Amnesty Journal Indonesien 09. Dezember 2015

Romane rühren an Tabus

Landkarte Indonesien

Indonesien

70 indonesische Autorinnen und Autoren stellen die Literatur ihres Landes auf der Frankfurter Buchmesse vor. Mit im Gepäck: Romane, die sich kritisch mit dem Suharto-Regime (1965–98) auseinandersetzen.

Von Wera Reusch

Da stehen sie, blutend, verwundet. Da sind die Modellfiguren, von Menschen angeordnet und in Szene gesetzt wie überdimensionierte Playmobil-Figuren. (…) Es sieht so aus, als führten die kleinen Figuren hinter der Glasscheibe ein Theaterstück auf. Da wird jemand im Wohnzimmer stehend von einer Kugel getroffen. Ein anderer sitzt auf einem Stuhl und wird gefoltert.« Im Armee-Museum in Jakarta ­illustrieren großflächige Dioramen die offizielle Version der indonesischen Geschichte: Demnach überwältigten Schergen der Kommunistischen Partei Indonesiens im Jahr 1965 mehrere Generäle, folterten und ermordeten sie.

Die junge Filmemacherin Lintang Utara besucht das Museum 1998 und kann sich über diese Darstellung nur wundern, denn die in Paris geborene Tochter eines indonesischen Exilanten kennt den hier verzerrt dargestellten Teil der Geschichte nur zu gut: 1965 ergriff General Suharto nach einem angeblich kommunistischen Putschversuch die Macht.

In der Folge kam es zu Säuberungsaktionen ungekannten Ausmaßes. Unzählige Menschen wurden wegen ihrer (vermeintlich) linken Gesinnung inhaftiert, gefoltert und getötet. Wie viele Menschen dem Massenmord zum Opfer fielen, ist noch immer unbekannt – die Schätzungen reichen von 500.000 bis zu drei Millionen Toten.

Lintang Utara ist in das Heimatland ihres Vaters gereist, um in einem Film »die Dinge offenzulegen, die in der indonesischen Geschichtsschreibung bislang unerwähnt blieben« und »jenen Menschen den Raum zum Sprechen zu geben, deren Stimmen stets zum Schweigen gebracht worden waren«. Ihre Recherchen gestalten sich jedoch schwieriger als erwartet – denn einige Gesprächspartner können oder wollen nicht reden. Außerdem gärt es in Jakarta: Es gibt Studentendemonstrationen, die schließlich zum Rücktritt Suhartos führen.

Lintang Utara ist eine Protagonistin des Romans »Pulang (Heimkehr nach Jakarta)« von Leila S. Chudori. Die 1962 geborene Schriftstellerin verfolgt ein ähnliches Projekt wie ihre Romanfigur, indem sie verdrängte Aspekte in den Vordergrund rückt und die Ära der Suharto-Diktatur aus der Perspektive der politisch Verfolgten erzählt. Ihr Roman setzt 1965 ein und schildert die Lebenswege von fünf Journalisten. Während vier von ihnen der Repression zufällig entkommen und schließlich in Paris im Exil landen, wird der fünfte in Indonesien hingerichtet.

Den vier Journalisten in Frankreich entzieht die indonesische Botschaft die Pässe – sie können mehr als dreißig Jahre lang nicht zurück – und schaffen sich eine zweite Heimat, indem sie in Paris ein indonesisches Restaurant eröffnen. Sie versuchen zwar all die Jahre, ihren Freunden und Familien in Indonesien zu helfen, die dort politisch verfolgt werden. Ein direkter Kontakt ist aber erst der Generation ihrer Söhne und Töchter wieder möglich – nach dem Ende des Suharto-Regimes.

Die Vielzahl der Figuren sowie zahlreiche Zeitsprünge und Perspektivwechsel lassen den Roman zwar zunächst etwas unübersichtlich erscheinen. Doch gelingt es Chudori hervorragend, ein lebhaftes Bild des Exillebens zu zeichnen und die drastischen Auswirkungen der von Suharto proklamierten »Neuen Ordnung« auf die Betroffenen und ihre Familien zu schildern. »Pulang« sei ein »Gegengift« zur offiziellen Geschichtsschreibung, urteilte eine Kritikerin, nachdem der Roman 2012 in Indonesien erschienen war.

Die erste Autorin, die es wagte, sich in literarischer Form mit der Militärdiktatur zu befassen, war Ayu Utami. Nachdem die indonesische Regierung 1994 mehrere wichtige Zeitungen verboten hatte, wandte sich die Journalistin der Literatur zu. Ihr Erstlingsroman »Saman« erschien im Original bereits 1998 – kurz vor dem Rücktritt Suhartos – und erregte großes Aufsehen.

Wenige Jahre später veröffentlichte Ayu Utami mit »Larung« eine Fortsetzung. Der Doppelroman spielt in den letzten Jahren der Diktatur und schildert den Werdegang des katholischen Priesters Saman, der in einer bäuerlichen Gemeinde im Süden Sumatras lebt.

Er versucht dort, die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern und gerät in Konflikt mit der mächtigen Palmölindustrie, die sich des Landes bemächtigen will. Die Situation eskaliert, als Unbekannte das Dorf überfallen und niederbrennen, die Frauen vergewaltigen und Saman verschleppen und foltern: »Er solle keine Märchen erzählen, meinten sie. Es sei doch klar, er habe bei den Bauern eine Machtposition aufbauen und die Regierung stürzen wollen. Das solle er endlich ­gestehen.«

Der Priester schafft es schließlich, dem Folterkeller zu entfliehen, und mithilfe einer Menschenrechtsorganisation nach New York zu gelangen. Die Ereignisse lassen Saman jedoch an seinem Priesteramt zweifeln, zumal er sich in eine indonesische Menschenrechtsanwältin verliebt.

Mutig thematisiert Ayu Utami Folter und die Verfolgung ­zivilgesellschaftlicher Aktivisten während der Diktatur – auch Larung, der Protagonist des zweiten Romans, gehört zur Demokratiebewegung der neunziger Jahre und sieht sich schließlich zur Flucht aus Indonesien gezwungen.

Die Schriftstellerin ­beweist zudem Courage, indem sie ungewohnt offen über Geschlechterrollen und Sexualität spricht. Sowohl in »Saman« als auch in »Larung« sind Frauenfiguren von zentraler Bedeutung: Da gibt es die Anwältin und ihre Freundinnen, die der Mittelschicht angehören. Sie sind gut ausgebildet, weltläufig und auf der Suche nach Selbstbestimmung und (sexueller) Erfüllung. Und es gibt die alten, weisen Frauen, die über traditionelles ­Wissen und magische Fähigkeiten verfügen.

Die beiden Romane der 1968 geborenen Schriftstellerin sind nicht ganz einfach zu lesen. Ayu Utami verzichtet auf eine geschlossene Form und reiht die Lebens- und Liebesgeschichten ihrer Figuren eher assoziativ aneinander. Dabei springt die Autorin nicht nur zwischen den Zeitebenen hin und her, sondern auch zwischen den indonesischen Schauplätzen und New York.

Ihre ersten Bücher seien noch ziemlich unstrukturiert, räumte Ayu Utami in der »taz« ein: »Das war meine Reaktion auf die vielen Zwänge, denen wir zur Zeit der ›Neuen Ordnung‹ ausgesetzt waren.« Man kann sich unschwer vorstellen, dass Utamis vitaler Stil und ihre Lust, an Tabus zu rühren, in Indonesien für Aufsehen sorgte.

Es sind vor allem Frauen, die sich mit den dunklen Kapiteln der indonesischen Geschichte beschäftigen und das Schweigen brechen. So auch die Journalistin Laksmi Pamuntjak in ihrem Roman »Alle Farben Rot«. Er schildert die Geschichte einer Frau, die sich nach Suhartos Sturz auf die Suche nach ihrem ehemaligen Geliebten macht. Sie hatte ihn während der politischen Wirren 1965 aus den Augen verloren und später erfahren, dass er auf die Gefangeneninsel Buru verschleppt worden war.

Bevor Leila S. Chudori, Ayu Utami und Laksmi Pamuntjak, diese verdrängten Geschichten in literarischer Form verarbeiteten, erforschten sie zunächst die historischen Fakten und befragten Zeitzeugen. Chudori recherchierte sechs Jahre lang für ihren Roman »Pulang«. So gibt es zum Beispiel für das geschilderte Restaurant in Paris ein reales Vorbild: Es wurde 1982 von indonesischen Exilanten als Genossenschaft gegründet und existiert noch heute. Auch die Verfolgung von Journalisten unter Suharto beruht auf tatsächlichen Ereignissen.

Indonesien steht fünfzig Jahre nach den Massakern noch ganz am Anfang, was die Aufklärung, Strafverfolgung und Wiedergutmachung der Völkerrechtsverbrechen betrifft. Die ­Literatur des Landes bietet jedoch eine gute Möglichkeit, sich mit der totgeschwiegenen Geschichte zu befassen. »Ein Schriftsteller sollte nicht nachlassen, seine Leser daran zu erinnern, welche schrecklichen Dinge in der Vergangenheit geschehen sind«, sagte Ayu Utami in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur. »Wir müssen uns dem Zurückliegenden stellen, damit es sich nicht wiederholt.«

Leila S. Chudori: Pulang (Heimkehr nach Jakarta). Roman. Aus dem ­Indonesischen von Sabine Müller, Weidle Verlag, Bonn 2015. 450 Seiten, 25 Euro. Ayu Utami: Saman. Roman. Aus dem Indo­nesischen von Peter Sternagel. Horlemann Verlag, Angermünde 2015. 240 Seiten, 11,90 Euro. Ayu Utami: Larung. Roman. Aus dem Indo­nesischen von Peter Sternagel. Horlemann Verlag, Angermünde 2015. 328 Seiten, 19,90 Euro. Laksmi Pamuntjak: Alle Farben Rot. Roman. Aus dem Indonesischen von Martina Heinschke. Ullstein Verlag, Berlin 2015. 672 Seiten, 24 Euro.

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