanische Polizei. Sie beantragte schließlich Asyl in Polen und lenkte die internationale Aufmerksamkeit abermals auf Belarus.

Prominente auf den Straßen

In Minsk brachte Lukaschenko seine Wut in langen Fernseh­auftritten zum Ausdruck und bezeichnete Timanowskaja als "Marionette des feindlichen Auslands". Medienberichte und Aussagen von Sportler_innen legen nahe, dass Athlet_innen vorerst nicht mehr für Wettkämpfe und Trainingslager ins Ausland reisen dürfen. "Lukaschenko schmerzt es sehr, dass sich ausgerechnet der Sport gegen ihn stellt", sagt Handballmanager Alexander Apeikin. "Wir haben bewiesen, dass der Sport ein wichtiger Teil der Protestbewegung ist."

Apeikin entging nach der manipulierten Präsidentschaftswahl im August 2020 nur knapp einer Verhaftung. Weil ihn ein Bekannter, der in einem Ministerium arbeitet, warnte, konnte er sich erst in die Ukraine und später nach Litauen absetzen. Gemeinsam mit anderen sammelte er Unterschriften für einen offenen Brief, der freie Wahlen, ein Ende der Polizeigewalt und die Freilassung politischer Gefangener forderte. Nach anfänglichem Zögern unterschrieben mehr als 1.000 Sportler_innen, unter ihnen auch einige, die bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften Medaillen gewonnen hatten.
Seit der Wahl haben in Belarus Hunderttausende gegen Lukaschenko demonstriert, bis heute wurden Zehntausende festgenommen. Auch prominente Sportler_innen gingen auf die Straßen und zeigten auf ihren Trikots regierungskritische Banner. Etliche von ihnen berichteten später, sie seien von Staats­bediensteten gefoltert, misshandelt und bedroht worden.

"Wir Sportlerinnen und Sportler waren lange unpolitisch, wir wollten ein einfaches Leben", sagt Alexander Apeikin. "Aber diese Haltung hat das System gestärkt." Er gründete mit Kolleg_innen die Belarusian Sport Solidarity Foundation (BSSF). Die Stiftung unterstützt Sportler_innen, die wegen ihrer Teilnahme an Protesten alles verloren haben: ihren Platz im Nationalteam, ihre Anstellung beim Staat, ihr Stipendium fürs Studium.

Ein junger Mann mit Boxhose steht mit nacktem Oberkörper und verschränkten Armen da.

In belarussischer Haft: Alexej Kudin.

Infolge der zunehmenden Repression gingen prominente Sportler_innen wie der Zehnkämpfer Andrej Krautschanka und die Leichtathletin Jana Maksimawa, die sich an Protesten beteiligt hatten, ins Exil. Der stets kritische Kickboxweltmeister Alexej Kudin wurde wegen eines angeblichen Angriffs auf Polizis­t_innen zu zweieinhalb Jahren Lagerhaft verurteilt, er selbst spricht von Notwehr. Reichweitenstarke Sportmedien wie Tribuna, die über protestierende Athlet_innen berichtet hatten, wurden gesperrt. Sportjournalist_innen hätten "es nie für möglich gehalten, dass sie einmal als Gefahr für die nationale Sicherheit gelten würden", sagt der Sportexperte Yagor Khawanski. Werbekund_innen und Abonnent_innen seien aufgefordert worden, ihre Verträge mit kritischeren Medien aufzulösen.

Der Präsident am Ball

"Lukaschenko empfindet demonstrierende Sportler_innen als Verrat", sagt auch Heather McGill, Amnesty-Expertin für Ost­europa und Zentralasien. "Der Sport spielte lange eine wichtige Rolle in der Staatspropaganda." Dieses System war über Jahre etabliert worden: 1997, drei Jahre nach seinem Amtsantritt, setzte sich Lukaschenko auch an die Spitze des Nationalen Olympischen Komitees. In wichtigen Sportverbänden und Vereinen platzierte er Vertraute aus Militär und Staatsbetrieben. Obwohl politische Einflussnahme einen Verstoß gegen die Olympische Charta darstellt, ließ sich Lukaschenko dabei filmen, wie er beim Eishockey einen Puck führte und beim Fußball aufs Tor schoss.

Neben dem Eishockey hängt in Belarus insbesondere der Fußball von staatlicher Förderung ab. Der Fußballverband, an dessen Spitze der ehemalige General Wladimir Basanow steht, veröffentlichte vor der Präsidentschaftswahl auf seiner Internetseite Auszüge aus einer Rede Lukaschenkos unter der Überschrift: "Wir werden Belarus nicht aufgeben." Nach der Wahl forderte der Verband von Spieler_innen und Funktionär_innen in einem Rundschreiben politische Zurückhaltung.

Ein junger Sportler in Läuferkleidung sitzt auf einem Rasen und beißt mit seinen Zähnen aufeinander.

Lebt mittlerweile in Deutschland: Andrej Krautschanka beim Wettkampf in Kladno, 2013.

Wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen wollte der Präsident auch das Protestpotenzial im Sport frühzeitig ersticken. Die Regierung befürchtete eine Entwicklung wie im Nachbarland Ukraine, wo sich 2013 und 2014 Fußballfans und Hooligans aus rivalisierenden Gruppen bei den Protesten gegen den prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch verbündet hatten. Tausende Ultras errichteten damals Barrikaden auf Straßen, warfen Molotowcocktails und schützten Demonstrierende vor Schlägertrupps. Einige hundert Fans und Hooligans schlossen sich später dem ukrainischen Militär an und zogen gegen den prorussischen Separatismus in den Krieg.

Tot im Wald gefunden

"Das war eine Warnung für Lukaschenko", sagt Ingo Petz, Gründer des Berliner Bündnisses Fankurve Ost. "Die Mobilisierungskraft der Ultras lässt sich schwerer kontrollieren als so manche zivilgesellschaftliche Organisation. Also ließ das Regime große Fangruppen wie die von Dinamo Minsk systematisch zerschlagen." Viele Ultras erhielten Besuch vom Geheimdienst, einige ihrer Anführer mussten nach Schauprozessen für Jahre in Haft. Vor der Präsidentschaftswahl 2020 wurden Dutzende Ultras festgenommen und erst Wochen später wieder freigelassen. An den Protesten nach der Wahl waren Ultras beteiligt, sie traten aber nicht in Gruppen und nicht mit ihren Symbolen auf, denn sie waren gewarnt: Mitte August 2020 wurde der 28-jährige Ultra Nikita Kriwzow aus der Kleinstadt Maladsetschna tot in einem Wald gefunden. Die Polizei behauptete, er habe Suizid begangen, doch nach Angaben seiner Freunde wurde er nach einer Demonstration zu Tode geprügelt. Einige Spieler nahmen an ­einer Trauerfeier für Kriwzow in Maladsetschna teil, Fans sammelten Spenden für seine Familie und postierten sich vor Gefängnissen und machten Inhaftierten mit Gesängen Mut. ­Vonseiten der einflussreichen Sportfunktionär_innen gab es keinerlei Beileidsbekundung.

Aktivismus im Sport

Belarus ist ein prominentes, aber nicht das einzige Beispiel für Aktivismus im Sport. Fußballfans erhoben sich auch in anderen Ländern gegen Autokraten, so zum Beispiel beim Arabischen Frühling 2011 in Ägypten, bei den Gezi-Protesten 2013 in Istanbul und vor Kurzem in Kolumbien. In den USA stellten sich die Basketballerinnen von Atlanta Dream gegen Kelly Loeffler, eine Miteigentümerin ihres Klubs und Anhängerin von Donald Trump. Im Libanon rief der Basketballer Fadi El Khatib zu Protesten gegen Korruption auf. Der Schwimmer Win Htet Oo aus Myanmar nahm aus Protest gegen den Militärputsch nicht an den Olympischen Spielen in Tokio teil, mittlerweile lebt er in Australien. In Großbritannien machen schwarze Fußballer_innen, Trainer_innen und Medienschaffende im Netzwerk "Football Black List" auf strukturellen Rassismus aufmerksam. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

"Viele Athletinnen und Athleten gehen über das Symbolische hinaus", sagt Jules Boykoff, Autor des Buches "Power Games" über die politische Geschichte der Olympischen Spiele. "In unterschiedlichen Regionen der Welt arbeiten Sportlerinnen und Sportler mit Menschenrechtsorganisationen zusammen." Viele Nichtregierungsorganisationen rücken inzwischen den Sport mit Kampagnen in den Mittelpunkt. Doch gibt es auch Rückschläge. So wurde im September 2020 der iranische Ringer Navid Afkari hingerichtet. Er soll bei Protesten im Jahr 2018 einen regierungstreuen Milizionär getötet haben, sein Geständnis könnte jedoch unter Folter erzwungen worden sein. Der Tod ­Afkaris löste eine internationale Solidaritätswelle aus. Jules ­Boykoff hofft, dass daraus weitere Bündnisse des Sports gegen Menschenrechtsverletzungen entstehen.

Keine politischen Äußerungen bei Siegerehrungen

Auch die internationalen Sportverbände reagieren manchmal. Lange hatte Regel 50 der Olympischen Charta politische Botschaften im Umfeld der Wettkämpfe untersagt. "Die Regel steht jedoch im Widerspruch zu Artikel 19 der UN-Menschenrechtserklärung, die das Recht auf freie Meinungsäußerung ­betont", sagt Boykoff. Für die Olympischen Spiele in Tokio pass­te das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Regel 50 an. Sportler_innen dürfen sich seither bei Teambesprechungen, Pressekonferenzen oder vor Wettkämpfen politisch äußern – nicht aber bei Siegerehrungen oder im olympischen Dorf.

Experten wie Jules Boykoff halten die Menschenrechtsdebatten der Sportverbände dennoch für Heuchelei. Seit Ende des 19. Jahrhunderts, als die Olympischen Spiele ins Leben gerufen wurden, haben die Funktionär_innen immer mit Diktaturen zusammengearbeitet. Derzeit öffnet sich das IOC – ebenso wie die Fußballverbände Fifa und Uefa – für chinesisches Sponsoring. Die Olympischen Winterspiele sollen 2022 in Peking stattfinden, doch zur Verfolgung der Uigur_innen findet das IOC bislang ­keine angemessenen Worte.

Als 2019 in Minsk die Europaspiele stattfanden, ehrte das ­Europäische Olympische Komitee Lukaschenko für seinen "herausragenden Beitrag zur olympischen Bewegung". Und im vergangenen Jahr bedurfte es monatelangen öffentlichen Drucks, bevor die Internationale Eishockey-Föderation Minsk die WM für 2021 entzog.

Welche Möglichkeiten bleiben, um die Zivilgesellschaft in Belarus zu unterstützen? Die Fankurve Ost bringt seit 2014 Fans, Aktivist_innen und Medienschaffende aus Belarus, der Ukraine, Russland und Deutschland zusammen. "Mit dem emotionalen Thema Fußball bringen wir jungen Menschen, die noch nicht in den zivilgesellschaftlichen Filterblasen unterwegs sind, politische Themen näher", sagt Ingo Petz, Gründer der Initiative.

In Minsk selbst gibt es kaum noch kritische Sportplattformen. Eine der wenigen bietet der privat finanzierte Fußballklub FC Krumkachy. Dessen Spieler trugen nach der Präsidentschaftswahl weiße T-Shirts mit dem Schriftzug: "Wir sind gegen Gewalt". Mehrfach wurden Spieler inhaftiert und schikaniert. ­Dennoch richtete der Klub eine App ein, mit der sich Fans und Mitglieder basisdemokratisch am Vereinsleben beteiligen können. Die Behörden drohen bereits mit einer Sperrung der App, weil sie dahinter eine "Verschwörung gegen den Staat" vermuten.

Ronny Blaschke ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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