Amnesty Journal 29. Mai 2015

Verschollen

Angeschwemmte Leichen werden in der Wüste begraben: Der Hafen von El Ktef, Tunesien, nahe der libyschen Grenze

Angeschwemmte Leichen werden in der Wüste begraben: Der Hafen von El Ktef, Tunesien, nahe der libyschen Grenze

Wenn Flüchtlinge auf See sterben, werden ihre Leichname selten identifiziert. Angehörige fahnden oft erfolglos nach den Vermissten. Auf Spurensuche in Tunesien.

Von Dietmar Telser

Die Nacht, in der Mohamed aus den Träumen seiner Mutter verschwindet, ist klar, und das Meer liegt in windstiller Finsternis. "Ich bin auf einem Boot, ich fahre nach Italien", lässt Mohamed über das Telefon ausrichten, "ich melde mich, sobald ich angekommen bin".

Aber Mohamed, 23, ruft am nächsten Morgen nicht an. Er wird sich auch in den folgenden Tagen nicht melden. Fatuna Misrati ahnt, dass etwas geschehen ist. Denn es ist die Zeit, in der sie aufhört, von ihrem Sohn zu träumen. Aber sie denkt, das Meer kann sprechen, es würde ihr doch sagen, wenn es ihr den Sohn genommen hat.

Dreieinhalb Jahre später sitzt Fatuna Misrati in ihrer Wohnung in der tunesischen Hafenstadt Sfax und stützt sich auf ein gerahmtes Bild Mohameds. Es zeigt ihren lächelnden Jungen mit einer Baseballkappe. Der goldene Holzrahmen ist groß und sperrig. Sie hat das Bild auf den kleinen Tisch in der Küche gestellt. Sie klammert sich regelrecht daran, als wolle man ihr auch das noch wegnehmen.

Aus der Küstenstadt hatten sich in den Monaten des "Arabischen Frühlings" 2011 Tausende auf den Weg nach Italien gemacht. 28.000 Menschen legten nach Angaben der italienischen Behörden allein von Tunesien aus ab. Mehr als 1.500 starben auf der Überfahrt. Von manchen der mit Menschen vollgepferchten Fischkutter fehlt bis heute jede Spur.

Die Mütter von Sfax aber wollen das nicht glauben. Da ist Suad, die um ihren Sohn trauert. In der Nacht des 29. März 2011 hat er noch vom Boot aus angerufen und sie um Entschuldigung gebeten, weil er sie alleinlasse. Da ist Hamida, die ihren Hafar nicht daran hindern konnte, sein Motorrad zu verkaufen, um sich damit die Fahrt zu finanzieren.

"Bete für mich", sagte er, auch er rief um 3 Uhr nachts vom Boot aus an und meldete sich dann nie mehr wieder. Und da ist Yasmine, die sagt, dass sie ihren Ramzi noch vier Tage lang nach dieser Nacht immer wieder am Telefon anrief, aber am Ende der Leitung nur italienisches Stimmengemurmel hörte. Bevor das Telefon schließlich für immer verstummte.

Das Sterben auf dem Meer ist ein leiser Tod. Wenn Flüchtlingsboote sinken, werden kaum Nachforschungen angestrengt, Verantwortliche werden selten zur Rechenschaft gezogen, Leichen nur in Ausnahmefällen identifiziert. Nicht einmal die Zahl der Toten wird von einer offiziellen Stelle notiert. NGOs, Aktivisten und Journalisten haben deshalb Daten aus Archivberichten zusammengetragen. Auf mehr als 25.000 Tote und Vermisste seit dem Jahr 2000 kommt etwa "The Migrant Files", die Datenbank, die Statistiken der Organisation "United for Intercultural Action" und des italienischen Journalisten Gabriele del Grande zusammenfasst.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch das Boot Mohameds niemals in Italien ankam. Aber da gibt es diese Bilder aus einem Bericht des italienischen Senders "Canale 5". Sie zeigen die Ankunft eines Flüchtlingsbootes auf Lampedusa. Mehrere Mütter sind sich sicher, ihre Söhne auf den Fernsehbildern erkennen zu können. Auch Fatuna Misrati sieht auf den Aufnahmen ihren Mohamed. Aber was ist dann mit ihnen geschehen? Warum melden sie sich nicht? Warum rufen die Söhne ihre Mütter noch vom Boot aus an und dann nie wieder? Selbst wenn Italien bei der Registrierung nachlässig ist, wie wahrscheinlich ist es, dass ein ganzes Boot von Flüchtlingen nach der Ankunft verschwindet? Oder ist doch ­alles nur ein Trugbild?

Die Mütter glauben nicht, dass sie sich bei den Aufnahmen täuschen. Sie erzählen von Abschiebegefängnissen, in denen ihre Söhne vermutlich festgehalten würden, sie deuten Verbrechen der Mafia an, aber für keine der Versionen gibt es Anhaltspunkte. Vor zwei Jahren überprüfte die italienische Regierung 226 ­Namen und Fotos von vermissten Bootsflüchtlingen. Nur fünf Namen standen in den Ankunftsregistern der Behörden.

Fatuna Misrati möchte Gewissheit, was mit ihrem Sohn geschehen ist. Aber niemand kann ihr eine Antwort geben. Die ­tunesische Regierung nicht, die NGOs nicht, die sich für die Mütter schon eingesetzt haben. Selbst den Schmuggler aus dem Ort hat sie mehrmals zur Rede gestellt und nichts als vage und widersprüchliche Antworten erhalten.

Es ist paradox: Das Mittelmeer gilt als eine der meistbefahrenen Routen der Welt, kaum ein Meer wird so lückenlos überwacht. Drohnen und Helikopter überfliegen die Region, Kriegsschiffe patrouillieren vor den Küsten, Fracht- und Passagierschiffe queren die See. Und trotzdem verschwinden Boote, ohne dass es bemerkt wird, trotzdem sterben Tausende Menschen, ohne dass sie gerettet werden können.

Notrufnummer für Bootsflüchtlinge

Der Wissenschaftler Charles Heller, 33, kann das nicht nachvollziehen. Er lebt mit seiner Familie in Le Kram, einem Vorort von Tunis. Es sind von dort nur wenige Minuten zum Strand. Im Sand spielen Kinder, einige Einheimische baden, am Horizont haben Frachtschiffe festgemacht, das Kreuzfahrtschiff "Costa Musica" zieht auf seinem Weg nach Mallorca vorbei. "Das Meer ist eine pulsierende Ader", sagt Heller.

Frachtschiffe und Personenfähren bewegten sich darauf frei und dennoch sei es zugleich ein gewaltiger Filter. "Die Mehrheit der hier Badenden hat keine Möglichkeit, das Meer zu überqueren." An diesem so friedvoll wirkenden Szenario, will Heller sagen, zeigt sich die ­eigentliche tiefgreifende Gewalt der Grenzen Europas.

Charles Heller wuchs in Genf und den USA auf. Er studierte an der Goldsmiths-Universität in London und forscht am Lehrstuhl für forensische Architektur. Die forensische Architektur versucht, anhand der Analyse von Schäden an Gebäuden oder Räumen Kriegsverbrechen aufzuklären. Heller beschäftigte sich in seinem Projekt mit einem Teilgebiet davon, der forensischen Ozeanografie. In seiner Masterarbeit rekonstruierte er mit digitalen Karten, Windströmungen, Satelliteninformation, Rettungszonen sowie Zeugenaussagen ein Bootsunglück aus dem Jahr 2011.

Zwei Wochen trieb ein Schlauchboot mit mehr als 70 Menschen hilflos durch das Mittelmeer. Immer wieder sendete es erfolglos Notrufe. Am Ende überlebten nur neun Flüchtlinge die Fahrt. Hellers Team recherchierte, dass die Nato die Notsignale empfangen und weitergegeben hatte, aber kein Schiff darauf reagierte. 40 Kriegsschiffe waren zu diesem Zeitpunkt im Mittelmeer stationiert, mehrere Helikopter und Schiffe lagen laut Rekonstruktion in unmittelbarer Nähe des Flüchtlingsbootes.

Der Fall des Flüchtlingsbootes war die Grundlage für das Projekt "Watch the Med" im Jahr 2012. Seither sammelt die Plattform Informationen über Bootsunglücke. "Watch the Med" geht allerdings noch einen bedeutenden Schritt weiter. Die Plattform stellt auch die Frage nach der Verantwortung. "Wenn ein Kreuzfahrtschiff wie die 'Costa Concordia' havariert, beschäftigen sich Gerichte über Jahre mit der juristischen Aufarbeitung", sagt Heller. "Für gesunkene Flüchtlingsboote interessiert sich kaum jemand."

"Watch the Med" rekonstruiert die Bootsfahrten und erstellt anhand der digitalen Daten Bewegungsbilder. Am Ende schlägt "Watch the Med" die staatlichen Akteure mit deren eigenen Mitteln: Der zur Flüchtlingsabwehr hochüberwachte Mittelmeerraum liefert Daten, die zur Grundlage für Anzeigen wegen unterlassener Hilfeleistung führen. Das aber reicht den Experten um Charles Heller nicht. In Zukunft sollen Unglücke verhindert werden.

Im Oktober wurde ­gemeinsam mit einem Netzwerk aus Aktivisten eine Notrufnummer für Bootsflüchtlinge freigeschaltet. So werden bei einem Notfall Mitarbeiter und Aktivisten alarmiert, die nicht nur Rettungskräfte informieren, sondern auch die Koordinierung des Einsatzes überwachen. Denn in den vergangenen Jahren war es immer wieder wegen unklarer Zuständigkeiten und Kompetenzen zu verspäteten Rettungsaktionen gekommen.

Reagieren Marineschiffe oder Küstenwache nicht rechtzeitig, werden die Medien informiert. "Dann machen wir Krach", sagt Heller. So will "Watch the Med" nicht nur die Staaten zur Rechenschaft ziehen, sondern langfristig auch auf die Politik einwirken. Für Heller bleibt dennoch ein Grundproblem der europäischen Politik bestehen: "Wir können uns nicht damit rühmen, Menschen gerettet zu haben, wenn es unsere Politik ist, die Menschen in den Tod treibt. Das ist doch ein Widerspruch in sich."

Beste Bedingungen für Kriminelle

Inzwischen aber geht das Sterben weiter. 485 Kilometer weiter südlich sitzt Dr. Mongi Slim in der Lobby des Hotel El Kssour in Medenine und telefoniert. Er ist ein freundlicher, rastloser Mensch, einer, der ungünstige Augenblicke weglächeln kann. Er verschwindet kurz während des Gesprächs, weil er noch jemandem etwas versprochen hat, und ist dann wieder zurück: "Wo waren wir stehen geblieben?" Dann klingelt wieder eines der beiden Telefone.

Mongi Slim ist Apotheker und der Präsident des Roten Halbmondes in der Region. Er ist somit auch zuständig für das Grenzgebiet zu Libyen. In Libyen zerfallen gerade die wenigen staatlichen Institutionen. Es sind die besten Arbeitsbedingungen für Kriminelle und Schmuggler. Viele syrische Flüchtlinge fliegen von Istanbul, Kairo oder Beirut in das visumfreie Algerien, durchqueren den Süden von Tunesien und erreichen Zuwarah gleich hinter der Grenze in Libyen. Dort steigen sie auf Flüchtlingsboote.

Manchmal, wenn der Wind von Osten weht, treibt er die Flüchtlingsboote an die tunesische Küste. Sechs Boote strandeten im vergangenen Sommer und mit ihnen Flüchtlinge, die überall hin wollten, nur nicht nach Tunesien. In Medenine wurden gerade Flüchtlinge aus dem Sudan, Somalia und Eritrea in einem Studentenwohnheim einquartiert. Der Bootsmann hatte sich als Kapitän ausgegeben, um sich das Geld für die Passage zu sparen. Erst auf See zeigte sich, dass er nicht navigieren konnte.

Nach 20 Stunden, in denen sie kaum vorangekommen waren, erbarmte sich die Küstenwache und zog sie an Land. Jetzt stecken sie fest. Wenig später strandeten weitere 15 Flüchtlinge. Sie wurden im Hafen von Zarzis untergebracht, jetzt aber möchte die Hafenbehörde sie loswerden. Mongi Slim muss eine Bleibe finden, deshalb die ganzen Anrufe.

Doch Mongi Slim hat noch einen Job. Wenn der Wind dreht, treibt er manchmal nicht nur Boote an die Küste, sondern auch die Toten der gescheiterten Fluchten. Die Helfer des Roten Halbmonds waren draußen am Strand, als Leichen des Bootsunglücks vom 24. August 2014 angeschwemmt wurden. Die Nationalgarde hatte um Hilfe gebeten. Sie benötigten ein Schlauchboot und Leichensäcke. Mehr als 100 Menschen waren ertrunken, als das überfüllte Boot 20 Meilen vor der libyschen Küste kenterte. Am ersten Tag fanden die Helfer drei Tote am Strand. Am zweiten Tag trieben fast 30 Leichen im Wasser.

Die Helfer vom Roten Halbmond holten die Leichen aus dem Wasser. Die Nationalgarde fand auch Pässe und Dokumente. Manche waren von Überlebenden, andere klebten eingeschweißt in Plastikfolie an den Toten. Die Pässe wurden alle zusammen einfach in eine Tüte gesteckt. Somit wurde die letzte Chance einer Identifizierung unmöglich gemacht. Beim Roten Halbmond ist man nicht glücklich darüber. Aber im postrevolutionären ­Tunesien sind die Prioritäten der Behörden andere.

Dr. Mongi Slim hat jetzt eine Liste mit 26 Namen. Es sind die Namen derjenigen, deren Pässe und Dokumente gefunden wurden. Aber sie haben keine Aussagekraft mehr. Er erhält nun Anrufe und E-Mails aus der ganzen Welt. Sie schicken Bilder und wollen wissen, ob ihre Angehörigen unter den Toten sind.

Mongi Slim zeigt ein Foto auf seinem Handy. Ein glückliches Paar im Flugzeug, vermutlich auf dem Weg nach Algerien. Er zuckt die Schultern. Es existieren einige Aufnahmen von Leichen, aber die Toten sind nach den Tagen im Meer nicht mehr wiederzuerkennen. Mongi Slim schüttelt den Kopf: "Was soll ich machen?" Die Toten wurden längst bestattet.

Am Strand vom Hafen El Ktef an der Grenze zu Libyen liegen sie begraben. Ein weggeworfener Mundschutz, einige leere Wasserflaschen der Helfer und die Reifenspuren des Lkw, der die Toten abgeladen hat, sind die einzigen Hinweise auf die Grabstelle. Mehr als 40 Leichen wurden beigesetzt, der Boden wurde eingeebnet. Es wurden keine DNA-Proben genommen und auch keine Fingerabdrücke. Beim Roten Halbmond überlegt man, einen Hinweis anzubringen. Aber ohne Namen?

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Infokasten: "der zaun"
Die beiden Journalisten Dietmar Telser und Benjamin Stöß folgten für diese Recherche drei Monate lang den außereuropäischen Grenzen. Sie sprachen mit Flüchtlingen, Grenzpolizisten und Aktivisten in Bulgarien, Griechenland, Italien, Tunesien, Marokko und der Türkei. Daraus ist die Multimedia-Reportage www.der-zaun.net entstanden. Unterstützt wurde die Recherche unter anderem durch Crowdfunding.

Dietmar Telser, geboren 1974, aufgewachsen in Südtirol, Studium in Wien, Göttingen und Hamburg, ist als Politikredakteur bei der "Rhein-Zeitung" in Koblenz angestellt. Für die Realisierung des Projektes nahm er eine berufliche Auszeit. Benjamin Stöß, geboren 1978 in Kamp-Lintfort, Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln, ist freiberuflicher Bildjournalist und arbeitet am Käte Hamburger Kolleg "Recht als Kultur" in Bonn.

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