Chemie-Katastrophe von Bhopal: Warten auf Gerechtigkeit
Hazra Bi, Überlebende der Bhopal-Katastrophe und Mitarbeiterin einer lokalen NGO, die sich für die Opfer des Unfalls einsetzt
© @ Amnesty International
04. Dezember 2012 - Am 3. Dezember 1984 traten in einer Pestizidfabrik im indischen Bhopal mehrere Tonnen giftiger Stoffe aus. Tausende Menschen starben. Auch 28 Jahre nach der Katastrophe wurden zehntausende Opfer immer noch nicht entschädigt.
Es war die schlimmste Industriekatastrophe in der Geschichte Indiens: am 3. Dezember 1984 traten in der Pestizidfabrik der Firma Union Carbide in Bhopal mehrere Tonnen giftiger Stoffe aus.
Das Gasunglück tötete innerhalb von drei Tagen zwischen 7.000 und 10.000 Männer, Frauen und Kinder. In den darauffolgenden Jahren sind schätzungsweise weitere 15.000 Menschen gestorben, Zehntausende leiden an schweren gesundheitlichen Problemen.
2001 wurde Union Carbide von der Dow Chemical Company (Dow) gekauft.
Heute, fast auf den Tag genau 28 Jahre nach dem Unglück, warten Zehntausende Opfer immer noch auf Gerechtigkeit.
"28 Jahre auf Gerechtigkeit zu warten, ist zu lang. Die indische Regierung und Dow müssen endlich für eine angemessene Entschädigung der Opfer sorgen, und die Verantwortlichen für die Katastrophe müssen zur Rechenschaft gezogen werden", sagteMadhu Malhotra, Direktor des Amnesty-Programms "Gender Sexuality and Identity".
Frauen waren von dem Unglück in Bhopal besonders betroffen. Viele leiden unter schweren Beeinträchtigungen der Gesundheit, einschließlich gynäkologischer und reproduktiver Erkrankungen. Da viele Männer infolge der Katastrophe arbeitsunfähig wurden, mussten die Frauen die Rolle des Ernährers übernehmen und sich zur gleichen Zeit um die Pflege der kranken Angehörigen kümmern.
"In der Nacht der Gaskatastrophe setzten bei meiner schwangeren Schwiegertochter plötzlich die Wehen ein. Wir brachten sie ins Krankenhaus, und als sie ihr eine Spritze gaben, hauchte sie ihr Leben aus", sagt Rampyari Bai, eine der Überlebenden und Aktivistin in Bhopal.
Aber Frauen stehen auch an der Spitze des Kampfes für Gerechtigkeit. Lokale Gruppen von Aktivistinnen und Aktivisten fordern von der Regierung eine angemessene Entschädigung der Opfer und medizinische Versorgung für die Überlebenden, die immer noch leiden.
"Wir kämpfen dafür, dass Union Carbide für das Unglück haftbar gemacht wird, egal ob in den USA oder in Indien. Denn die Menschen hier glauben, dass es nicht nur um Entschädigung geht, sondern auch darum, dass ihnen endlich Gerechtigkeit widerfährt", sagte Rachna Dhingra von der "Bhopal Group for Information and Action".
Bis heute wurden die gesundheitlichen Auswirkungen der Katastrophe nicht gründlich untersucht. Aktivistinnen und Aktivisten zufolge gibt es immer noch fast 150.000 Menschen, die an chronischen Erkrankungen der Lunge oder der Leber leiden.
Verfallende Anlage auf dem Gelände der Firma Union Carbide in Bhopal, Indien, 2002.
© Maude Dorr
Die Ruine der aufgegebenen Union-Carbide-Fabrik steht nach wie vor im Zentrum von Bhopal. Mehr als 350 Tonnen Giftmüll lagern auf ihrem Gelände, rund 40.000 Menschen leben neben der Fabrik und sind der Verschmutzung von Wasser und Luft seit Jahren ausgesetzt.
"28 Jahre nach der Katastrophe ist die Situation der Opfer in vielerlei Hinsicht schlimmer, als sie es am Morgen nach dem Unglück war", sagt Hazra Bi vom "Union Carbide Gas Affected Women's Collective", einer lokalen NGO.
Amnesty International fordert die indische Regierung und Dow auf, das Gelände sofort zu säubern.
Im Jahr 1989 verkündete der Oberste Gerichtshof Indiens eine Einigung zwischen der indischen Regierung und Union Carbide, ohne Rücksprache mit den Überlebenden zu nehmen. Union Carbide wurde aufgefordert, 470 Millionen US-Dollar Entschädigung zu zahlen. Aber selbst diese unzureichende Summe ist nicht in voller Höhe an die Opfer verteilt worden.
Dow hat konsequent jede Verantwortung für den von Union Carbide verursachten Schaden in Bhopal zurückgewiesen.
Im August 2012 entschied Indiens Oberster Gerichtshof, dass dem Ausschuss, der die Rehabilitation der Opfer der Katastrophe überwacht, größere Befugnisse gegeben werden sollen. Aktivistinnen und Aktivisten hoffen, dass diese Entscheidung zu einer besseren Gesundheitsversorgung der Betroffenen führen wird.
"Diese Entscheidung ist positiv und muss dringend umgesetzt werden. Der einzige Weg, das Erbe von Bhopal los zu werden, besteht für Dow und Union Carbide darin, mit den betroffenen Gemeinschaften und der Regierung von Indien voll zusammenzuarbeiten und die menschenrechtlichen Auswirkungen der Katastrophe effektiv anzugehen", sagt Madhu Malhotra von Amnesty International.
Schauen Sie sich auf YouTube die Kurz-Doku "Until our last breath" an und erfahren Sie mehr darüber, wie die Überlebenden der Katastrophe in Bhopal für ihre Rechte und für Gerechtigkeit kämpfen.