Aktuell Mexiko 14. August 2014

Tlachinollan: In der Gemeinschaft Gerechtigkeit schaffen

Das mexikanische Menschenrechtszentrum Tlachinollan zählt zu den am wirkungsvollsten arbeitenden Einrichtungen des Landes.

Das mexikanische Menschenrechtszentrum Tlachinollan zählt zu den am wirkungsvollsten arbeitenden Einrichtungen des Landes.

14. August 2014 - Tlachinollan, das mexikanische Menschenrechtszentrum in der Montaña (Bergregion) im Bundesstaat Guerrero, zählt zu den am wirkungsvollsten arbeitenden Einrichtungen des Landes. 2011 wurde diesem Zentrum und seinem Direktor, Abel Barrera Hernández, der 6. Menschenrechtspreis von Amnesty Deutschland verliehen. Aus Anlass des 20-jährigen Bestehens von 'Tlachinollan' schrieb der bekannte mexikanische Journalist und Buchautor Luis Hernández Navarro in der Tageszeitung La Jornada eine Würdigung, die wir nachstehend in deutscher Übersetzung wiedergeben. Abel Barrera wird im November 2014 erneut Deutschland besuchen.

Von Luis Hernández Navarro

Ein riesiges Transparent mit dem Bild von Nestora Salgado García – der Anführerin der Gemeindepolizei von Olinalá, die zu Unrecht im Hochsicherheitsgefängnis in Tepic inhaftiert ist – fordert ihre Freilassung. Dahinter ein weiteres von der Gemeindepolizei CRAC-PC mit der Aufschrift "Casa de Justicia – Zuerst das Vaterland". Beide gehören zu den Demonstrationen in Tlapa (Bundesstaat Guerrero) anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Menschenrechtszentrums 'Tlachinollan'.

3.000 Indigene aus der Montaña, der Bergregion von Guerrero waren angereist. Sie gehören zu den Völkern der me’phaa, na savi, nauas und ñomndaa. Sie kamen aus 185 Ortschaften, die zu 13 Gemeinden gehören. In ihrer Begleitung fünf Musikkapellen, die für den Kampf der Gemeinden charakteristisch sind. Sie forderten Freiheit für die inhaftierten Gemeindepolizisten, die Austeilung von Saatgut, den Bau fester Fahrwege und den Wiederaufbau von 20 Dörfern, die 2013 durch die Tropenstürme Ingrid und Manuel stark in Mitleidenschaft gezogen worden waren.

Die indigene Demonstration vom 26. Juli in Tlapa zählt zu den ungewöhnlichen Ereignissen in der Welt der Organisationen zur Verteidigung der Menschenrechte und zivilgesellschaftlicher Einrichtungen zur Entwicklungsförderung vor Ort. Den allermeisten Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Lande mangelt es sowohl an Mobilisierungskapazität als auch an guten Verbindungen zu den Gemeinden. Tlachinollan bildet in dieser Hinsicht die große Ausnahme.

Im Allgemeinen agieren die NGOs im Namen der Gemeinden ohne deren Zustimmung. Sie beantragen bei Stiftungen und Regierungen Mittel in Vertretung der Basisorganisationen, ohne dass diese sie darum gebeten haben; sie vertreten sie in Foren und öffentlichen Räumen ohne ein Mandat; sie bemühen sich, im Interesse der Landbevölkerung Verhandlungen zu führen, ohne die Basis befragt zu haben. So funktioniert Tlachinollan nicht. So haben sie nie gehandelt.

Hierzulande häufen sich die Fälle von NGOs, die das N verloren haben. Sie haben sich in Quasi-Regierungsorganisationen verwandelt. Sie verwalten Projekte von Regierungen, beschaffen und platzieren Ressourcen, während sie wie Helfershelfer politischer Verwaltungen agieren. Ihre Manager treten wie Nichtregierungsakteure auf, aber allzu häufig verwandeln sie sich in staatliche Funktionäre, ohne darüber Rechenschaft abzulegen. Tlachinollan tut das nicht.

NGOs passen ihre Arbeit häufig den finanziellen Vorgaben internationaler Stiftungen an. Wenn Gender-Projekte modern sind und es dafür Geld gibt sie anzustoßen, werden sie feministisch. Wenn es um das Thema der globalen Erwärmung geht, werden sie zu Umweltschützern; wenn Geld für die Förderung von Klein- und Mittelbetrieben in Aussicht steht, fördern sie die Bildung von Revolving-Fonds und die Weiterbildung in betrieblicher Führung für bestimmte Ziele. Zu diesen NGOs hat Tlachinollan nie gezählt.

Tlachinollan wurde 1994 – also vor nunmehr 20 Jahren – von dem Anthropologen Abel Barrera und einer Gruppe von Aktivisten und Forschern mit dem Ziel gegründet, den indigenen Völkern in der Montaña zu dienen. Die kraftvollen Demonstrationen indigenen Widerstands, ausgelöst durch die 500 Jahrfeiern, waren in Guerrero noch frisch. Ursprünglich ging es darum, die Haftbedingungen von Indigenen in Tlapa zu dokumentieren.

"In den frühen Jahren", so wurde bei Tlachinollan wiederholt erzählt, "hatten wir außer unserer Anwesenheit und unserer Solidarität nichts zu bieten. Aus den Begegnungen im Gefängnis von Tlapa grub sich uns der unauslöschliche Satz ins Gedächtnis 'An diesem verdammten Ort, wo Trauer herrscht und kein Delikt bestraft wird, sondern nur die Armut'".

Ursprünglich konzentrierte sich der Aktionsradius auf die Montaña von Guerrero, wo der Anteil der indigenen Bevölkerung ca. 85% beträgt, wo zehn von 100 Gemeinden des Bundesstaates zu den am niedrigsten entwickelten in ganz Mexiko zählen. Wo es aber auch sehr wichtige Erfahrungen ländlichen und indigenen Widerstandes in Bezug auf die Kommerzialisierung von Kaffee, die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln, den Kampf um Demokratie auf kommunaler Ebene, um Wegebau und staatliche Dienstleistungen gibt.

Abel Barrera, Tlachinollans Präsident, ist für seinen Einsatz für die Verteidigung der Menschenrechte international geehrt worden, so z. B. von Amnesty International in Deutschland, vom Menschenrechtszentrum Robert F. Kennedy, von La Latina und der MacArthur-Stiftung, um nur einige zu nennen. In Tlapa geboren, verbrachte er mehrere Jahre mit dem Studium der Theologie und wollte zunächst Priester werden. Danach studierte er Anthropologie. Schließlich kehrte er nach Tlapa zurück, um sich voll und ganz in das Abenteuer zu stürzen, die indigenen Völker seiner Heimatregion in ihrem Kampf um Autonomie zu unterstützen.

Sehr bald wurde klar, dass die Initiatoren des Projekts weitergehen mussten, als nur eine Dokumentation über Menschenrechte anzulegen. Sie widmeten sich vermehrt juristischer Beratung und der Menschenrechtsbildung.

"Als wir anfingen, uns über das Ausmaß an Gewalt seitens staatlicher Stellen klar zu werden", erzählt Abel Barrera, "fingen wir an zu verstehen, wie schwierig es ist, schutzlos, in Armut und Diskriminierung zu leben. Es war der Moment, wo wir verstanden, was es mit dem historischen Widerstand der indigenen Völker auf sich hat, ihrer Ausdauer, ihrem Mut und ihrer Großzügigkeit. Heute wissen wir: Mit ihnen sind wir Verteidiger; ohne sie wäre unser Tun schwach und sinnlos."

Die Arbeit von Tlachinollan ist beispielhaft. Zu dem Hilfsangebot zählen Beratung und Unterstützung der Opfer im Augenblick der Anzeigenerstattung. Aber es geht nicht nur darum Gerichtsverfahren einzuleiten. Tlachinollan unterstützt alternative und nachhaltige Landwirtschaft, organisiert Workshops zu politischen und religiösen Themen, trägt zu einem weiten Netz lokaler NGOs bei und liefert so einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung. Der Aktionsradius hat sich mittlerweile auf ganz Guerrero ausgeweitet.

An diesem 26. Juli zieht Abel Bilanz, was das Zentrum im Laufe der 20 Jahre mit den "comunidades" – den Gemeinden – verbindet. "Sie gaben uns", so sagte er auf der Festversammlung, "die Tortilla, den Kaffee, die Schlafmatte und den Hut, und sie unterwiesen uns darin, wie man Gerechtigkeit in den Gemeinden schaffen kann. Deshalb machen diese 20 Jahre ohne euch keinen Sinn. Denn Ihr seid die Väter, die Mütter, die Gründerinnen und Gründer von Tlachinollan".

Die Tausenden angereister indigener Mäner und Frauen legten Zeugnis davon ab, dass es sich so verhält.

Dieser Text wurde von Wolfgang Grenz, Mexiko-Experte von Amnesty Deutschland, übersetzt und ist ursprünglich in der mexikanischen Tageszeitung "La Jornada" erschienen. Lesen Sie hier den Original-Artikel in spanischer Sprache.

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