Artikel 25: Recht auf Wohlfahrt

Wandbild einer Frau, die an einer Schnur zieht, die eine polnische Flagge zusammenhält

Die Superfrau, die alles darf und alles muss. Wandbild des italienischen Künstlers Maupal in Poznań.

1. Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen gewährleistet, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität, Verwitwung oder Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände.

2. Mütter und Kinder haben Anspruch auf besondere Fürsorge und Unterstützung. Alle Kinder, eheliche wie außereheliche, genießen den gleichen sozialen Schutz.

Polen sucht die Superfrau

Die Protestbewegung gegen die konservative Familienpolitik der Regierung in Warschau ist feministisch – und sozial. Vor allem alleinerziehende Mütter und Renterinnen brauchen mehr Unterstützung.

Von Hannah El-Hitami (Text) und Jarek Godlewski (Fotos), Poznań

Etwa hundert Menschen drängen sich zusammen auf dem schmalen Bürgersteig vor dem Krankenhaus der Verklärung des Herrn in Poznań, fast alle sind Frauen, der Platz ist eng. Die drückende Hitze an diesem heißen Sommertag wird sich später in einem heftigen Gewitter entladen. "Wir lassen uns nicht diskriminieren", rufen die ­Mitarbeiterinnen des Krankenhauses. Und: "Soll der Vorstand doch mal für 2.000 Złoty ackern!" Auf den Bannern der De­monstrierenden ist eine schwarze Katze abgebildet, die faucht, sich sträubt und einen Buckel macht – das Logo der "Gesamt­polnischen Gewerkschaft Arbeiterinitiative" (OZZIP).

Faire Löhne, kürzere Arbeitszeiten, solche Forderungen betreffen alle Angestellten. Doch im polnischen Arbeitskampf stecken auch feministische Forderungen, sagt Beata Czajeczna, die eben bei der Kundgebung gesprochen hat. Sie trägt ein schwarzes Kleid und etwas wackelige dünne Absätze. "Zu den Aufgaben der Frau gehört es, dass sie morgens die Kinder fertig macht, sie zur Schule bringt, später abholt und sie noch zu Freizeitaktivitäten begleitet", so die Buchhalterin, die seit dem Frühjahr die Gewerkschaftsgruppe des Krankenhauses leitet. "Für eine allein­erziehende Mutter wie mich oder einige meiner Kolleginnen ist eine unbefristete Anstellung sehr wichtig. Genau deshalb arbeiten wir im Krankenhaus für einen mickrigen Lohn und nicht in einer großen Firma mit unregelmäßigen Arbeitszeiten."

Porträt einer Frau vor einem Haus

Feminismus im Arbeitskampf. Buchhalterin Beata Czajeczna.

Czajeczna weiß, wovon sie spricht. Vor drei Jahren kam sie mit ihrem heute elfjährigen Sohn wegen der niedrigen Arbeitslosigkeit nach Poznań. Zu ihrem Ex-Mann hat sie keinen Kontakt mehr. Den Unterhalt von umgerechnet etwa 70 Euro im Monat zahle er unregelmäßig. So ist die 40-Jährige noch immer auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen.

Der Protest vor dem Krankenhaus ist klein und nach zwanzig Minuten vorbei. Nicht so wie der Schwarze Protest, der im Oktober 2016 und zuletzt im März 2018 Zehntausende Frauen auf den Straßen des Landes versammelt hat. Mit den Massenprotesten gegen das Abtreibungsverbot haben die Polinnen weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt – und dafür, dass das ­ohnehin schon restriktive Abtreibungsgesetz ihres Landes nicht weiter verschärft wurde. 

"Bei dem Schwarzen Protest ging es um junge Frauen, die prekäre Arbeitsverträge haben, die seit Jahren für nichts arbeiten und die es satt haben, dass Politiker ihnen vorschreiben, Kinder zu bekommen, wenn sie sich das nicht leisten können", sagt Agnieszka Mróz, die sich in Poznań seit zehn Jahren in der Gewerkschaft engagiert und dieser einen feministischen Anstrich verpasst hat. Wie frei Frauen über ihre Schwangerschaft entscheiden dürfen, sagt viel über ihre Stellung in einer Gesellschaft aus – und hängt für Mróz darum auch mit Niedriglöhnen und Wohnungsnot zusammen.

"Für mich war das von Anfang an ein proletarischer Protest", sagt sie am Abend nach der Kundgebung. Es ist inzwischen dunkel geworden, der Regen hat nachgelassen. Mróz spricht atemlos und lässt Satzenden oft in der Luft hängen, ­während sie nachdenkt, ob sie noch mehr sagen soll. "Ich bin seit vier Uhr morgens wach wegen meiner Schicht", sagt sie ­entschuldigend. Die 34-Jährige arbeitet bei Amazon. Der Konzern betreibt ein Logistikzentrum in der Nähe von Poznań, die Arbeiterinnen und Arbeiter verdienen umgerechnet rund vier Euro pro Stunde. "Frauen sind doppelt belastet durch die un­bezahlte Arbeit zu Hause und die sehr schlecht bezahlte am ­Arbeitsplatz", sagt sie. "Sie haben es satt, alles in Kauf zu nehmen, nur um ein Kind zu haben."

Eine Frau mit Brille hält eine Zeitung in die Kamera

Frauenthemen ganz vorne. Gewerkschafterin Agnieszka Mróz.

Mróz hat ihr rotes Haar zu einem schlichten Zopf zusammengebunden und trägt eine eckige gerahmte Brille. Sie selbst hat keine Kinder. "Vielleicht wegen meines Aktivismus", sagt sie lachend. "Wir haben eine der niedrigsten Geburtenraten Europas, denn die Frauen weigern sich, unter diesen Bedingungen Kinder zu bekommen." 

Mit dem Ende der Sozialistischen Volksrepublik 1989 ist die Zahl der öffentlichen Kindergärten in Polen dramatisch gesunken. Seit die PiS 2015 die Regierung übernahm, gibt es zwar mehr Geld vom Staat für Familien mit Kindern. Wo jedoch staatliche Einrichtungen fast vollständig fehlen, führt das dazu, dass Frauen eher zu Hause bleiben und Kinder bekommen als weiter für sehr wenig Geld und mit unsicheren Verträgen zu arbeiten. Etwa 55.000 Frauen haben sich deshalb seit Einführung der ­Förderprogramme 2016 vom Arbeitsmarkt zurückgezogen. Damit machen sie sich finanziell von ihren Ehemännern abhängig, was schwere Folgen haben kann. "Im Fall von Gewalt in der Ehe sind es oft die Frauen, die die Wohnungen verlassen müssen", erklärt Renata Bernas. "Der Gewalttäter darf dort wohnen bleiben." 

Bernas kennt viele solcher Fälle. Die 53-Jährige betreut in Poznań sieben Wohnungen, in denen Frauen unterkommen, die obdachlos geworden sind; sei es aufgrund einer Ehekrise oder weil sie als Rentnerinnen verarmt sind. In einem gelben Altbau nördlich des Zentrums liegt eine dieser Wohnungen. Darin wohnen drei Generationen von Frauen zusammen: zwei Rentnerinnen und eine Mutter mit ihren beiden kleinen Töchtern, die zuvor im Obdachlosenheim schlafen mussten. Drei Zimmer gehen vom Eingangsbereich ab. Hin und wieder hört man nackte Füße über den langen dunklen Flur tapsen, der zu den Gemeinschaftsräumen führt.

Porträt einer Frau mit einem roten Schal

Scharfe Kritik am Frauenbild. Mietrechtsaktivistin Renata Bernas.

Bronisława N.* war eine der ersten Frauen, die hier einzog. Die Rentnerin lebte zuvor in einer Wohnung mit Ratten, die so feucht war, dass die Möbel auseinanderfielen. Dafür zahlte sie umgerechnet rund 250 Euro im Monat. Nur 20 Euro ihrer Rente blieben ihr zum Leben, obwohl sie vierzig Jahre lang gearbeitet hatte. Als die Frau Schulden anhäufte und die Miete nicht mehr bezahlen konnte, wurde sie aus ihrer Wohnung geworfen. 

Die 79-Jährige hat dicke Tränensäcke unter den Augen. Ihr Zimmer in der Unterkunft ist schlicht eingerichtet, ein Bett, ein Tisch, ein Fernseher. Die Wände sind kahl, auf dem Fensterbrett stehen leere Bilderrahmen in Engelform. Eine Schachtel extradünner Zigaretten liegt auf der Kommode neben einem Stück Butter und einer Schale Johannisbeeren. "Wir werden so erzogen, dass wir zur kompletten Selbstaufgabe bereit sind", sagt ­Renata Bernas. "Wir sollen alles für die Familie opfern, da gibt es keinen Platz für die eigenen Wünsche." Sie weist in Richtung der Zimmer der alten Frauen. "So endet der Mythos der Matka Polka in der Praxis."

Die Matka Polka – die Mutter Polin – wird oft in Zusammenhang mit dem polnischen Frauenbild genannt, aus dem sich die Demonstrantinnen des Schwarzen Protests befreien wollen. Der Mythos der Matka Polka entstand während der 120-jährigen Teilung Polens vor dem Ersten Weltkrieg. Die Männer waren oft in Aufstände gegen die Besatzungsmächte Österreich, Preußen und Russland verwickelt. Die Frauen blieben zu Hause und waren allein für die Kinder und den Fortbestand der polnischen Kultur und Sprache zuständig. Das Überleben der Nation lag ­damit in den Händen der Frauen, die dafür "erziehen, kämpfen, sorgen, leiden, aufopfern" sollten, schreibt die Soziologin Gesine Fuchs in ihrem Buch "Die Zivilgesellschaft mitgestalten". 

Im Sozialismus entwickelte sich das Bild der Matka Polka durch die Konkurrenz zwischen der katholischen Kirche und der sozialistischen Politik weiter. Das traditionelle, christliche Bild der Frau als Mutter und Haushälterin stand neben dem ­sozialistischen Ideal der starken Frau auf dem Arbeitsmarkt, in Berufen, die bisher Männern vorbehalten waren. Frauen, die sich beiden Wertesystemen verbunden fühlten, mutierten zu ­einer Art Superfrau, die zwar alles darf, aber auch alles muss.

Männer und Frauen stehen mit Schildern und Trommeln vor einem Gebäude

Gemeinsam sind sie stark. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krankenhauses der Verklärung des Herrn im Juli 2018 in Poznań.

"Die Matka Polka ist eine Frau, die immer auf dem Sprung ist, die vollkommen überarbeitet ist und die für nichts anderes mehr Zeit hat als für die Arbeit, den Haushalt und die Familie", sagt Renata Bernas, ihre Stimme ist so ruhig, dass die Schärfe der Worte überrascht. Sie kümmert sich um die Frauen, die alles verloren haben: Arbeit, Haushalt und Familie. Hier in der Unterkunft sollen sie die Ruhe bekommen, um sich zu sammeln, finanziell, aber auch psychisch. Manchmal gehen Bernas und ihre Mitstreiterinnen direkt in die Wohnungen von Frauen, denen der Rauswurf droht, und blockieren diesen mit der Macht ihrer Masse. 

Bernas, die Mietrechtsaktivistin, und Mróz, die Gewerkschafterin, sind nicht einfach nur Freundinnen. Für sie sind das Recht auf Wohnraum, faire Löhne und die Gleichberechtigung von Frauen ein großes gemeinsames Projekt. Bei Protesten und Blockaden unterstützen sie einander. "Wir müssen immer an die denken, die weniger Macht haben als wir selber", sagt Mróz. Feminismus bedeute für sie, die Perspektive der Marginalisierten einzunehmen. "Wir sind genervt von den Feministinnen, die von Abtreibung nur im Kontext von freier Entscheidung sprechen, losgelöst vom sozialen Kontext."

* Name von der Redaktion geändert.

Dieser Text erschien zunächst im Amnesty Journal 10/2018.

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