Indien: Gewalt gegen Frauen muss stärker bekämpft werden!
Indische Juristinnen fordern Gerechtigkeit für die Opfer sexueller Gewalt in Neu Delhi, 3. Januar 2013
© Louis Dowse / Demotix
13. September 2013 - Gewalt gegen Frauen ist in Indien überall präsent, in der Stadt wie auf dem Land, und zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Doch der indische Staat kommt seinen Schutzpflichten nicht nach.
Die Tat sorgte weltweit für Entsetzen: Am 16. Dezember 2012 wurde eine junge Frau in einem Bus in Neu-Delhi von mehreren Männern brutal vergewaltigt. Die 23-jährige Studentin erlag später ihren schweren Verletzungen.
Heute wurden vier der Angeklagten zum Tode verurteilt.
"Als Menschenrechtsorganisation spricht sich Amnesty grundsätzlich gegen die Todesstrafe aus, weil sie das Recht auf Leben verletzt", sagt Verena Harpe, Indien-Expertin von Amnesty International. "Auch diese Todesurteile werden nicht dazu beitragen, Gewalt gegen Frauen in Indien zu bekämpfen."
"Vielmehr muss die Polizei angehalten werden, Fälle von Gewalt gegen Frauen überhaupt aufzunehmen, und Täter müssen konsequent bestraft werden", so Harpe weiter. "Das passiert nach wie vor viel zu selten. Eine von der Regierung eingesetzte Kommission hat dazu im Frühjahr Empfehlungen abgegeben, allerdings sind viele davon bisher nicht umgesetzt worden."
"Die indische Regierung ist in der Pflicht, Frauen nachhaltig vor Vergewaltigungen und anderen Formen von Gewalt zu schützen. Dazu braucht es einen erklärten politischen Willen, der bisher nicht wirklich erkennbar ist. "
Im vergangenen Jahr wurden in Indien mehr als 228.000 Fälle von Gewalt gegen Frauen angezeigt.
Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen, da sich viele Frauen nicht trauen, Anzeige zu erstatten, weil die Polizei diese Fälle oft als Bagatellen abtut und gar nicht erst aufnimmt und Frauen sogar auf Polizeistationen vergewaltigt werden.
Gewalt gegen Frauen umfasst in Indien neben familiärer Gewalt auch Vergewaltigungen, Mitgiftmorde, die Verheiratung von Kindern, Frauen- und Mädchenhandel, die gezielte Abtreibung weiblicher Föten (obwohl dies seit 1994 gesetzlich verboten ist) sowie eine hohe Mädchensterblichkeit aufgrund von Vernachlässigung. Allein im vergangenen Jahr wurden beispielsweise mehr als 8.600 Mitgiftmorde registriert, auch hier dürfte die tatsächliche Zahl wesentlich höher sein.
Der indische Staat kommt seinen Schutzpflichten nicht nach. So haben Frauen zum Beispiel kaum Zugang zur Justiz, und die wenigen Vergewaltigungsfälle, die es vor Gericht schaffen, ziehen sich über Jahre hin. Drei von vier Angeklagten werden dann freigesprochen, während die Opfer sozial geächtet sind.