Amnesty Journal Deutschland 18. März 2016

Mann mit Haltung

Menschenrechte waren für ihn mehr als eine Floskel. Roger Willemsen

Menschenrechte waren für ihn mehr als eine Floskel. Roger Willemsen

Er war einer der wichtigsten Intellektuellen Deutschlands und viele Jahre Unterstützer von Amnesty International. Erinnerungen an Roger Willemsen.

Von Harald Gesterkamp

Als ich am Tag seines Todes den Nachruf auf Roger Willemsen bei »Spiegel Online« gelesen habe, musste ich – bei aller Trauer um einen großartigen Menschen – für einen Moment schmunzeln. Nils Minkmar, der in den neunziger Jahren in der Redaktion von »Willemsens Woche« beim ZDF arbeitete, berichtet darin, dass die Zeit für die Vorbereitung einer Sendung öfter mal knapp wurde, weil Roger Willemsen dem Amnesty Journal am Telefon mal wieder stundenlange Interviews gegeben habe.
Es stimmt.

Gleich mein allererstes Telefonat mit Roger Willemsen hat mehr als 60 Minuten gedauert. Ich war damals verantwortlicher Redakteur des Amnesty Journals und wegen einer Mutterschaftsvertretung auch Leiter der Pressestelle. Als das Telefon klingelte, war Willemsen selbst dran, nicht einer seiner Mitarbeiter. Es sei ihm wichtig gewesen, persönlich anzurufen, sagte er. Ich weiß gar nicht mehr genau, zu welchem Land oder Thema er damals Informationen benötigte, aber ich weiß noch genau, dass er ungemein sachkundig, konzentriert, reaktionsschnell und schlagfertig war.

Ich stellte ihm ein Paket zusammen und schickte es ihm zu. Zwei Tage später rief er wieder an. Er wolle sich nur für die schnelle Zusendung des Materials bedanken. Wir telefonierten wieder länger als eine Stunde, tauschten Anekdoten aus der ­Medienwelt aus, spotteten gemeinsam über den einen oder anderen mehr oder weniger berühmten Zeitgenossen (auch aus der Politik) und diskutierten über Möglichkeiten, wie man Menschenrechtsthemen im Fernsehen platzieren könnte. Mit jeder Minute wurde klarer, dass hier ein Mensch darauf wartete, endlich etwas für Amnesty International tun zu können.

Gemeinsam mit Nadja Malak, die damals in der Kampagnenabteilung arbeitete, entwickelten wir die Idee eines Botschafters für Amnesty International. Wenig später lernten wir Roger Willemsen dann auch persönlich im Amnesty-Büro in Bonn, seinem Geburtsort, kennen. Es sollten weitere Begegnungen folgen.

An die vielen öffentlichen Auftritte von Roger Willemsen für Amnesty International werden sich viele erinnern: Jahresversammlung 1999 in Lünen, Start der Antifolterkampagne ein Jahr später. Die Laudatio bei der Verleihung des Menschenrechtspreises an die türkische Anwältin Eren Keskin 2001 – eine Veranstaltung, bei der er nebenbei auch noch die Musiker vermittelte. Diskussionsveranstaltungen auf der Buchmesse, weitere Moderationen zu Verleihungen des Menschenrechtspreises und natürlich auf der Veranstaltung zum 50-jährigen Bestehen von Amnesty International mit 6.500 Besuchern am Rande der lit.Cologne 2011 in Köln – unter anderem mit Nina Hoss, Katja Riemann, Charlotte Roche und Herbert Grönemeyer.

Es gibt viele Prominente, die Nichtregierungsorganisationen unterstützen. Viele stellen ihr Foto zur Verfügung und Agenturen formulieren dann für sie einen Satz, der die besondere Notwendigkeit der geförderten Gruppierung hervorhebt.

Roger Willemsen war anders. Er lebte den Botschafter für Amnesty International.
Wie kaum ein anderer setzte er sich inhaltlich mit den Themen von Amnesty auseinander. Dabei war er unendlich klug, sehr empathisch, stets perfekt vorbereitet, nie sensationslüstern und immer inspirierend. Auf der Jahresversammlung in Lünen hielt er ein philosophisch fundiertes Plädoyer gegen die Todesstrafe, bezeichnete sie als »Amoklauf eines Sühnegedankens« und stellte fest: »An der Frage der Todesstrafe hängt mehr als nur eine juristische Spitzfindigkeit, an dieser Frage hängt unser gesamtes Verständnis des Lebens und seines Wertes.« In einer seiner Interview-Sendungen hatte Willemsen Jahre zuvor eine Live-Schaltung in einen US-Todestrakt organisiert und mit dem Todeskandidaten Roger Keith Coleman gesprochen. Der saß offensichtlich unschuldig im Todestrakt; es gab sogar einen anderen Mann, der das Coleman zur Last gelegte Verbrechen gestanden hatte. Dennoch wurde Coleman hingerichtet. Ein Erlebnis, von dem Willemsen immer wieder erzählte und das ihn und ­seine Haltung prägte.

Ergreifend und drastisch waren seine Worte, die er zum Start der Antifolterkampagne 2000 fand. Er wollte niemanden schonen bei dem Thema. »Sich Abwenden ist Teil der Folter«, sagte er und rief zu tätigem Widerspruch auf – der »einzig plausiblen Form einer Verlängerung des Gedankens in die Praxis«. Denn, so Willemsen damals: »Jeder Akt der Folter ist einer, den diese Weltöffentlichkeit nicht verhindert hat. Das muss sie sich eingestehen und indem sie sich das eingesteht, bekennt sie auch, dass sie die Folter zwar selbst nicht gestattet, sie aber global zumindest toleriert.«

Auch als ich schon längst nicht mehr hauptamtlich für Amnesty International gearbeitet habe, setzte Willemsen sein Engagement für die Menschenrechte fort. Zusammen mit Nina Tesenfitz, die damals in der Amnesty-Pressestelle beschäftigt war, führte er für sein Buch »Hier spricht Guantánamo« Interviews mit ehemaligen Gefangenen des Lagers. Aus dem gemeinsamen Projekt erwuchs eine langjährige Freundschaft. Rückblickend denkt Nina Tesenfitz besonders gern an seine Mails zurück. »Er schrieb die besten, die lustigsten und die albernsten Mails aller Zeiten«, sagt sie und macht auf eine andere Seite Willemsens aufmerksam. Er war bei aller Ernsthaftigkeit, mit der er seine Themen bearbeitete, eine rheinische Frohnatur.

Roger Willemsen half gern. Er genoss es, wenn man ihm dankte, es durfte ruhig überschwänglich sein. Er war eitel, gewiss, und wollte gern hofiert werden. Doch angesichts der vielen Dinge, die er Amnesty International gegeben hat, war das sehr gut zu verkraften.

In den vielen Nachrufen auf Roger Willemsen, in den Stellungnahmen von Politikern und Wegbegleitern aus Medien und Kulturbetrieb wurde immer wieder hervorgehoben, welch brillanter Intellektueller Willemsen war. Ohne jeden Zweifel stimmt das. Man hätte ihn mitten in der Nacht anrufen können und ihm Fragen zu Platon oder Schopenhauer stellen können – er hätte sie in einer sprachlich geschliffenen Form beantwortet, die ich wohl auch in hellwachem Zustand nie erreichen werden.

Es gab andererseits natürlich auch Menschen, die ihn als Moralapostel verspotteten. Das wusste er und damit konnte er umgehen.

Willemsen, studierter Germanist, Kunsthistoriker und Philosoph, war Fernsehmoderator, Buchautor und Dokumentarfilmer. Seine Interview-Sendungen im Fernsehen sind legendär. Seine Bücher über Guantánamo oder Afghanistan bezeugen seinen leidenschaftlichen Einsatz für die Menschenrechte. Andere Bücher, wie die »Deutschlandreise« oder »Momentum«, dokumentieren seine unglaubliche Fähigkeit, Menschen und Alltagssituationen geistreich zu beschreiben.

Im August 2015 sagte Roger Willemsen wegen einer Krebs­erkrankung vorerst alle Termine ab. Er sollte nie wieder in der Öffentlichkeit auftreten. Am 7. Februar 2016 ist er gestorben. »Ich hoffe, er wusste, als er ging, dass er etwas bewegt hat«, sagt Nadja Malak.

Wir wissen es.

Er fehlt jetzt schon. Wie gern würde ich in der aktuellen Flüchtlingsdebatte seine Stimme hören.

Der Autor war von 1991 bis 2002 Redakteur des Amnesty Journals und arbeitet heute als Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln.

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