Tunesien: Lange Haftstrafe für Oppositionelle

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Das Bild zeigt das Porträtbild einer Frau, sie zeigt das Victory-Zeichen mit beiden Händen

Die tunesische Oppositionspolitikerin und Rechtsanwältin Abir Moussi (24. Dezember 2022)

Am 13. März verurteilte das Berufungsgericht in Tunis die Oppositionspolitikerin Abir Moussi wegen unbegründeter Vorwürfe der versuchten Änderung der Staatsform und der "Anstiftung zu Gewalt" zu zehn Jahren Haft – zusätzlich zu einer bereits bestehenden zweijährigen Haftstrafe. Zuvor hatte ein erstinstanzliches Gericht sie im Dezember 2025 nach einem grob unfairen Verfahren zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

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Exzellenz,

Abir Moussi wurde am 3. Oktober 2023 vor einem zum Komplex des Präsidentenpalastes gehörenden Verwaltungsgebäude festgenommen. Dort hatte sie versucht, bei der zuständigen Behörde Rechtsmittel gegen Präsidialdekrete einzulegen, war aber daran gehindert worden. Abir Moussi protestierte gegen diese willkürliche Behinderung und bestand darauf, vor dem Verwaltungsgebäude stehen zu bleiben und alles live auf Facebook zu streamen. Laut Augenzeug*innen und Rechtsbeiständen wurde sie von Sicherheitskräften abgeführt und für zwei Stunden an einen unbekannten Ort gebracht, bevor ihre Rechtsbeistände sie auf der Polizeiwache von La Goulette ausfindig machen konnten, einem Viertel in der Hauptstadt Tunis.

Am 12. Dezember 2025 verurteilte sie das Gericht erster Instanz in Tunis aufgrund erfundener Vorwürfe des "Versuchs, die Staatsform zu ändern", der "Anstiftung zu Gewalt auf tunesischem Staatsgebiet" und des "Angriffs mit dem Ziel, Unruhen zu provozieren" gemäß Artikel 72 des Strafgesetzbuchs zu zwölf Jahren Haft. Am 13. März 2026 reduzierte das Berufungsgericht in Tunis ihre Strafe auf zehn Jahre Gefängnis. Das reduzierte Strafmaß umfasst 9 Jahre für den Versuch, die Staatsform zu ändern, sowie für die Anstiftung zu Gewalt und Unruhen, 6 Monate für die unbefugte Verarbeitung personenbezogener Daten und 6 Monate für den Vorwurf der Arbeitsbehinderung. Diese Anschuldigungen sind ausschließlich auf ihre friedliche politische Tätigkeit und ihre öffentliche Kritik am Vorgehen der Regierung zurückzuführen. Sie sind völlig unbegründet und werden nicht durch glaubwürdige Beweise gestützt. Die Kriminalisierung eines solchen friedlichen Verhaltens stellt einen schwerwiegenden Verstoß gegen die Verpflichtungen Tunesiens aus den internationalen Menschenrechtsnormen dar, einschließlich des Schutzes der Meinungsfreiheit, der friedlichen Versammlung und der politischen Beteiligung.

Ich appelliere an Sie, Abir Moussi umgehend freizulassen, die bereits gegen sie verhängte Strafe aufzuheben und die anhängigen Anklagen fallen zu lassen, da sie nur wegen ihres friedlichen politischen Aktivismus und der Wahrnehmung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung inhaftiert ist. 

Gewähren Sie ihr bis zu ihrer Freilassung dringend regelmäßigen Zugang zu ihrer Familie, ihren Rechtsbeiständen und angemessener medizinischer Versorgung. 

Mit freundlichen Grüßen

Your Excellency,

I write to you to express my grave concern over the unjust sentencing of opposition figure Abir Moussi who has already spent two years and five months imprisoned simply for exercising her human rights, including her right to peaceful assembly. 

On 3 October 2023, police officers arrested Abir Moussi in front of a public administration office annexed to the Presidential Palace after she attempted to submit an appeal against presidential decrees to the relevant administration but was prevented from doing so. She was contesting President Saied’s decisions regarding electoral districts and organizing local elections, arguing that the decrees lacked transparency. Abir Moussi protested the arbitrary denial by insisting on staying in front of the administration building until it closes to document the refusal of the authorities on a Facebook livestream.

On 12 December 2025, the Tunis Court of First Instance sentenced Abir Moussi to 12 years in prison on bogus charges of "attempting to change the form of government", "inciting violence on the Tunisian territory" and "attack with the aim of provoking disorder" under Article 72 of the Penal Code. On 13 March 2026, the Tunis Court of Appeal reduced her prison sentence to 10 years. The reduced sentence includes 9 years for attempting to change the form of the state and inciting violence and provoking disorder, 6 months for processing personal data without authorization and 6 months for obstruction of work. These accusations appear to stem solely from her peaceful political activity and public criticism of government actions. The accusations that she incited violence or attempted to undermine the state are entirely unfounded and unsupported by credible evidence. 

Criminalizing such peaceful conduct represents a serious violation of Tunisia’s obligations under international human rights law, including protections for freedom of expression, peaceful assembly, and political participation.

I urge you to immediately release Abir Moussi, quash her sentence and drop all charges against her as she is imprisoned solely for her peaceful political activism and the exercise of her right to freedom of expression. Pending her release, she must be granted regular access to her family, lawyers and adequate healthcare. 

Yours sincerely,

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Appell an

Präsident
Kaïs Saïed 
Route de la Goulette
Site archéologique de Carthage
TUNESIEN

Sende eine Kopie an

Kaïs Saïed über X: @TnPresidency

Botschaft der Tunesischen Republik
S.E. Herrn Wacef Chiha
Lindenallee 16
14050 Berlin
Fax: 030-30 82 06 83
E-Mail: at.berlin@tunesien.tn

Amnesty fordert:

  • Ich appelliere an Sie, Abir Moussi umgehend freizulassen, die bereits gegen sie verhängte Strafe aufzuheben und die anhängigen Anklagen fallen zu lassen, da sie nur wegen ihres friedlichen politischen Aktivismus und der Wahrnehmung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung inhaftiert ist.
  • Gewähren Sie ihr bis zu ihrer Freilassung dringend regelmäßigen Zugang zu ihrer Familie, ihren Rechtsbeiständen und angemessener medizinischer Versorgung. 

Sachlage

Am 12. Dezember 2025 verurteilte das Gericht erster Instanz in Tunis Abir Moussi aufgrund erfundener Vorwürfe des "Versuchs, die Staatsform zu ändern", der "Anstiftung zu Gewalt auf tunesischem Staatsgebiet" und des "Angriffs mit dem Ziel, Unruhen zu provozieren" gemäß Artikel 72 des Strafgesetzbuchs zu zwölf Jahren Haft. Am 13. März 2026 reduzierte das Berufungsgericht in Tunis ihre Strafe auf zehn Jahre Gefängnis. Das reduzierte Strafmaß umfasst 9 Jahre für den Versuch, die Staatsform zu ändern, sowie für die Anstiftung zu Gewalt und Unruhen, 6 Monate für die unbefugte Verarbeitung personenbezogener Daten und 6 Monate für den Vorwurf der Arbeitsbehinderung. Diese Anschuldigungen sind ausschließlich auf ihre friedliche politische Tätigkeit und ihre öffentliche Kritik am Vorgehen der Regierung zurückzuführen. Sie sind völlig unbegründet und werden nicht durch glaubwürdige Beweise gestützt. 

Abir Moussi ist Anwältin, Vorsitzende der Partei Parti Destourien Libre (PDL) und eine bekannte politische Gegnerin von Präsident Kaïs Saïed. Von 2019 bis 2021 war sie Parlamentsabgeordnete. Am 5. August 2024 verurteilte das erstinstanzliche Gericht in Tunis sie zu zwei Jahren Haft, weil sie öffentlich den Wahlprozess kritisiert hatte. Die Verurteilung erfolgte gemäß dem Gesetzeserlass 2022-54 über Cyberkriminalität, nachdem die Wahlbehörde ein Verfahren angestrengt hatte. Am 24. September 2023 hatte Abir Moussi eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der sie ihr Interesse äußerte, bei den nächsten Präsidentschaftswahlen anzutreten. Nur wenige Tage später, am 3. Oktober 2023, wurde sie vor einem zum Komplex des Präsidentenpalastes gehörenden Verwaltungsgebäude festgenommen. Dort hatte sie versucht, bei der zuständigen Behörde Rechtsmittel gegen Präsidialdekrete einzulegen, war aber daran gehindert worden. Abir Moussi protestierte gegen diese willkürliche Behinderung und bestand darauf, vor dem Verwaltungsgebäude stehen zu bleiben und alles live auf Facebook zu streamen. Laut Augenzeug*innen und Rechtsbeiständen wurde sie von Sicherheitskräften abgeführt und für zwei Stunden an einen unbekannten Ort gebracht, bevor ihre Rechtsbeistände sie auf der Polizeiwache von La Goulette ausfindig machen konnten, einem Viertel in der Hauptstadt Tunis. Erst nachdem sich Abir Moussi bereits 48 Stunden lang in Gewahrsam befunden hatte, entschied ein*e Ermittlungsrichter*in, sie in Untersuchungshaft zu nehmen. 

Die Kriminalisierung eines solchen friedlichen Verhaltens stellt einen schwerwiegenden Verstoß gegen die Verpflichtungen Tunesiens aus den internationalen Menschenrechtsnormen dar, einschließlich des Schutzes der Meinungsfreiheit, der friedlichen Versammlung und der politischen Beteiligung.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Am 5. Oktober 2023 wurde Abir Moussi vor dem erstinstanzlichen Gericht in Tunis u.a. wegen des Vorwurfs der Absicht, "die Staatsform zu ändern" und der "Anstiftung zur Gewalt auf tunesischem Hoheitsgebiet gemäß Paragraf 72 des Strafgesetzbuchs verhört und ihre Untersuchungshaft angeordnet. Außerdem wurden ihr die "Verarbeitung personenbezogener Daten ohne Zustimmung der betroffenen Person" und die "Beeinträchtigung des Rechts auf Arbeit" gemäß der Paragrafen 27 und 87 des Datenschutzgesetzes sowie Paragraf 136 des Strafgesetzbuchs vorgeworfen. Die Vorwürfe über Gewalt sind allerdings völlig unbegründet. Aus einem Facebook-Livestream und aus Zeugenaussagen geht hervor, dass Abir Moussi friedlich gegen die willkürliche Entscheidung der Polizei protestierte, sie daran zu hindern, Rechtsmittel gegen die Präsidialdekrete einzulegen. Am 18. November 2024 nahm das Gericht die Verfolgung der Vorwürfe unter Paragraf 72, auf die die Todesstrafe steht, wieder auf, nachdem die Staatsanwaltschaft vor dem Kassationsgericht Berufung eingelegt hatte und dies von der Anklagekammer bestätigt wurde. In Paragraf 72 heißt es: "Wer einen tätlichen Angriff verübt, um die Staatsform zu ändern, oder um die Bevölkerung dazu anzustiften, sich gegenseitig mit Waffen anzugreifen, oder um Chaos, Mord und Plünderung auf tunesischem Boden zu verursachen, wird mit dem Tode bestraft."

Zwischen Dezember 2022 und März 2023 zeigte die Wahlbehörde Abir Moussi auf der Grundlage des Gesetzeserlasses 54 in vier Punkten bei der Generalstaatsanwaltschaft von Tunis an. Hierbei ging es um kritische Äußerungen von Abir Moussi über den Wahlprozess. 

HINTERGRUNDINFORMATIONEN – Fortsetzung (Auf Englisch)

Abir Moussi accused the election commission of rigging the legislative elections. On 5 July 2024, an investigative judge questioned her about the ISIE complaint regarding her statements from November 2022 and January 2023, where she alleged that legislative elections were "rigged" and the number of elected deputies was incomplete. The judge ordered her pre-trial detention and then referred her to trial under Article 24 of Decree Law 54 for "deliberately using information and communication networks and systems to produce, promote, publish, transmit or prepare false news, statements, rumours or documents that are artificial, falsely attributed to others with the aim of attacking the rights of others, harming public security or national defence, or spreading terror among the population." On 5 August 2024, Abir Moussi appeared for trial, where her defence team's requests for postponement and provisional release were denied. The court convicted her to two years in prison, violating her rights to a fair trial and freedom of expression.

Abir Moussi faces additional criminal charges under Articles 15, 245, 220 and 306 of the Penal Code, in a separate case following a complaint by the International Union of Muslim Scholars on 10 May 2022, after two protests outside their Tunis office. The complaint includes charges of property damage, theft, defamation, spreading false news and public intimidation. Abir Moussi was questioned by an investigative judge on 12 June 2024. According to international human rights law, defamation should be handled as a civil matter, not criminal, and should never result in imprisonment. Public officials seeking redress for defamation should do so in civil, not criminal, courts. Abir Moussi, who suffers from arthritis and back pain, was transferred on two occasions to separate prisons, each time further away from her family and lawyers. Initially imprisoned in the Manouba prison in Tunis, Abir Moussi was first transferred to the Belli prison in February 2025, in the governorate of Nabeul, 44 kilometres from Tunis. In June 2025, she was transferred a second time to the Bulla Regia prison in the governorate of Jundiai, 157 kilometres from Tunis. Her lawyers have raised concerns about these transfers which isolate Abir Moussi from her family and legal counsel, harming her right to adequate defence.