"Ich verdanke Amnesty International mein Leben"
Hafez Ibrahim
© Amnesty International
Hafez Ibrahim war im Alter von 17 Jahren von einem jemenitischen Gericht zum Tode verurteilt worden. Eine weltweite Eilaktion von Amnesty konnte seine Hinrichtung verhindern.
"Ich verdanke Amnesty International mein Leben - Jetzt widme ich es der Arbeit gegen die Todesstrafe und dem Einsatz für die Menschenrechte."
Anfang April 2010 begrüßte ein aufgewühlter Hafez Ibrahim den Amnesty-Ermittler Lamri Chirouf, jenen Mann, dem er seine Rettung vor der fast sicheren Exekution zuschreibt. Hafez Ibrahim war im Alter von 17 Jahren zum Tode verurteilt worden – und das, obwohl das jemenitische Strafgesetzbuch die Verhängung der Todesstrafe gegen Minderjährige eigentlich untersagt.
Der heute 22-jährige Hafez beschreibt stolz seine Entschlossenheit, das Beste aus seinem Leben machen zu wollen, das ihm zurückgegeben wurde. Er studiert im dritten Jahr Jura an der Universität der jemenitischen Hauptstadt Sana’a und will sich für den Schutz der Menschenrechte einsetzen. Seine Geschichte zeigt, wie ungerecht und grausam die Todesstrafe ist – besonders wenn sie gegen Minderjährige verhängt wird.
Hafez Ibrahim war 16 als er bei einer Hochzeit in seiner Heimatstadt Ta’izz im Süden Jemens zu Gast war. Alle waren in Hochstimmung. Die meisten männlichen Hochzeitsgäste trugen Waffen, so wie es in dem Land Tradition ist. Irgendwann kippte die Stimmung, es kam zu einem Kampf, eine Schusswaffe ging los und jemand wurde getötet.
"Der erste Richter verurteilte mich 2005 zum Tode", berichtete er Amnesty International. Dann wurde der Fall an einen anderen Richter verwiesen, der das Todesurteil bestätigte. Dem Jugendlichen wurde es nicht gestattet, Berufung einzulegen.
Zwei Jahre später und auf der anderen Seite des Globus in der Londoner Zentrale von Amnesty International erhielt Lamri Chirouf eine Kurzmitteilung auf seinem Mobiltelefon: "Sie bereiten unsere Hinrichtung vor. Hafez." Es war Hafez gelungen, im Zentralgefängnis von Ta’izz an ein Handy zu gelangen, von dem er seinen verzweifelten Hilferuf versenden konnte.
Hafez wusste, was ihm bevorstand. Man würde ihn zwingen, sich im Gefängnis mit dem Gesicht nach unten auf den Boden zu legen. Dann würden ihm die Wachen mit einem automatischen Gewehr durchs Herz schießen. Für den jungen Mann begann der grausame Countdown für den Tod.
"Wegen dieser Nachricht waren wir am Boden zerstört und schickten sofort Appelle an den Präsidenten und die Behörden Jemens", erinnert sich Amnesty-Mitarbeiter Lamri Chriouf. "Wir mobilisierten auch unsere Mitglieder, indem wir eine weltweite Eilaktion für Hafez starteten."
Hafez Ibrahim (rechts) und Amnesty-Mitarbeiter Lamri Chirouf
© Amnesty International
Die Bemühungen zeigten Erfolg: Der Präsident gewährte einen Hinrichtungsaufschub, um Zeit dafür zu gewinnen, die Angehörigen des Mordopfers um eine Begnadigung zu bitten. Als dies ergebnislos blieb, wurde für den 8. August 2007 ein neuer Hinrichtungstermin angesetzt.
Amnesty International sandte erneut Appelle an den Präsidenten, der einen weiteren dreitägigen Hinrichtungsaufschub anordnete. Die Angehörigen des Mordopfers erklärten sich nach Verhandlungen damit einverstanden, die Hinrichtung auf einen Termin nach dem heiligen Monat Ramadan zu verschieben.
Am 30. Oktober 2007 entschied sich die Familie des Mordopfers schließlich dafür, Hafez Ibrahim gegen ein so genanntes "Blutgeld" von 25 Millionen jemenitischen Rial (etwa 90.000 Euro) zu begnadigen. Nachdem die Entschädigungszahlung erfolgt war, wurde Hafez aus dem Gefängnis freigelassen.
"Ich war so glücklich", sagte er Lamri Chirouf Anfang April 2010 in Sana’a. "Ich kann meine Gefühle nicht beschreiben. Es ist noch immer wie ein Traum. Ich habe das Empfinden, dass es eigentlich unmöglich ist, dass ich noch am Leben bin."
Hafez Ibrahims Heimatland Jemen ist eines der wenigen Länder, das Todesurteile auch an Minderjährigen vollstreckt hat. Immer wieder werden Personen zum Tode verurteilt, selbst wenn es berechtigte Hinweise dafür gibt, dass sie zum Zeitpunkt der Tat noch unter 18 Jahre alt waren. Amnesty International ist seit langem über die Anwendung der Todesstrafe in Jemen besorgt, insbesondere da Todesurteile häufig nach Verfahren verhängt werden, die den internationalen Standards für ein faires Gerichtsverfahren nicht entsprechen. 2009 wurden in Jemen mindestens 30 Menschen hingerichtet und hunderte Gefangene sitzen derzeit in Todeszellen.
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