Aktuell Deutschland 01. März 2017

Samira B. - "Mit Kopftuch ist man schnell Zielscheibe"

Porträt-Zeichnung von Samira B. Mitglied beim Anti-Diskriminierungs­projekt "Nicht in meinem Namen"

Samira. B.

Die 20-jähirge Abiturientin Samira B. aus Solingen ist Mitglied beim Anti-Diskriminierungs­projekt "Nicht in meinem Namen".

"Meine Eltern hatten es mir überlassen, ob ich das Kopftuch ­trage. Vor einiger Zeit habe ich mich intensiv damit beschäftigt und entschieden: Ja, ich will. In der Schule hatte ich niemandem davon erzählt, ich kam einfach damit an. Meine Freunde reagierten super, freuten sich für mich und fragten erst Wochen später, warum ich mich so entschieden hatte. Die Lehrer waren skeptisch. Einer sagte, wir hätten doch keinen Karneval.

Meine Entscheidung für das Kopftuch fiel in eine Zeit, in der sich in Deutschland der Umgangston gegenüber 'Fremden' verschärfte. Kurz nach dem Anschlag auf 'Charlie Hebdo' wurden meiner Mutter auf offener Straße Prügel angedroht. Seitdem wird es immer schlimmer. Mit Kopftuch ist man schnell Zielscheibe. Für mich ist es ein positives Symbol, durch das ich ein neues Körpergefühl und mehr Selbstbewusstsein bekommen habe. Doch nach außen erscheint es vielen als Provokation.

Die Kinder, mit denen ich beim Bundesfreiwilligendienst in einer Schule arbeite, gehen alle ganz selbstverständlich mit mir um. Es sind die Eltern, die Probleme haben. Kürzlich haben Eltern, mit denen die Sozialarbeiterin und ich zu einem Gespräch verabredet waren, vorab geschrieben, wie problematisch sie meine Anwesenheit an der Schule finden und gefragt, wie eine kopftuchtragende Muslima Vorbild für ihre Kinder sein könne. Leider hatte mich niemand zuvor darüber informiert. Eine Stunde saß ich mit dem Vater im Raum, der mich keines Blickes würdigte und mir zum Abschluss nicht einmal die Hand gab.

Es wird viel darüber gesprochen, dass Muslima deutschen Männern nicht die Hand geben dürfen. Anscheinend ist es genau andersrum. Der Vorfall hat mich auch deshalb sehr verletzt, weil er von den Mitarbeitern der Schule kaum ernstgenommen wurde. "Warum hast Du ihm nicht selbst die Hand gegeben?", haben sie gefragt. Das fand ich scheinheilig. Mit offener, aggressiver Diskriminierung kann ich besser umgehen: Ich schreite ein und wenn mein Gegenüber aggressiv wird, gehe ich. Gesprächsbereit scheinen gegenwärtig nicht mehr viele. Es interessiert sie nicht, dass so viele wie ich mit ihren Familien in zweiter, dritter oder vierter Generation in Deutschland leben; dass meine marokkanische Mutter bereits als Kind hierher kam. Und dass die Aggressionen, die uns entgegenschlagen, das Klima nachhaltig vergiften können. Ich möchte Sozialarbeiterin werden - weil ich das Gefühl habe, dass junge Menschen uns noch viel genauer zuhören: Egal wie wir aussehen."

*Name geändert

Protokoll: Elisabeth Wellershaus

Weitere Videos und Texte aus der Serie "Alltagsrassismus protokolliert" gibt es auf www.amnesty.de/alltagsrassismus-protokolliert

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