Pressemitteilung Aktuell Äthiopien 16. Februar 2022

Äthiopien: Kämpfer der "Volksbefreiungsfront von Tigray" morden, vergewaltigen und plündern

Das Bild zeigt mehrere Frauen und ein Kind, die am Boden in einem Haus sitzen.

Kämpfer der "Volksbefreiungsfront von Tigray" (TPLF) haben in der nordäthiopischen Region Amhara dutzende Menschen gezielt getötet und sowohl privates als auch öffentliches Eigentum geplündert. Außerdem fielen dutzende Frauen und Mädchen – einige von ihnen erst 14 Jahre alt – Massenvergewaltigungen zum Opfer. Dies geht aus einem neuen Bericht von Amnesty International hervor.

Die in dem Bericht "Ethiopia: Summary killings, rape and looting by tigrayan forces in Amhara" dokumentierten Gräueltaten verübte die TPLF Ende August und Anfang September 2021 in und um Chenna und Kobo in Amhara. Im Juli hatte die TPLF die Kontrolle über diese Gebiete übernommen. Die Angreifer gingen mit äußerster Brutalität vor. Häufig bedrohten sie die Betroffenen mit dem Tod, sie beschimpften sie rassistisch und erniedrigten sie. Das Vorgehen der TPLF-Kämpfer gegen die Zivilbevölkerung in Kobo ist als Vergeltungsmaßnahme für den zunehmenden Widerstand durch örtliche Milizen und bewaffnete Einwohner_innen gegen die TPLF zu sehen. 

Franziska Ulm-Düsterhöft, Afrika-Expertin bei Amnesty International in Deutschland, sagt: "Die tigrayischen Kräfte haben die grundlegenden Regeln des humanitären Völkerrechts missachtet, die alle Konfliktparteien befolgen müssen. Es gibt immer mehr Belege dafür, dass die TPLF-Kämpfer seit Juli 2021 in den von ihnen kontrollierten Gebieten in der Amhara-Region Kriegsverbrechen und möglicherweise Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen. Dazu gehören zahlreiche Vergewaltigungen, Hinrichtungen im Schnellverfahren und Plünderungen – sogar von Krankenhäusern. Die TPLF-Führung muss diesen Gräueltaten sofort ein Ende setzen und alle Personen aus ihren Reihen entfernen, die im Verdacht stehen, an solchen Verbrechen beteiligt gewesen zu sein."

Kobo: Rechtswidrige Tötungen

In Kobo, einer Stadt im Nordosten der Amhara-Region, töteten tigrayische Kämpfer vorsätzlich unbewaffnete Zivilist_innen – offenbar aus Rache für eigene Verluste, die ihnen zuvor Amhara-Milizen und bewaffnete Bauern zugefügt hatten. Amnesty International befragte 27 Zeug_innen und Überlebende des Angriffs, darunter auch einige, die beim Bergen und Begraben der Getöteten geholfen hatten.

Sie berichteten, wie TPLF-Kämpfer am Nachmittag des 9. September 2021 ihre Verwandten und Nachbar_innen vor deren Häusern getötet haben. Später haben sie die Toten auf dem Gelände der St. George's Church und der St. Michael's Church begraben. Eine Analyse von Satellitenbildern der besagten Orte durch das Crisis Evidence Lab von Amnesty International bestätigt diese Angaben. Auf den Bildern sind Spuren von neu angelegten Grabstätten zu erkennen.

Die vorsätzliche Tötung von Zivilist_innen – oder von gefangenen, sich ergebenden oder verwundeten Kämpfer_innen – stellt ein Kriegsverbrechen und möglicherweise ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. 

Das Bild zeigt mehrere Steingräber

Im September 2021 wurden Dutzende Menschen in der Stadt Kobo in der äthiopischen Region Amhara von Kämpfern der "Volksbefreiungsfront von Tigray" (TFLP) getötet.

Chenna: Sexualisierte Gewalt

Das Dorf Chenna liegt nördlich von Bahir Dar, der Hauptstadt der Amhara-Region. Dort vergewaltigten TPLF-Kämpfer ab Juli 2021 dutzende Frauen und Mädchen, einige von ihnen waren erst 14 Jahre alt. Häufig drangen sie in die Häuser ihrer Opfer ein. 

Amnesty International hat bereits ähnliche Muster von Vergewaltigungen an Frauen und Mädchen aus Amhara durch tigrayische Kämpfer in Nifas Mewcha dokumentiert. Auch aus anderen Gebieten der Amhara-Region erhielt Amnesty International glaubwürdige Berichte über Vergewaltigungen. Solche Gräueltaten stellen Kriegsverbrechen und möglicherweise auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.  

Plünderungen ziviler Einrichtungen

Sowohl in Kobo als auch in der Region Chenna berichteten die Bewohner_innen Amnesty International, dass TPLF-Kämpfer Hab und Gut aus ihren Häusern und Geschäften gestohlen haben. Auch öffentliches Eigentum, einschließlich medizinischer Einrichtungen und Schulen, wurden geplündert und verwüstet. 

Hintergrundinformationen

Der Konflikt in Tigray begann im November 2020. Seit Juli 2021 breitet er sich auch in anderen Regionen in Nordäthiopien aus. Amnesty International hat zahlreiche Menschenrechtsverletzungen durch alle Konfliktparteien dokumentiert. Dazu gehören Massaker, außergerichtliche Hinrichtungen und andere rechtswidrige Tötungen, sexualisierte und andere geschlechtsspezifische Gewalt sowie willkürliche Inhaftierungen durch äthiopische Regierungstruppen und verbündete Milizen sowie durch eritreische Streitkräfte, die an ihrer Seite agieren. 

Weitere Artikel