Aktuell Chile 08. Juli 2016

Mord an Victor Jara: Gerechtigkeit nach mehr als 40 Jahren

Mord an Victor Jara: Gerechtigkeit nach mehr als 40 Jahren

Fotoausstellung anlässlich des 40. Jahrestages des Militärputsches in Chile am 11. September 2013 in London

13. Juli 2016 – Der chilenische Musiker und Aktivist Victor Jara wurde 1973 während des Pinochet-Putsches von Soldaten erschossen. Vier Jahrzehnte lang blieb die Tat ungesühnt, doch nun wurde der ehemalige Leutnant Pedro Pablo Barrientos Núñez für das Verbrechen verurteilt. Er war einer der kommandierenden Offiziere, die Tausende Menschen im Stadion von Santiago foltern und zum Teil töten ließen.

Von Sara Fremberg, Pressesprecherin bei Amnesty International in Deutschland

Nachdem die chilenischen Streitkräfte am 11. September 1973 unter Führung von General Augusto Pinochet gegen die seit 1970 regierende sozialistische Regierung von Präsident Salvador Allende geputscht haben, verhaften und verschleppen Soldaten und Polizisten Tausende tatsächliche und vermeintliche Anhängerinnen und Anhänger und Mitglieder von Regierung, Linksparteien und Gewerkschaften – so auch den Musiker Victor Jara.

Er hat den Aufstieg der "Unidad Popular", des von Allende geführten linken Parteibündnisses, seit der Gründung 1969 öffentlich mit seiner Musik begleitet und ist selbst Mitglied der Kommunistischen Partei Chiles. Er singt von der Armut des Volkes und den ungerechten Lebensbedingungen insbesondere auf dem Land. Er fordert Demokratie und Menschenrechte und ruft die Menschen dazu auf, gemeinsam dafür einzutreten.

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Mit seiner Musik ist er gleichzeitig einer der berühmtesten Vertreter der "Nueva Canción". Diese Musikrichtung erobert seit den 1950er und 1960er Jahren nach und nach ganz Lateinamerika. Sozialkritische politische Texte werden mit folkloristische Melodien und Liedformen vertont, insbesondere denen der chilenischen Cueca.

Am 12. September 1973 wird Victor Jara verhaftet und gemeinsam mit anderen in das Stadion "Estadio Chile" gebracht, das seit 2003 nach ihm benannt ist. Als die Soldaten erkennen, wen sie in ihrer Gewalt haben, zertrümmern sie dem Gitarristen seine Hände.

Augenzeugen berichten, die Militärs hätten Jara danach verhöhnt und angeschrien: "Jetzt sing doch, wenn Du kannst, du Schwein". Dieser habe daraufhin angesetzt, die Hymne der "Unidad Popular" zu singen, deren Text er selbst verfasst hatte. Dann sei er erschossen worden. Bis heute konnte nicht ganz geklärt werden, was damals geschah. Sicher ist, dass der Offizier Pedro Pablo Barrientos Núñez eine entscheidende Rolle gespielt hat und die Folter und den Mord an Jara angeordnet, wenn nicht sogar selbst den tödlichen Schuss abgegeben hat. Neben schweren Folterspuren weist die Leiche bei der Obduktion insgesamt 44 Schusswunden auf.

Auch andere Musikerinnen und Musiker und Anhängerinnen und Anhänger der Nueva-Canción-Bewegung werden verfolgt. Wie in vielen Militärdiktaturen Lateinamerikas müssen auch in Chile viele von ihnen in den Untergrund gehen oder das Land verlassen – zusammen mit Hunderttausenden anderen politischen Oppositionellen.

Nach offiziellen Zahlen werden insgesamt mehr als 40.000 Menschen unter dem Pinochet-Regime aus politischen Gründen inhaftiert, gefoltert und ermordet. Amnesty International schickt bereits wenige Wochen nach dem Putsch eine Delegation von Ermittlerinnen und Ermittlern nach Chile, um Unterstützung für Einzelfälle zu bieten und Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. 1974 wird der erste Bericht über die Grausamkeiten des Pinochet-Regimes veröffentlicht. In den folgenden Jahrzehnten macht Amnesty immer wieder mit Berichten und Urgent Actions, aber auch mit öffentlichen Aktionen und Veranstaltungen auf die Menschenrechtssituation in Chile aufmerksam.

Während der "Human Rights Now!"-Tour führen Sting und andere international bekannte Musiker 1988 in Buenos Aires und anderen Städten weltweit Stings Song "They dance alone/Elas dancan solas (Cueca Solo)“ auf, der den Müttern der Verschwundenen gewidmet ist. In Chile hatten viele Mütter während der Diktatur regelmäßig mit Fotos ihrer "verschwundenen“ Ehemänner und Söhne für deren Rückkehr protestiert. Um den Militärs keinen Vorwand zur Verhaftung zu geben, tanzten sie dabei die Cueca.

Erst als Pinochet im März 1990 das Präsidentenamt abgibt, kann ein Konzert in Chile nachgeholt werden: Angehörige und insbesondere die Mütter von Verschwundenen tanzen auf der Bühne mit den Fotos ihrer Lieben und den Musikern auf der Bühne.

Seit dem Ende der Diktatur setzt sich Amnesty für ein Ende der Straflosigkeit in Chile ein und unterstützt unter anderem das Verfahren gegen Pinochet. Das 1978 noch während der Diktatur erlassene Amnestiegesetz schützt die für die Menschenrechtsverletzungen der Zeit zwischen dem 11. September 1973 und 10. März 1978 Verantwortlichen vor strafrechtlicher Verfolgung. Verhandlungen über diese Verbrechen sind nur vereinzelt auf Umwegen über Neuinterpretationen des Gesetzes oder Zivilprozesse möglich.

Amnesty-Researcher Javier Zuniga spricht über die Amnesty-Arbeit zu Chile:

Am 27. Juni 2016 wird Pedro Pablo Barrientos Núñez, der heute in den USA lebt, von einem Zivilgericht in Florida der Folter und extralegalen Hinrichtung Victor Jaras für schuldig befunden und zu einer Entschädigungszahlung in Höhe von 28 Millionen Dollar (rund 25,5 Millionen Euro) an die Familie des Musikers verurteilt. Die Menschenrechtsgruppe Zentrum für Gerechtigkeit und Rechenschaftspflicht (CJA) hatte die Klage im Namen der Familie Victor Jaras eingereicht. Barrientos Núñez war zwar bereits Jahre zuvor in Chile neben neun anderen Militärs wegen des Verbrechens angeklagt worden. Die chilenische Justiz hatte sich bislang jedoch vergeblich um seine Auslieferung bemüht.

Joan Jara, die Witwe des Sängers, die zur Urteilsverkündung mit ihren zwei Töchtern angereist war, begrüßt die Entscheidung: "Für Victor waren Kunst und soziale Gerechtigkeit ein und dasselbe. Heute gibt es ein stückweit Gerechtigkeit für seinen Tod, und für die Tausenden Familien in Chile, die für die Wahrheit kämpfen. Ich hoffe, dass das heutige Urteil zur Heilung beiträgt."

Es ist unwahrscheinlich, dass Jaras Familie viel Geld zu sehen bekommt, da Barrientos Núñez selbst in Armut lebt. Seine Auslieferung nach Chile ist durch das Urteil jedoch wieder ein Stück wahrscheinlicher geworden.

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