Pressemitteilung Aktuell Äthiopien 11. August 2021

Äthiopien: Frauen und Mädchen im Tigray-Konflikt entführt und vergewaltigt

Das Bild zeigt im Vordergrund eine Frau, die an einem total zerstörten Gebäude vorbeiläuft

Ein durch Beschuss zerstörtes Haus in der Stadt Wukro im Osten der nordäthiopischen Region Tigray am 1. März 2021. Die Stadt wurde in den vergangenen Monaten immer wieder von äthiopischen und eritreischen Truppen angegriffen.

In einem neuen Bericht dokumentiert Amnesty International die weit verbreitete Anwendung sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen durch die äthiopischen Sicherheitskräfte und ihre Verbündeten in Tigray. Diese Verbrechen sind Kriegsverbrechen und mutmaßlich auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Der Bericht "'I Don't Know If They Realized I Was A Person': Rape and Other Sexual Violence in the Conflict in Tigray" zeigt auf, wie Angehörige der äthiopischen Streitkräfte, des eritreischen Militärs, der paramilitärischen Spezialpolizei der Region Amhara und der amharischen Miliz Fano in der Konfliktregion Tigray auf grausame Weise sexualisierte Gewalt an Frauen und Mädchen als Kriegswaffe einsetzen. Frauen und Mädchen wurden Opfer von Vergewaltigungen, Gruppenvergewaltigungen, sexueller Versklavung, Verstümmelung der Genitalien und anderen Formen der Folter.

Die Opfer wurden wiederholt gedemütigt, wobei sie häufig diskriminierende Beleidigungen mit ethnischem Bezug und Todesdrohungen erdulden mussten. Mehrere Überlebende gaben an, die Vergewaltiger hätten ihnen gesagt: "Das habt ihr verdient" und "Ihr seid widerlich". Frauen wurden vor Familienmitgliedern vergewaltigt, einschließlich Kindern. Einige Frauen waren zum Zeitpunkt der Vergewaltigung schwanger.

Franziska Ulm-Düsterhöft, Afrika-Expertin bei Amnesty International in Deutschland, sagt: "Das Ausmaß der Gewalt offenbart eine erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leben. Ziel der äthiopischen Streitkräfte und ihrer Verbündeten ist offenbar die gezielte Demütigung und Terrorisierung von Menschen tigrayischer Herkunft und die Zerstörung von Familien und Gemeinden." 

Die Bundesregierung und die internationale Gemeinschaft dürfen nicht länger schweigend zusehen. Sie müssen die äthiopische Regierung auffordern, den Krieg gegen die eigene Bevölkerung einzustellen.

Franziska
Ulm-Düsterhöft
Afrika-Expertin bei Amnesty International in Deutschland

Zwischen März und Juni 2021 sprach Amnesty International mit 63 Überlebenden von Vergewaltigung und anderer sexualisierter Gewalt. 15 davon befragte Amnesty International persönlich im Sudan und 48 über sichere Telefonleitungen. Die Menschenrechtsorganisation befragte zudem medizinisches Fachpersonal und humanitär Helfende, die in den Städten Shire und Adigrat sowie in Flüchtlingslagern im Sudan Überlebende behandeln oder unterstützen. 

Gesundheitseinrichtungen in Tigray registrierten 1.288 Fälle geschlechtsspezifischer Gewalt im Zeitraum von Februar bis April 2021. Das Krankenhaus von Adigrat verzeichnete 376 Vergewaltigungsfälle seit dem Ausbruch des Konflikts bis Juni 2021. Da viele Überlebende keine Gesundheitseinrichtungen aufsuchen, ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer viel höher ist. 

Die Überlebenden leiden unter erheblichen körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen. Viele klagen über anhaltende Blutungen, Rückenschmerzen, Mobilitätsverlust und Fisteln. Einige wurden nach der Vergewaltigung positiv auf HIV getestet. Schlaflosigkeit, Angstzustände und psychische Probleme sind bei Betroffenen und Familienmitgliedern, die Zeug_innen der Gewalt wurden, weit verbreitet.

Amnesty-Video zum Konflikt in der Region Tigray:

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Betroffene und Zeug_innen berichteten Amnesty International, dass sie nur begrenzte oder gar keine psychosoziale und medizinische Unterstützung erhalten hätten, seit sie in den Lagern für Binnenvertriebene in der Stadt Shire in Äthiopien oder in Flüchtlingslagern im Sudan angekommen seien. 

Medizinische Einrichtungen wurden im Konflikt zerstört. Der Personen- und Warenverkehr bleibt eingeschränkt, was den Zugang zu medizinischer Versorgung behindert. Aufgrund der begrenzten humanitären Hilfe mangelt es den Überlebenden an Nahrungsmitteln, Unterkünften und Kleidung.

"Die Bundesregierung und die internationale Gemeinschaft dürfen nicht länger schweigend zusehen. Sie müssen die äthiopische Regierung auffordern, den Krieg gegen die eigene Bevölkerung einzustellen und endlich Expert_innen und humanitären Organisationen vollen Zugang zur Region zu gewähren," fordert Ulm-Düsterhöft.

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