Amnesty 17. Juli 2012

1980-1988: Menschen auf der Flucht

Mann steht auf der Bühne und hält eine Rede, um das Podium sind Menschen versammelt

Kundgebung zur Todesstrafe, 1988

Dank zweier großer Musik-Events findet Amnesty in den achtziger Jahren Tausende neue Unterstützerinnen und Unterstützer und Mitglieder. 1985 wird der Einsatz für Flüchtlinge im Mandat von Amnesty verankert.

Hart an der Grenze

Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Verfolgung. Artikel 14 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte besagt, dass Flüchtlinge das Recht haben, in einem anderen Land Asyl zu suchen. Jeder Staat muss Personen Schutz gewähren, denen in ihrem Herkunftsland Verfolgung droht. Doch viele Staaten kommen ihrer Verpflichtung nicht nach. Amnesty unterstützt Flüchtlinge, die in Länder abgeschoben werden sollen, wo ihnen schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen drohen.

Die deutsche Amnesty-Sektion war in den siebziger Jahren eine der ersten, die sich im Bereich Flüchtlinge und Asyl engagierte. 1973 wurden nach dem Putsch gegen Salvador Allende in Chile Tausende Menschen wegen ihrer politischen Ansichten inhaftiert und gefoltert. Einige konnten fliehen und in Deutschland Schutz finden. Wenige Jahre später ging es um die Aufnahme von Menschen aus Argentinien, die von dem dortigen Militärregime verfolgt worden waren. Immer mehr Asylsuchende wandten sich an Amnesty. Die deutsche Amnesty-Sektion trat daher Mitte der siebziger Jahre auf internationaler Ebene dafür ein, dass die Organisation auch im Flüchtlingsbereich tätig wird. 1985 wurde dies als Arbeitsschwerpunkt im Mandat von Amnesty verankert.

Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Iran in der griechischen Hafenstadt Patras

Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Iran in der griechischen Hafenstadt Patras

In Deutschland besteht die Flüchtlings- und Asyl-Arbeit von Amnesty aus drei Säulen. Einen sehr wichtigen Beitrag leisten die ehrenamtlichen Mitglieder der Asyl-Gruppen. Sie bieten unter anderem bundesweit unentgeltlich asylrechtliche Beratung für Flüchtlinge an, vermitteln Kontakte zu Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten und stellen ihnen Informationen zur Menschenrechtssituation in den Herkunftsländern zur Verfügung. Zudem bitten Gerichte und Behörden, die über Asylanträge zu entscheiden haben, Amnesty um Gutachten über die Menschenrechtslage im Herkunftsland der Antragsstellerin oder des Antragsstellers. Die dritte Säule ist die Lobby-Arbeit auf nationaler und internationaler Ebene. Amnesty organisiert unter anderem Konferenzen und gibt Stellungnahmen zu Gesetzesänderungen und aktuellen politischen Entwicklungen, wie zum Beispiel der restriktiven Flüchtlingspolitik der Europäischen Union (EU). Diese Politik betrachtet Amnesty äußerst kritisch.

Denn die EU bezeichnet sich zwar selbst als der „Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“. Doch Verfolgten bleibt dieser Raum immer häufiger verschlossen. Flüchtlingsschutz wird heute eher als Schutz vor Flüchtlingen verstanden denn als Schutz von Flüchtlingen. Für sie ist es kaum noch möglich, in die EU einzureisen, um einen Asylantrag zu stellen. Die Außengrenzen werden immer strenger überwacht. Flüchtlingsboote im Mittelmeer werden abgefangen, bevor sie die nationalen Hoheitsgewässer erreichen können. Trotzdem nehmen jedes Jahr Tausende Menschen den gefährlichen Weg in kleinen Booten auf sich – in der Hoffnung auf Schutz und ein besseres Leben. Hunderte Menschen ertrinken dabei jährlich im Mittelmeer und im Atlantischen Ozean.

„Die Gefahr der ,Festung Europa’ sehen wir sehr deutlich “, kritisierte Wolfgang Grenz, damaliger Leiter der Abteilung „Länder, Themen und Asyl“ der deutschen Amnesty-Sektion.

„Allzu oft wird aber vergessen, dass die meisten Flüchtlinge aus Ländern wie Somalia, Afghanistan, dem Iran und dem Irak stammen. Sie kommen ja nicht zum Vergnügen nach Europa, sondern weil sie keine andere Wahl haben und unseren Schutz brauchen“.

Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Verfolgung. Seit den siebziger Jahren setzt sich Amnesty für einen besseren Flüchtlingsschutz ein, 1985 wurde dies als Arbeitsschwerpunkt im Mandat von Amnesty verankert. Im Video: Wolfgang Grenz, ehem. Generalsekretär der deutschen Sektion von Amnesty International.

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Menschenrechte auf Welttournee

Der 2. September 1988. Die riesige Zuschauermenge im Londoner Wembley-Stadion ist schon längst durchgeschwitzt. Der Grund: ein fast sechsstündiges Konzert mit Bruce Springsteen, Sting, Peter Gabriel, Tracy Chapman und Youssou N’Dour. Den letzten Song, „Chimes of Freedom“ von Bob Dylan, spielen die Künstlerin und die Künstler gemeinsam.

Es ist die Auftaktveranstaltung der „Human Rights Now!“-Tour von Amnesty International. In den folgenden sechs Wochen geben die Musikerinnen und Musiker 19 Konzerte in 14 Ländern auf vier Kontinenten. Anlass ist der 40. Geburtstag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der Wunsch, die Arbeit von Amnesty weltweit in den Fokus zu rücken. Ein Wunsch, der in Erfüllung geht: Mehr als eine Million Menschen besuchen die Konzerte, knapp eine Milliarde Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgen die Übertragungen vor den Bildschirmen.

In Deutschland und anderen Ländern sehen viele Zuschauerinnen und Zuschauer eine Dokumentation der Tournee, die am 10. Dezember 1988 im Fernsehen ausgestrahlt wird. Zur gleichen Zeit sitzen fünf Amnesty-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen in ihren Büros in Bonn vor knapp 20 Wahlscheibentelefonen. Als die Amnesty-Durchwahl über den Bildschirm flimmert, greifen hunderte Fernsehzuschauerinnen und -zuschauer zum Telefonhörer, um sich über die Arbeit der Organisation zu informieren. „Vom Konzert haben wir überhaupt nichts mehr mitbekommen. Die Telefone haben sprichwörtlich im Sekundentakt geklingelt“, sagt Jupp Regnery, der schon seit 1985 bei Amnesty arbeitet. „Dass sich so viele Menschen melden würden, damit hatten wir nicht gerechnet. Wir waren begeistert!"

Sting 1988 auf der Bühne mit Tracy Chapmann und Bruce Springsteen

Sting 1988 auf der Bühne mit Tracy Chapmann und Bruce Springsteen

Bereits die US-Konzertreihe „Conspiracy of Hope“ von Amnesty im Jahr 1986 hatte gezeigt, dass Musik und Menschenrechte gut harmonieren. Doch „Human Rights Now!“ war eine andere Größenordnung. Die Musikerinnen und Musiker gaben Konzerte in Ländern wie Indien, Simbabwe und der Elfenbeinküste, etliche Gastmusiker wie Joan Baez, Ravi Shankar und Pat Metheny unterstützten die Tour.

Das Mega-Projekt hatte jedoch seinen Preis. Die Vorbereitungen wurden begleitet von zahlreichen Diskussionen und Interessenskonflikten. Weil die Tour vom Schuhhersteller „Reebok“ gesponsert wurde, lehnte die deutsche Sektion ein Konzert in Deutschland ab. Auch sorgte sich Amnesty um die politische Botschaft der Tour: War westliche Rockmusik überhaupt dazu geeignet, um in Delhi oder Abidjan für Menschenrechte zu werben? Und was durften die Künstlerinnen und Künstler sagen, wenn sie im kommunistischen Ungarn auf der Bühne standen? Die Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Amnesty konnte während der Tour rund 2.750.000 Unterschriften in 120 Ländern sammeln. Die Zahl der weltweiten Unterstützerinnen und Unterstützer stieg in den folgenden zwei Jahren um mehr als ein Drittel.

Seitdem gab es viele Kooperationen mit namhaften Musikerinnen und Musiker. Die Konzertreihe „The Secret Policeman’s Ball“ oder der Sampler „Make some Noise“ aus dem Jahr 2007 sind nur einige Beispiele. Ein großer Erfolg war auch die 360°-Tour der irischen Band U2 von 2009 bis 2011. Amnesty-Mitgliederinnen und -Mitglieder begleiteten die Konzerte, machten auf die Kampagne »Mit Menschenrechten gegen Armut« aufmerksam und stellten die Arbeit der Organisation vor. So zum Beispiel bei einem Konzert in Hannover im August 2010, als U2 das Lied „Walk On“ der Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi aus Myanmar widmete. Während die Band spielte, kamen 40 Amnesty-Aktivistinnen und -Aktivisten mit Laternen auf die Bühne.

Sänger Bono rief in die Zuschauermenge: „Amnesty International – keep up the campaign“.

Es gab jedoch auch ernüchternde Momente auf der Tour. Vor dem Konzert in Moskau wurden fünf Amnesty-Aktivistinnen und -Aktivisten vorübergehend festgenommen – weil sie Unterschriften gesammelt hatten.

Gegen die Schweine in Uniform

Ruben Ruíz floh nach dem Militärputsch in Chile 1973 nach Deutschland. Hier engagiert er sich seit über 30 Jahren mit der Amnesty-Gruppe Ratingen für den Schutz der Menschenrechte.

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Ein Interview mit Ruben Ruíz

Tödliche Wolke

Es ist kurz vor Mitternacht, als das Unglück geschieht: Nach der Explosion eines Gastanks entweichen am 2. Dezember 1984 35 Tonnen tödlicher Chemikalien aus der Pestizidfabrik der US-Firma Union Carbide Corporation (UCC) in Bhopal, Zentralindien. Rund eine halbe Million Menschen sind den Giftstoffen ausgesetzt. Unmittelbar nach dem Unfall sterben bis zu 10.000 Menschen, mindestens 15.000 erliegen in den Folgejahren ihren Verletzungen.

Bhopal steht seitdem für eine der größten Chemiekatastrophen der Geschichte. UCC, heute Tochterunternehmen der amerikanischen Dow Chemical Company, weigert sich, Verantwortung für das Unglück zu übernehmen. Noch immer leiden mehr als 100.000 Menschen an den Folgen, an Lungenerkrankungen, Krebs und Unfruchtbarkeit. Babys kommen missgebildet zur Welt. Das Firmengelände und das Trinkwasser sind verseucht. Keines der Opfer hat eine angemessene Entschädigung erhalten. Viele Anwohnerinnen und Anwohner Bhopals können aufgrund von Gesundheitsproblemen nicht arbeiten und geraten dadurch noch tiefer in Armut.

Pestizidfabrik in Bhopal, Zentralindien, 2004

Pestizidfabrik in Bhopal, Zentralindien, 2004

Amnesty International fordert, dass die Opfer Wiedergutmachung erhalten, das Firmengelände gereinigt wird und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Zum 25. Jahrestag erinnerte Amnesty im Dezember 2009 in Berlin und anderen Städten mit Mahnwachen an die Katastrophe. Wenige Wochen zuvor hatten Betroffene aus Bhopal auf einer von Amnesty mitorganisierten Bustour durch neun deutsche Städte auf ihr Schicksal aufmerksam.

Im Juni 2010 sprach ein Gericht in Bhopal sieben indische ehemalige UCC-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter wegen fahrlässiger Tötung schuldig. Die Verantwortlichen in den USA wurden bis jetzt nicht belangt. Amnesty wird daher auch in Zukunft gemeinsam mit den Betroffenen für die Rechte der Menschen kämpfen, die in Bhopal leben und nach wie vor unter den Folgen der Katastrophe leiden.

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Wer wir sind

Amnesty International ist die weltweit größte Bewegung, die für die Menschenrechte eintritt. Amnesty ist von Regierungen, Parteien, Ideologien, Wirtschaftsinteressen und Religionen unabhängig. Unsere Kampagnen und Aktionen basieren auf den Grundsätzen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.
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Die Amnesty-Mitgliederversammlung

Als Verein ist Amnesty in Deutschland basisdemokratisch organisiert: Jedes Mitglied hat eine Stimme und kann sich einbringen. Die deutsche Sektion von Amnesty International hat mehr als 130.000 Mitglieder, Unterstützerinnen und Unterstützer. Einige Hundert von ihnen treffen sich einmal im Jahr auf der Mitgliederversammlung, der sogenannten Jahresversammlung. Als höchstes Entscheidungsgremium besch...
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Amnesty-Beteiligungen

Besondere Aufgaben für unsere Menschenrechtsarbeit werden von der Förderstiftung Menschenrechte und der Amnesty International Servicegesellschaft GgmbH übernommen.
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Landeslobbybeauftragte des deutschen Vorstands

Die Landeslobbybeauftragten sind Beauftragte des Vorstands der deutschen Sektion von Amnesty International. Die Landeslobbybeauftragten haben in ihrem Bundesland die Aufgabe, die Entscheidungsträgerinnen und -träger der Landespolitik zu den politischen Anliegen von Amnesty International zu lobbyieren und die Umsetzung der menschenrechtlichen Themen voranzubringen. Landeslobbybeauftragte für Baden-...
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