Amnesty Journal Katar 22. Juni 2016

Das Spiel drehen

Das Spiel drehen

Amnesty Journal Jun/Jul 2017

Internationale Sportverbände pfeifen auf die Menschenrechte, wenn sie die Austragung von Megaevents an Länder wie Katar oder Russland vergeben. Doch an der Basis regt sich Widerstand: Sportfans wollen die Organisationen zum Umdenken bewegen.

Von Ole Hoff-Lund

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und der Weltfußballverband (FIFA) gründen sich auf starke humanistische Werte, wie sie unter anderem in der Olympischen Charta zum Ausdruck kommen. Dort ist die Rede vom "Schutz der Menschenwürde" und der "Achtung universeller und grundlegender ethischer Prinzipien". Anspruch und Wirklichkeit klaffen jedoch weit auseinander.

FIFA und IOC sind im Laufe der Jahre durch Sponsorenverträge und Übertragungsrechte zu mächtigen, milliardenschweren Unternehmen geworden. Dass bei der Vergabe ihrer Sportevents Korruption und Vetternwirtschaft eine Rolle spielen, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Doch auch aus menschenrechtlicher Perspektive gibt es Gründe, an IOC und FIFA Kritik zu üben. Amnesty sieht die beiden Organisationen in der Pflicht: Sie dürfen nicht länger die Menschenrechte außer Acht lassen, wenn sie entscheiden, wo ihre Megaevents stattfinden. Nicht zuletzt, weil Länder wie China, Russland oder Katar die Ausrichtung der Spiele auch als Werbefläche für politische Propaganda nutzen.

Rund um große Sportereignisse kommt es immer wieder zu Menschenrechts-verletzungen. Russland sperrte beispielsweise vor den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi gezielt Oppositionelle weg, um Demonstrationen während der Spiele zu verhindern. 2018 findet in Russland die nächste Fußball-WM statt. Das Land hat verkündet, einige seiner 870.000 Strafgefangenen die Stadien bauen zu lassen, um Lohnkosten einzusparen. 2022 wird Katar die Fußball-WM ausrichten. In dem reichen Golfstaat besteht die Arbeiterschaft zu 94 Prozent aus Migranten. Auf den WM-Baustellen werden die Wanderarbeiter systematisch ausgebeutet und leben unter skandalösen Bedingungen (siehe auch S. 30). Nach Recherchen der britischen Zeitung "The Guardian" sind bereits Hunderte Gastarbeiter auf den Bausstellen umgekommen. Bisher hat die FIFA die Situation nicht ernsthaft beanstandet.

Doch inzwischen regt sich an der Basis Widerstand: Im vergangenen Jahr wurden Fußballfans selbst aktiv. Ein Netzwerk europäischer Fußballfans ("Football Supporters Europe") nahm Kontakt zu Amnesty International und anderen Organisationen auf, um mit vereinten Kräften zu versuchen, bei der FIFA und dem IOC ethische Veränderungen durchzusetzen. Gemeinsam gründeten sie die "Sports and Rights Alliance", in der Fans, NGOs und internationale Gewerkschaftsverbände im Kampf für die Achtung der Menschenrechte vereint sind.

"Die großen Sportorganisationen haben viele ihrer Ideale aus den Augen verloren"

"Auf der ganzen Welt fordern Fans Veränderungen. Was ­haben wir bei großen Sportevents inzwischen nicht alles mit ­ansehen müssen: Menschen werden aus ihren Häusern und Wohnungen vertrieben, um Platz für Sportstadien, Hotels und Infrastruktur zu machen. Arbeiter werden auf den Baustellen ausgebeutet. Auch irreparable Umweltschäden werden in Kauf genommen", sagt Daniela Wurbs von "Football Supporters Europe". "Die Welt des Sports ist einflussreich und kann viel Gutes tun, doch die großen Sportorganisationen haben anscheinend viele ihrer Ideale aus den Augen verloren."

Eines ist den Aktivistinnen und Aktivisten besonders wichtig: Wer sportliche Großveranstaltungen ausrichten will, soll sich künftig vertraglich dazu verpflichten, Menschenrechtsstandards einzuhalten, erklärt Naomi Westland, die Vertreterin von Amnesty International in der "Sports and Rights Alliance": "Das betrifft zum Beispiel das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit, das Recht, Gewerkschaften zu gründen und tarif­liche Vereinbarungen auszuhandeln, und das Recht, nicht zwangs­umgesiedelt zu werden. Der Vertrag ist nicht verhandelbar, sondern absolut bindend. Und seine Einhaltung muss minutiös überwacht werden, sobald die Zusage für die Ausrichtung eines Sportevents erteilt wurde", sagt Naomi Westland.

Das IOC nahm den Vorschlag im vergangenen Jahr positiv auf und signalisierte, mit der "Sports and Rights Alliance" zusammenarbeiten zu wollen. Dennoch erschien IOC-Präsident Thomas Bach kurz darauf bei den Europaspielen in Aserbaidschan neben Präsident Ilham Alijew, ohne mit einer Silbe zu erwähnen, dass die Sicherheitskräfte des Landes im Vorfeld der Wettkämpfe gewaltsam gegen friedliche Demonstranten vorgegangen waren. Und als das IOC im September 2015 den Vertrag veröffentlichte, der die Pflichten und Rechte des Gastgeberlandes für die Olympischen Sommerspiele 2024 festschreibt, stand darin kein einziges Wort über den Schutz und die Achtung der Menschenrechte.

Auch Jens Sejer Andersen, der internationale Direktor der Organisation "Play the Game", sieht die Europaspiele in Aserbaidschan als Zeichen dafür, wie weit das IOC noch von seinen Versprechen entfernt ist, tatsächlich etwas zu verändern. "Play the Game" bemühe sich darum, im internationalen Sport für mehr Nachhaltigkeit und weniger Korruption zu werben, und Aserbaidschan stehe für das glatte Gegenteil: "Der Familienclan der Alijews, der in Aserbaidschan an der Macht ist, hat mindestens sechs Milliarden US-Dollar dafür ausgegeben, um die Europaspiele abzuhalten. Das ist eine enorme Summe. Natürlich geht es den Machthabern in erster Linie darum, ihr Land und sich selbst auf der internationalen Bühne glänzen zu lassen. Menschenrechte sind dabei nur lästig. Die Familie Alijew ist enorm korrupt. Und wer Kritik übt, den wirft sie ins Gefängnis", sagt Jens Sejer Andersen.

Doch er weist auch darauf hin, dass die Debatte über Sport und Menschenrechte seit rund zehn Jahren immer lauter geführt wird. In der EU und im Europarat steht das Thema inzwischen auf der Agenda, und sowohl die FIFA als auch das IOC ­stehen unter öffentlicher Beobachtung. Sie können nicht mehr so tun, als gingen sie die Probleme nichts an.

Der Autor ist Redakteur und Pressesprecher der dänischen Amnesty-­Sektion.

Mehr dazu