Amnesty Journal Marokko 23. Mai 2017

Kunst kann Leben retten

Kinder im Elendsviertel Sidi Moumen in Casablanca, Marokko

Kinder im Elendsviertel Sidi Moumen in Casablanca, Marokko

Der Autor Mahi Binebine engagiert sich zusammen mit dem Regisseur Nabil Ayouch für kulturelle Angebote in marokkanischen Slums. Ein Besuch im Kulturzentrum »Les Étoiles de Sidi Moumen« in Casablanca.

Von Astrid Kaminski

Sein Name klingt nach Gangsterrap, aber Ayoub aka »Glock-f 139« ist Teil der Gruppe »Positive School«, die sich im Kulturzentrum »Les Étoiles« zum Rappen trifft. Aufgewachsen ist der aufgeschlossene junge Mann in der Umgebung des Zentrums, dem Bidonville Sidi Moumen in Casablanca. Immer wieder tauchen hier zwischen Wohnblöcken Barackensiedlungen auf. Müll liegt auf den Freiflächen, ein paar Hühner laufen umher, ein abgemagerter Esel weigert sich aufzustehen, benebelte Männer sitzen am Wegesrand, Frauen waschen Wäsche, ein lautstarker Streit zwischen einem schwarzen Jungen und älteren Bewohnern hellerer Hautfarbe wird, nicht ohne Körpereinsatz, geschlichtet. »Das ist normal hier«, entschuldigt sich Ayoub beim Gang durch sein Viertel, das teils typische Vorstadt, teils Slum ist.

Sidi Moumen war das ehemals größte Elendsviertel Marokkos mit 500.000 Einwohnern. Seit 2003, als über vierzig Menschen bei Selbstmordanschlägen auf ein spanisches Restaurant, ein Hotel, das belgische Konsulat und verschiedene jüdische Einrichtungen in Casablanca starben und mehr als hundert Menschen verletzt wurden, ist die Gegend zum Symbol für das Entstehen von Terror geworden. Hier waren die jugendlichen ­Attentäter aufgewachsen, hier hatten sie sich radikalisiert.

Wie kann das gehen, wie werden aus Kindern menschliche Bomben? Das fragte sich damals der erfolgreiche marokkanische Autor und Maler Mahi Binebine. 2006 setzte sich der Künstler aus dem 300 Kilometer entfernten Marrakesch ins Auto und machte sich zu einer Vorort-Erkundung auf. Ein befreundeter Journalist, der in Sidi Moumen aufgewachsen ist, verschaffte ihm Zutritt. Zehn Tage verbrachte Binebine im Slum, hörte sich um, sprach mit den Familien der Attentäter. Dann schrieb er den Roman »Les Étoiles de Sidi Moumen« – ins Deutsche übersetzt mit »Die Engel von Sidi Moumen«. Seine Protagonisten hat Binebine erfunden, so gut, dass man glaubt, sie könnten einem jederzeit bei einem Spaziergang durch das Viertel entgegenkommen.

Aber sie sind tot. Auch Yachine, die Hauptfigur. Er erzählt die Geschichte als Rückblende. Ein Leben mit Toten. Er wurde Zeuge, wie sein Bruder einen Kameraden umbrachte. Und er trifft seinen blutverschmierten Freund Nabil, nachdem dieser unmittelbar zuvor den Chef der Reparaturwerkstatt, in der sie beide für umgerechnet zehn Euro die Woche schufteten, erschlagen hat. Wäre der Fall gerichtlich verfolgt worden, hätte die Verteidigung wohl Notwehr geltend gemacht, denn der schon mehrfach vergewaltigte Nabil fühlte sich sexuell bedrängt.

Aber der Fall bleibt ungeahndet. In »Die Engel von Sidi Moumen« gehören Gewalt und Tod zum Alltag. »In unserer Umgebung gewöhnt man sich an alles«, sagt Yachine im Roman, »auch an den Geruch von Fäulnis und Tod, der uns vertraut geworden ist und an uns haftet. Wir bemerken ihn gar nicht mehr.«

Binebine will sich daran nicht gewöhnen. Deshalb hat er den Roman über Yachine und seine Freunde geschrieben, und deshalb hat er zusammen mit Nabil Ayouch, dem international bekanntesten marokkanischen Filmregisseur, das Kulturzentrum »Les Étoiles de Sidi Moumen« gegründet. Ayouch, der sich wie Binebine in seinem Werk intensiv mit sozialen Themen ausei­nandersetzt, hatte sich schon vor der Publikation des Buchs um die Rechte beworben.

2012 kam mit »Les chevaux de Dieu« der Film zum Buch in die Kinos, besetzt ausschließlich mit Laienschauspielern, die am Ort des Geschehens aufgewachsen waren. Er wurde 2014 als marokkanische Einreichung zur Oscar-Verleihung ausgewählt und fand auch im Land selbst viel Anerkennung – im Gegensatz zu Ayouchs Nachfolgefilm »Much Loved« über Prostituierte in Marrakesch, der eine Woche nach der Premiere in Cannes in Marokko verboten wurde.

Die Laienschauspieler im Film sind absolut überzeugend. Die Lust am Spielen und die Begabung, sich in Rollen hineinzuversetzen, scheint in Sidi Moumen in der Luft zu liegen. Schon Dreijährige belegen im Kulturzentrum Theaterkurse und setzen begeistert die Hinweise der Lehrerin zur Körperrhetorik um.

Ohne das Schauspiel wäre die Idee für das Zentrum vielleicht nicht zustande gekommen. Mahi Binebine erinnert sich: »Nabil Ayouch hatte für die Kinder aus dem Slum eine Wohnung gemietet. Sie lebten für zehn Monate zusammen und lernten das Schauspielfach. Manchmal kam ich vorbei. Unglaublich, wie sie zum Beispiel gefrühstückt haben: Berge auf den Tellern! Sie hatten offenbar Angst, die Party könne jeden Moment vorbei sein. Also fragte ich meinen Kollegen: ›Was hast du mit ihnen vor, wenn der Dreh vorbei ist? Du kannst sie doch nicht zurück auf die Straße schicken? Wir machen aus der Misere Geld, das können wir nicht behalten, wir müssen es zurückgeben!‹«

Ende 2013 haben Binebine und Ayouch dann das Kulturzentrum eröffnet. Freundlich wirkt es und sachlich, aus den Studios klingen abwechselnd arabische Musik und englische Hits, ein paar Jugendliche hängen im Café ab, andere wuseln zu ihren Kursen, syrische Flüchtlingskinder schwingen Farbpinsel. Das Café, ein Kino, ein Malsaal, eine Galerie, ein Theater, Tanzstudios, eine Bibliothek, 40 Computer, ein Garten, sowie, als jüngs­te Errungenschaft, ein Tonstudio gehören zur Ausstattung. Etwa tausend Kinder nutzen das Angebot, selbst aus anderen Stadtteilen kommen sie bis nach Sidi Moumen. Umgerechnet 4,50 Euro kostet der Monatsbeitrag. Wer nicht zahlen kann, darf trotzdem kommen, das wird gemeinsam besprochen, am liebsten mit den Eltern.

Der entschieden auftretenden Direktorin des Zentrums, Sophia Akhmisse, ist der Elternkontakt wichtig. Sie will diese von Anfang an einbinden, damit sie das Kind bei seiner Entwicklung unterstützen. Da Kunst so gut wie keinen Platz im Lehrplan der Schulen einnehme, habe sie keinen guten Ruf in der Bevölkerung. Akhmisse ist es daher wichtig, die Eltern von dem persönlichen Wert zu überzeugen, den künstlerische Erfahrungen für die Kinder haben können. So dürfen Vater und Mutter bei der jeweils ersten Kursstunde dabeisein und werden regelmäßig zu Abschlusspräsentationen sowie weiteren Veranstaltungen eingeladen.

So manche hätten sich von Skeptikern zu Unterstützern gewandelt. Der Rapper Ayoub formuliert den Zwiespalt, in dem sich viele seiner Freunde befinden, so: »Die Eltern sind oft nicht interessiert an unserer Bildung, sondern nur daran, dass wir Geld heranschaffen.«

Wie er es selbst geschafft habe, nicht vom Weg abzukommen? Die Antwort ist für den idealistischen Jugendlichen, der sein Studium abbrechen musste, weil es sich nicht mit seinen unterbezahlten Brotjobs vereinbaren ließ, klar: »Die Musik und meine Freunde haben mir geholfen. Die Musik hilft mir, meine Gefühle auszudrücken – indem ich über die Armut singe, kann ich mich von ihr befreien, ich kann ihr gegenübertreten. Und meine Freunde passen auf mich auf.«

Auch Yachine, der Protagonist aus Binebines Buch, hatte gute Freunde. Sie wohnten zusammen, kochten miteinander und einen unter ihnen brachten sie sogar vom Klebstoffschnüffeln ab. Bis sie in die Fänge von Terroristen gerieten. Der Autor Mahi Binebine hat die Taktik salafistischer Extremisten, die in Marokko sozial Benachteiligte rekrutieren, für sein Buch genau studiert.

»Sie sagen den Kindern: ›Die Hölle kennt ihr schon, wir zeigen euch das Paradies.‹ Sie beginnen damit, diesen jungen Menschen, die im Abfall wühlen, Krätze haben, oft Drogen nehmen, Würde zu verleihen: saubere Kleider, einen kleinen Job. Sie haben die Netzwerke und das Geld dafür. Geld ist für den wahhabitischen Salafismus kein Problem. So beginnt die Konstruktion der zukünftigen menschlichen Bomben. Etwa zwei Jahre brauchen sie, um einsatzbereit zu sein. Auch ich wäre, wenn ich die Schule nicht gehabt hätte, eine leichte Beute für diese Seelenverkäufer geworden.«

Nicht nur Binebine, der in der Altstadt von Marrakesch mit einer alleinerziehenden Mutter und sechs Geschwistern aufwuchs, kennt die Situation der Jugendlichen aus eigener Erfahrung. Auch Sophia Akhmisse, die Direktorin des Kulturzentrums, ist in einem Randbezirk aufgewachsen. Und Regisseur Nabil Ayouch stammt aus der Pariser Banlieue Sarcelles. Er vermutet, dass er dem Kulturzentrum, das es dort einst gab, seine Karriere verdankt. Für ihn ist ganz klar, dass die Jugendlichen dasselbe brauchen, was auch er damals brauchte: eine Möglichkeit, sich auszudrücken.

»Man kann nicht behaupten, Gewalt sei kein Weg, wenn man keine anderen Ausdrucksmöglichkeiten schafft.« Alle Hauptdarsteller seines Films verdienen heute ihr Geld am Set. Wie Abdelhakim Rachid, der im Film die Rolle von Yachine spielt und ebenfalls für ein Gespräch im Zentrum »Les Étoiles« vorbeischaut. »Wir sind Opfer der Umstände, aber es gibt viele Talente unter uns. Das Kulturzentrum bietet den Jugendlichen die Möglichkeit, sich von Dingen, die nicht gut für sie sind, zu entfernen und positive Dinge zu lernen. Der Staat sollte sich für solche Initiativen viel mehr engagieren.«

Tatsächlich hat der Staat im Zuge der durch die Attentate ausgelösten medialen Aufmerksamkeit gehandelt. Es wurde in eine Straßenbahnanbindung, Sozialbauten und Umsiedlungen investiert. Kunst und Kultur gehören nicht zu den Maßnahmen. Ohne den Autor Mahi Binebine und den Regisseur Nabil Ayouch hätten die Jugendlichen des Viertels weiterhin keine Möglichkeit, ihren Anliegen und Träumen einen Ausdruck zu verleihen.

Was Binebine und Ayouch für Sidi Moumen erreicht haben, wollen sie nun auch für Orte umsetzen, die weit weniger im Fokus stehen – Slums und Gebiete ohne soziale Infrastruktur in Tanger, Ouarzazate, Fez, Marrakesch und Essaouira. In Tangers Problemviertel Beni Makada konnte im Herbst 2016 bereits ein weiteres Kulturzentrum öffnen.

Einfach sind diese Prozesse nicht. In Essaouira etwa liegen die Verhandlungen derzeit auf Eis, unter anderem, weil die regierungsbeteiligten Islamisten ein Zentrum nur genehmigen, wenn ein zentraler Gebetsraum integriert wird. Im besten Fall stellen die Städte und Gemeinden ein Gebäude zur Verfügung. Der Staat baut, wie Mahi Binebine immer wieder betont, zu sehr auf die Zivilgesellschaft. Nun gilt es, ihn davon zu überzeugen, dass soziales Engagement keine Einbahnstraße sein kann.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe Juni/Juli 2017 des Amnesty Journals erschienen.

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